In deiner Umlaufbahn

Tabea Gottmann für #kkl15 „Nähe“




In deiner Umlaufbahn

Die Menschen sagen, der Weg sei das Ziel. Doch vielleicht sagen sie das, weil sie Angst haben, irgendwo anzukommen? Und am Ende des Weges festzustellen, die Reise hat sich nicht gelohnt. Das Gras war am anderen Ufer doch grüner.

Nicht alle Geschichten haben ein Happy End. Brauchen sie auch nicht, denn so spielt das Leben. Da gibt es zwar immer ein Ende, aber ob es glücklich ist, das wissen wir nicht. Wir sprechen immerzu von Liebe und dem großen Glück und merken nicht, wie uns die Erwartungen daran langsam erdrücken. Du sagst, du liebst mich und merkst nicht, wie du mir langsam die Luft raubst. Du sagst, du willst für immer mit mir zusammen sein, aber aus deinem Mund klingt das eher wie eine Drohung, als wie ein Versprechen. Und ich liege jede Nacht wach und stelle mir die gleichen Fragen, während du neben mir liegst und dich gar nicht bewegst. Du drehst dich um dich selbst und ich, ich kreise wie ein Trabant um seinen Planeten. Auf dem Planeten gibt es Wasser und Sauerstoff. Auf dem Trabanten gibt es Wasserstoff und Helium und Weltraummüll. Wann habe ich aufgehört ein Planet zu sein und bin zu einem Trabanten geworden? Ich habe keine eigene Umlaufbahn und keine Atmosphäre, die mich vor Meteoroiden, Asteroiden und Kometen schützt. Wenn das Ende kommt, dann bin ich interplanetarer Staub. Wenn das Ende kommt, würden wir es überhaupt bemerken? Ich liege wach und kreise um so viele Fragen. Warum haben wir uns verändert oder sind wir immer noch dieselben? Ich lache nicht mehr so häufig wie früher und du hast mehr Falten auf der Stirn. Ich bemerke deine Falten und fühle mich verantwortlich dafür. Ich habe Angst dich zu enttäuschen und diese Angst ist eine schlechte Freundin. Sie lässt mich Dinge tun und Dinge sagen, die ich nicht so meine. Oder sie lässt mich verstummen. Dann redest nur noch du und deine Stimme wird immer lauter. Ich höre deine Worte, doch verstehe ich sie nicht. Es ist 1:23 Uhr und ich kann nicht schlafen. Warum berühren wir uns nicht mehr, wenn wir nebeneinander liegen? Warum ist eine Decke plötzlich zu klein für zwei Menschen?

Manchmal weißt du nicht, wo ich gewesen bin und es macht dich wütend. Manchmal weiß ich nicht, warum du wütend bist und es macht mir Angst.

Es ist ein seltsamer Tanz aus Nähe und Distanz.

Ich bin immer in deiner Umlaufbahn, ich bin dein Trabant.







Tabea Gottmann wurde 1986 in Speyer geboren und lebt bei Heidelberg. Sie studierte internationale BWL und interkulturelle Studien und arbeitet im Marketing. Die Inspiration für ihre Texte findet sie vor allem in der Musik und durch zahlreiche Reisen.

tabea.gottmann@gmail.com





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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