Von der Auferstehung verlorengegangener Nähe

Oliver Fahn für #kkl15 „Nähe“




Von der Auferstehung verlorengegangener Nähe

Nach Professionalität aussehende Distanz will ich überwinden. Zu mir, zu meiner Umgebung. Ich muss mir abtrainieren, was ich selbst geschaffen habe. Einen Abstand, der sich zur Routine eingeschlichen hat. Frühmorgens am gedeckten Tisch merke ich die Beklemmung, sobald ich den Windhauch verschlafener Münder rieche. Jedem Reiz will ich entrinnen. Brötchenduft, der seine geräuschlosen Schwaden komponiert. Haut, die nach zerlaufener Butter schmeckt. Marmelade, die sich von Menschenhand der Krume aufstreicht. Ich blicke und sehe nichts. Ich schnuppere und rieche nichts. Nichts im Sinne von wohlwollender Verarbeitung, die mich Wahrnehmungsfähigkeit erlangen lässt. Meine Integrationsbereitschaft befindet sich im Kampfmodus, im Abwehrstatus. Sinne, die sich in den Tiefschlaf verabschieden möchten, werden aromatisch übergossen, von Bildern und Akustik geflutet. Je mehr ich versuche, morgendliches Frühstück in ein Standbild zu gießen, desto präsenter werden Impressionen, die sich mir ausstellen. Alles ist angerichtet, mich zu belagern. Einzunehmen, was von meiner Persönlichkeit einnehmbar ist. Das Knacken der Kruste bedarf heute Kopfhörern. Gegen Kaffeeduft bräuchte ich eine Nasenklammer. Stühle quietschen ihre unerträgliche Sinfonie, Fettaugen der Hühnersuppe stechen meine Augen. Fast aus. Für Dramatik sorgt die Vielzahl aufeinandertreffender, miteinander kollidierender Anwartschaften. Jedweder Eindruck will beachtet werden. Jeder ist Protagonist, ein jeder Statist. Es ist die Unübersichtlichkeit der Standpunkte und Lageveränderungen diverser Lebensmittel, die mich rasend macht. Nicht nur die der Lebensmittel. Spontan könnte ich die Übeltäter nicht benennen. Mir fiele Milch als Name weißer, aus dem Tetra Pak rinnender Flüssigkeit, nicht ein.

Ich masere die Rauten des Tischtuchs. Bestehe auf Konzentration. Vergebe mich an Achtsamkeit auf unbewegliche Dinge. Behandle das Statische wie beste Freunde. Verehre ihre Beharrlichkeit, die sie durch Standhaftigkeit an den Tag legen. Konstanz, die sie zeigen, verleiht mir Stabilität. Wunderbare Lethargie, die in jenem Material völlig unbeabsichtigt daherkommt. Wie unbewusste Komik verhält es sich mit unbewusster Trägheit. Ich liebe Unbedachtheit. Mich zieht an, wenn jemand nicht weiß, was er tut und mit unbestechlicher Ruhe zu Werke geht. Nichts Gelerntes schwingt in der Untätigkeit. Keine taktischen Manöver, um Aufgaben auszuweichen. Jene durch nichts und niemanden angestachelte Bedächtigkeit nehme ich mir zu Herzen. Ich komme zur Ruhe. Ich komme zu mir. Fundamentale Voraussetzungen, auf meine Liebsten zugehen zu können, werden geschaffen. Dagegen stinkt all der Terror, den Lebensmittel ringsherum fabrizieren. Wollen sie sich nach ihrer Herstellung selbstverwirklichen, Triebe schlagen, die an ihnen lächerlich daherkommen?

Ich mag es pur. Durch nichts zu verbiegendes Ambiente. Einrichtungsgegenstände favorisiere ich gegenüber Essbarem. Mit ihm wird durch mehrere Menschen am Tisch allerhand betrieben. Gekleckert und weitaus weniger geklotzt. Es ist büffetspezifische Raffgier, die mich antreibt vor ihr zu fliehen. Erkennbarer Futterneid in übersättigtem Staat. Eine auf unseren Mikroorganismus Familie abfärbende Kollektivsache. Ich schabe meinerseits meditative Muster in die Butter hinein. Massengräber meiner Gedankenverlorenheit schlage ich aus. Eine Abfolge wiederkehrender Messerbewegungen stanzt Flocken aus vormals makellosem Butterblock. Ich lasse es mir nicht nehmen, Teilhaber des Verderbs zu sein. Meine Beteiligung ist Nebenprodukt der Versunkenheit, die ich gerade zu üben pflege. In der Stille übermannen mich Verhaltensweisen, die ich an meinen Liebsten boykottiere. Anscheinend muss ich mich dazu bringen, Erzeugnisse aufzurühren, um meinen eigenen Frieden zu finden. Ich gebe vor, mich aufgrund der Verstümmelungen nicht zu verteufeln. Ich schabe innerer Mitte entgegen, in der Hoffnung, ich kann mir eine Weile zugestehen, mich in ihr aufzuhalten. Eins werden mit den Schnippeln, die ich der Butter herausarbeite, während ich mit meinen Augen die Rautenmuster des Tischtuchs nachzeichne. Alles, was ich augenblicklich vorhabe, ist das Vergehen in Tätigkeit und Begutachtung. Es ist der Umweg, den ich gehen muss, die in Kauf zu nehmende Route, um zu mir zurückzufinden. Heißt aufeinander zugehen nicht auch, einst externalisierte Dinge zu mobilisieren, seinem Innenleben einzuweben? Mit Reizen, die anfänglich überfluten, allmählich zurechtzukommen? Will ich an die mich Umgebenden näher heranrücken, ist Ansprechbarkeit unabdingbar. Jeder Schritt auf sie zu, so symbolisch die Zeichen des Aufbruchs erscheinen mögen, ist eine Suche nach Zugängen. Wer sucht, der findet. Meistens. Also los. Von mir ausgehend, muss ich Brücken hin zu ihnen schlagen. Jeder Weg beginnt mit der Instandsetzung eigener Beine. Ihre Enthaltsamkeit aufzukündigen ist unabdingbar, das konkurrenzlose Mittel der Wahl. Ich darf keinesfalls in isolierten Gedankengängen vergehen, mich in rigiden Eigenheiten vermummen. Ich muss jene Raumfahrtattitüde aufgeben. Zugunsten neugewinnender Zugänglichkeit meine Kapsel bersten.

Stück für Stück wird mein Schaben zur inklusiven Bewegung, eingebettet vom Schlürfen noch heißen Kakaos, dem Knacken der Brotrinde, die darauf wartet, hernach in der Tasse eingeweicht zu werden. Ich erlebe, wie meine Abgeschiedenheit aufbricht. Angehäufte Reize beginnen wie koordinierte Zellen füreinander zu arbeiten. Sie funktionieren plötzlich gleich eines Uhrwerks, dessen Räder exakt ineinandergreifen. Ich strecke meine Arme, spanne meine Schultern, werfe gähnend Lasten ab, die es faktisch nie gab, die ich mir aber unzweifelhaft aufgeladen hatte. In den wachen Pupillen meiner Frau spiegele ich mich, reflektiert sich ihre Sympathie meiner merkbar ansteigenden Regsamkeit. Auch wenn ich zwischenzeitlich wieder die Butter ankratze, so reibe ich danach sofort meine Hände vor Lust, den Tag zu beginnen. Nicht allein, sondern als Teil der Familie, als untrennbarer Part der mich umgebenden Reize. Die starren Möbel erfrieren zur Hintergrundkulisse, das Leben selbst schiebt sich auf die Bühne. Als der Vorhang sich lichtet, fühle ich mich nicht entblößt, in einer mir verträglichen, Intimität ermöglichenden Nacktheit präsentiert.

Übergossen von einem glasurähnlich schützenden Bezug gegen Bedrängnis, ist er jedoch dünn genug, um unmittelbare Zuneigung heranzulassen, die aus meinem Umfeld an mich heranströmt. Dem Kaffee rieche ich plötzlich jede einzelne Bohne heraus. Sämtliche Überforderungsanträge weise ich beiläufig zurück. Sie sollen als Relikte von Gewohnheit in meine Geschichte eingehen, dem Rang zugewiesen werden, der ihnen zusteht. Sogar auf Porzellantellern quietschenden Messern höre ich keine Notwendigkeit heraus, ihre Geräusche abzustellen. Innere Harmonie flutet aus meinen Schläfenlappen, legt und vermehrt ihre anstiftende Atmosphäre auf meinen Sohn und meine Frau, spendiert ihnen ein offenes Lachen, die Bereitschaft freizügig mit Witzen umzugehen, die ich in Überschwänglichkeit ausbringe.

Geradezu verschwenderisch gehe ich mit Prognosen um, der Tag wird vom Wetter unabhängig, sonnig werden. Mein Stimmungsanstieg kostet ein wenig Überwindung, wie eben Mandalas, die man bei Besinnungstagen zu zeichnen hat. Gleichermaßen bewirkt die Prämisse, Scham hinunterzuschlucken, eine unbändige Annäherung an den Kern von Menschlichkeit, die mir verborgen innewohnt. Es scheint etwas nie Versiegendes in mir zu strömen, eine regenerative Schmelze, die im endlosen Kreislauf zirkuliert. Ein Fortgeben, ein Zurückkehren, ein Puls der schlägt, solange Leben in einem ist, Innerlichkeit, die expandiert, bis sich der Körper letzter Vibrationen entwindet. Ich vernehme eine Durchlässigkeit, in der ich trotzdem nicht filterlos von Eindrücken geflutet werde. Dies Ebenmaß von Dichte und Transparenz, das mich plaudern lässt, ohne auf mein Wort zu bestehen, lerne ich zu schätzen. Ich lasse Einwände meiner Frau gelten, meinen Sohn ungestraft dazwischenreden. Nichts, woran ich mich störe, nichts, was mich berechtigt zu berichtigen.

Zuvor stockende Raumluft fließt entsprechend meiner Laune. Das Zimmer öffnet sich zu einem Saal mit Weite, in dem freies Atmen machbar ist. An sichtbare Begrenzungen fühle ich mich mitnichten ausgeliefert. Sie erscheinen mir als natürlicher Bestandteil rein optischer Limitierung. Eine süßliche Stimme von Zufriedenheit raspelt in mir winzige Späne, die ich als milde Gabe meinem Gegenüber weiterreiche. Ich docke bei ihm an, wir verstehen uns auf einer Ebene, für die es keiner Sprache bedarf, der zu viele künstlich herbeigezogene Worte eher zerstörerisch sind als nützlich. In homöopathischer Sprachdosis tappe ich durch den restlichen Morgen. Ein vielstimmiges Orchester aufzuarbeitender Sinneslieder findet bei mir Anklang. Anfangs dicke Eisschichten sind gebrochen. Die Sonne ist im Begriff sprossenweise ihre Himmelsleiter emporzuklettern, restliche Wolken, die einen herrlichen Tag verbauen, mit ihren Strahlen zu pulverisieren. Ich liebe den Tag, ich liebe meine Familie, ich liebe das Leben, ich liebe die erstaunlich unwiderrufliche Tatsache, dass Umbrüche geboren werden, sofern man sie bewirbt. Ich bin bereit, alles was da kommt, unmittelbar aufzugreifen. Dem Leben will ich so nah sein, wie den Menschen, die sich darin befinden, die ein karges Solistendasein mit Lebendigkeit ausschmücken. Meine Bemühungen haben sich gelohnt. Frau und Sohn sitzen da und lächeln. Ihr Lächeln besagt, so nah war ich ihnen seit etlichen Jahren nicht mehr. Ich feiere eine Wiedergeburt, die ich stillschweigend nach außen trage. Ungesagter Dank über diese Auferstehung schwingt mit.







Oliver Fahn wurde am 21.03.1980 in der Kreisstadt Pfaffenhofen an der Ilm im Herzen Oberbayerns geboren. Der Heilerziehungspfleger lebt dort zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Neben dem Schreiben zählt Langstreckenlauf zu seinen Leidenschaften.

Veröffentlichungen:

-Profil auf story.one (unter anderem „Schreibtisch, wann gibst du mich frei?“ und „Auf was ich warte…“)

-Papierfresserchens MTM + Herzsprungverlag (Beitrag zu „Liebesgrüße aus Napoli“) April 2022: „Gutschein mit Folgen“

-#kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin März 2022: „Bewegter Stillstand“

-7. Bubenreuther Literaturwettbewerb Oktober 2021: „Willst du gehen und wenn ja, auf welchen Füßen?“





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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