Früher

Sabrina Meinen für #kkl15 „Nähe“




Früher

„Seine Haut ist noch zu unreif. Sie dürfen daher nur ihre Hand auflegen.“

Immer wieder schießen mir diese Sätze durch den Kopf. Die anschließende Erklärung, dass ein Streicheln zu Schmerzen führt, ist mir in aller Hinsicht logisch. Dennoch kann ich mich schwer zurückhalten. Allein der Gedanke meinem eigenen Kind weh zu tun, hilft mir dies durchzuhalten. Geräuschlos öffne ich die Klappen des Inkubators. Zögernd schiebe ich meine Hand hinein. Soll ich wirklich mein Kind anfassen? Kann ich dabei etwas falsch machen? Was ist mit der Wärme die über die Klappen entweicht, kühlt dadurch mein Sohn aus?

Der kleine Kerl hat seine Augen geschlossen. Wahrscheinlich schläft er. Kein Wunder nach der Anstrengung der vergangenen Stunden. Ich merke sie ebenfalls. Den Kampf gegen die Wehen habe ich letzten Endes doch verloren. Komplette 10 Wochen zu früh.

Tränen laufen über meine Wangen. Sie stellen einen Mix aus Sorge, Ergriffenheit, Angst, Wut und vorsichtigem Glück dar.

Nach einer unendlich langen Zeit, halte ich meine Hand über den Rücken meins Babys. Eine unsichtbare Barriere baut sich auf, als wäre mein eigene Haut noch zwischen meinen Fingern und seinem Körper. Tief durchatmend überwinde ich mein emotionales Hindernis.

Sanft liegt meine rechte Hand auf dem Körper meines Sohnes. Eine extreme Muskelanspannung hindert mich eine Streichelbewegung zu vollführen.

Auch wenn wir uns so nah sind, empfinde ich keine Nähe. Denn ich darf meine eigenes Kind weder selbst halten noch hochnehmen. Zusätzlich bilden die Plastikwände des Inkubators eine Art Absperrung.

Nichts ist wie es sein sollte.

Später

Endlich ist es wie es sein sollte. Ich empfinde Nähe.

Nach Monaten des Kampfes erhalte ich eine wohlige Umarmung meines Kindes. Eigentlich will ich gerade zur Arbeit gehen, aber er muss mich noch einmal zurück rufen.

„Mami! Warte!“

Natürlich bleibe ich stehen während er heran stürmt. Freudig hocke ich mich hin. Stürmisch wirft der kleine Kerl seine Arme um meinen Hals, legt seinen Kopf in meinen Hals.

„Ich liebe dich.“ flüstert er in meine Haut.

Ein Satz, der mich alles vergessen lässt. Vergessen ist die entbehrungsreiche Zeit auf der Neonatologie. Vergessen sind die Tränen und die Wut über die ablehnende Haltung meines Babys, wenn ich es auf meinen Arm nehmen wollte. Sowie die Enttäuschung über unser Bindungsproblem. Ein Problem, dass sich in Unruhe und hektischen babytypischen Bewegungen zeigte, wenn ich meinem eigenen Sohn zu nah kam. Das Tragen in der Babytrage war mit Weinen und Schreien erfüllt. Ähnlich wie das Kuscheln. Mit zunehmender Mobilität gewann mein Sohn Möglichkeiten sich mir zu entziehen. Meine Nähe war ihm unangenehm.

Natürlich konnte ich dies niemals so stehen lassen. Mir war egal was die anderen sagten:

„Er kuschelt eben nicht gern.“

„Das verwächst sich irgendwann.“

„Ist halt typisch Junge.“

„Du willst doch nicht etwa eine Helikoptermama sein?“

„Dann fällt ihm die Trennung leichter.“

Jeder dieser Sätze war ein Stich ins Herz, ein Schlag in die Magengrube, eine schallende Ohrfeige und ein Tritt in den Hintern zugleich.

Wir suchten uns Hilfe. Dank einer wundervollen Ergotherapeutin lernte ich mit dem ablehnenden Verhalten meines Kindes umzugehen. Ihm zu zeigen, dass Berührung angenehm sein kann. Dass Berührung entspannen kann. Und dass Berührung Schutz und Geborgenheit bieten kann.

Mit dem heutigen Satz weiß ich, dass sich 3,5 Jahre fördern und trainieren gelohnt haben. Trotz vieler Zweifel und Ängste als Mama nicht genug gewesen zu sein.

Heute weiß ich, dass ich mehr als genug bin.




Sabrina Meinen

Ich bin gelernte Ergotherapeutin und entdeckte das Schreiben als Hobby durch die Geburt meines Sohnes. Durch ihn lernte ich 2018 die Welt der Frühchen kennen. Meine Erfahrungen und mein neu erworbenes Wissen veranlasste mich, aktiv zu werden und für die Veränderung der Welt der Frühchen zu kämpfen. Über verschiedene Fachartikel in Therapeutenzeitschriften habe ich versucht die Aufmerksamkeit auf die kleinen Kämpfer zu lenken.

2020 gewann ich bei einem Schreibwettbewerb und meine Mutmachgeschichte wurde in einem Buch veröffentlicht |K|Riesenglück – Das Mutmachbuch | Shop der Kreativmacherei.

2021 war meine Stimme in einem Radiobeitrag des DLF über extreme Frühchen zu hören Extreme Frühchen an der Grenze zur Lebensfähigkeit (deutschlandfunk.de).





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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