Nähe – Zu- Lassen

Kordula T. Klaus für #kkl15 „Nähe“




Nähe – Zu- Lassen

Bunte Zettel wedelten vor seinen Augen. Eine Frau mittleren Alters redete. Sie redete schnell aber mit ruhiger Stimme. Dabei lächelte sie mit dem Mund aus dem diese Stimme und diese Worte kamen. Aber ihre Augen waren leer. Diese Frau hatte ihn bestimmt schon drei Mal besucht. Er konnte sich daran erinnern. Immer mit denselben Worten und denselben Zetteln und denselben leeren Augen. Langsam schälte er sich aus dem Schlafsack. Er hatte die Nacht auf einer Parkbank verbracht. Er lag immer auf dieser Parkbank, da sie vor Wind geschützt an einem ruhigen Weg lag. Jetzt war Anfang Oktober und die Nächte wurden allmählich erbarmungslos kalt. Seine Glieder waren noch ganz steif. Um ihn herum lagen Blätter. Manche waren rot oder gelb. Andere waren braun. Er setzte sich auf und blickte die Frau an. Sie redete einfach weiter. Von Anträgen und von Bescheiden und Ausweisen und Förderprogrammen. Eigentlich hörte er gar nicht richtig hin. Sie hielt ihm die Zettel vor die Nase. Darauf waren Menschen abgebildet. Lachende, glückliche Menschen. Und Menschen die dunkel gekleidet irgendwo auf einem schmutzigen Boden kauerten. Die glücklichen sauberen Menschen streckten den schmutzigen Menschen eine Hand entgegen. Oder es waren Flaschen und Tabletten und Spritzen abgebildet. Mit großen roten Buchstaben stand dann Stopp – Nein zu Drogen, oder ähnliches. Er wandte den Blick ab und beobachtete die Menschen die vorbeispazierten, während die Frau einfach weiterredete.

Er sah eine junge Mutter, die ein kleines Mädchen in der einen und eine Hundeleine in der anderen Hand hielt. Der Hund lief einige Meter vor den beiden her. Das Mädchen hatte blonde Haare und trug über einen blauen Mantel einen kleinen roten Rucksack in Form eines Marienkäfers. Die junge Mutter blieb stehen und begann ein Gespräch mit einem Mann der entgegengesetzt auf einem Fahrrad vorbeifuhr. Sie umarmten sich zur Begrüßung. Das kleine Mädchen lies die Hand der Mutter los und fing an mit dem Hund um die Wette zu laufen. Dabei kicherte es immer wieder und der Hund bellte vergnügt.

Die Frau vor ihm machte sich immer größer um sich ihren Worten gehör zu verschaffen. Dabei wurde sie lauter und redete noch schneller. Ihr Blick lag schwer auf ihm. In ihren goldumrandeten Brillengläsern spiegelte sich seine Silhouette. Er rutschte einen Meter von ihr weg um wieder in der Sonne zu sitzen. Wie ein Stück Fleisch, dass man aus dem Gefrierschrank legt, damit es auftaut. Dabei schloss er die Augen um sich auf das Kinderlachen zu konzentrieren. Er erinnerte sich gern an seine Kindheit. An die Wärme und die Freude. Das veranlasste die Frau ihm nun die Zettel in den Schoß zu werfen. Er öffnete die Augen wieder. Triumphierend lächelte sie ihn nun an. Als hätte sie gewonnen. Als hätte irgendwo eine Stimme ihr ein lobendes „Bravo –Gut gemacht“, zugerufen. Er legte die Zettel, die Broschüren waren, neben sich auf die Bank und nickte. Dann öffnete die Frau ihre Tasche und redete weiter, von wer weiß was. Sie zog sich Plastikhandschuhe an. Dann holte sie ein Päckchen hervor. Darin waren Hygieneartikel wie Zahnbürste und Rasierer. Sie reichte ihm das Päckchen. Auch das legte er neben sich auf die Bank. Dann griff sie wieder in die Tasche und gab ihm zwei Flaschen Wasser und zwei Äpfel sowie abgepackte Sandwiches. Sie achtete darauf, dass er ihr jedes Mal in die Augen sah, wenn sie ihm etwas in die Hand legte. Und sie achtete darauf, dass ihre Plastik behandschuhten Finger seine nicht berührten. Sie zuckte dabei immer ein bisschen als hätte sie Angst.

Das Mädchen musste diese Szene beobachtet haben, da es ihren Rucksack öffnete, ihr Jausenbrot herausnahm und genüsslich davon abbiss. Auch ihrem Hund gab sie davon ab. Mit dem Brot in der Hand tollten es weiter umher. Während die Frau ihre Tasche wieder schloss und sich die Handschuhe auszog redete sie davon, dass wir doch in einem Sozialstaat lebten und es wäre doch gelacht, wenn Menschen wie Ihnen nicht geholfen werden könne. Die letzten Worte klangen noch etwas nach. Menschen wie Ihnen. Menschen wie …? Was machten sie aus, diese Menschen? Aber er sprach seine Gedanken nicht laut aus. Er blieb einfach still und stumm sitzen. Den Blick auf den Boden vor sich gerichtet. Ein Windstoß vertrieb die gerade erwärmte Luft. Es frischet auf. Er fühlte sich von der Frau beobachtet. Sie blickte von oben auf ihn herab. Musterte ihn. Urteilte und war sich ihrer guten Tat bewusst.

Plötzlich setzte sich das kleine Mädchen neben ihn auf die Bank. Sie war so ungestüm, dass dabei die Broschüren auf den Boden fielen. Mit großen lachenden Augen sah es nun den Mann an und hielt ihm ihr Pausenbrot entgegen. „Ich geb dir einen Bissen von meinem Brot, wenn ich einen Bissen von deinem Apfel haben kann“, sagte es.  Von unten beobachtete der Hund das Mädchen und den Mann. Dabei wedelte er mit dem Schwanz und wirbelte Blätter auf. „Gern. So machen wir das“, antwortete er und reichte dem Mädchen den Apfel.




„Mein Name ist Kordula T. Klaus. Ich bin 31 Jahre jung (geboren am 30.08.1990 in Graz). Arbeite als technische Angestellt im Controlling.“





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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