Hochzeitsnacht

Cornelia Koepsell für #kkl15 „Nähe“




Hochzeitsnacht

An einem Tag im Dezember wachte Vera auf. Sie hatte keine Ahnung, was für ein Tag es war. Gestern noch war ihr bewusst, dass man den ersten Dezember schrieb. In der Nacht war ihr etwas abhanden gekommen.

Am diesem Morgen schlug Vera die Augen nicht in ihrem Bett auf, obwohl sie sich am Abend vorher genau in dieses gelegt hatte.

Sie befand sich in einer Art Sumpf, mooriges, brackiges, weiches Wasser um sich herum, das ihre Haut streichelte. Letztere war blaugefärbt, der Körper fühlte sich fülliger an, Arme und Beine dagegen dünner, leichter. Vera bewegte sich mit Schwimmbewegungen vorwärts.

Aus dem Augenwinkel heraus sah sie, dass Egon neben ihr schwamm. Woran sie ihn erkannte, das wusste sie nicht, denn auch er hatte sich in einen blaugefärbten Moorfrosch verwandelt mit gelben Augen, einem plumpen Körper, breitem Kopf, so wie es bei Fröschen üblich ist.

Vielleicht war es das Glitzern in seinen zu Gelb mutierten Augen, dieses aufflackernde Leuchten, das schon immer ihr Herz erwärmt hatte, wenn es unvermutet hervorbrach. Oder das Lächeln in seinem jetzt breiten Froschmaul. Dahinter ahnte sie seine leicht auseinander stehenden Zähne, die sich hoffentlich nicht verändert hatten.

Immer wenn sie einen Blick darauf werfen konnte, dann war es so wie damals in der Küche, als Vera fünf oder sechs Jahre war, die Arme ausbreitete und sich drehte und drehte und drehte, bis sie den Herd, den Kühlschrank und die Küchenmöbel angesteckt hatte und sie einen gemeinsamen, wilden Tanz aufführten.

„Haben Frösche Zähne?“ überlegte Vera, während sie dem Gurgeln und Rauschen der Luftblasen um sich herum lauschte.

Vera fand Egon schön, auch und gerade jetzt, nachdem er die Verwandlung in einen Moorfrosch vollzogen hatte.

„Gut siehst du aus“, sagte sie, aber es kam nur eine Art Quak heraus. Rechts und links von ihrem Gesicht quollen zwei riesige Blasen hervor.

Egons’ Froschgrinsen vertiefte sich und er sagte, ja was denn bloß, Vera verstand es nicht, obwohl es das Schönste war, was sie je gehört hatte. Es ließ ihre blaue Haut vibrieren und erzittern. Sie tauchte unter, tief hinein in das brackige Wasser, damit er ihr Erröten, welches die Haut violett färbte, nicht bemerkte.

Allerdings hatte er längst erkannt, was Sache war. Selbst als Frosch war Egon nicht unsensibel. Er wiederholte seinen Satz, diese wunderschöne Melodie: „Quak .. Quak“, deren Inhalt Vera nicht verstand, obwohl der Sinn ihr nicht verborgen blieb.

Mit vorsichtigen Bewegungen schwamm sie auf ihn zu. Wie gut, dass ich schon  früh meinen Freischwimmer abgelegt habe, überlegte Vera, ich muss nicht nachdenken, es funktioniert einfach.

Schon war sie bei Egon angelangt, spürte seine glitschige Haut an der ihren, irgendetwas überflutete sie, es gelang ihr nicht mehr, sich mit Gedanken an Schwimmunterricht oder Küchenmöbel abzulenken. Sie war nur noch Haut und Haut und nochmals Haut. Immer noch hörte sie Egons’ Quak Quak, es schwang tief in ihrem Körper.

In dem moorigen Wasser begann es zu gurgeln und rumoren, die Unterwassergeister kamen herbeigeeilt, sie hatten Nachricht erhalten, da die Schwingungen sich kilometerweit übertrugen. Sie tauchten auf und wollten Trauzeugen sein in der Hochzeitsnacht.

Gemeinsam schwammen Egon und Vera an eine seichte Stelle, das Schilf wogte hin, das Schilf wogte her. Er krabbelte auf sie hinauf. Leicht fühlte er sich an und gleichzeitig war Vera von allen Seiten geborgen und umschlossen.

Die beiden glichen einem Doppeldecker mit vier Augen. Sie sprachen nicht, dafür bestand keine Notwendigkeit.

Nur einmal – es waren zwei Stunden vergangen oder mehr, da rafften sie sich auf zu einem gemeinsamen: Quak.

Als Vera erneut aufwachte, da war es immer noch der Morgen des zweiten Dezember. Sie lag in ihrem Bett in ihrem menschlichen Körper und gab sich Mühe wieder einzuschlafen. Vera wollte so gern wieder ein blauer Moorfrosch sein zusammen mit Egon, ihrem Gefährten, der jetzt irgendwo anders aufwachte, als Mensch versteht sich und seinen Verpflichtungen nachging. Welche Verschwendung. 




Cornelia Koepsell

Jahrgang 1955

literarisches Schreiben seit 2002

über 100 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

Auszeichnungen: 3. Preis des Schwäbischen Literaturpreises 2011

3. Preis Frauen Literaturpreis 2014

3. Preis Berner Bücherwochen 2015

3. Preis Frauen Literaturpreis 2016 (Theaterstück)

1. Preis Kunsthaus Lisa 2021

Publikationsliste

Debütroman „Das Buch Emma“ , September 2013

Geest Verlag, ISBN 978-3-86685-409-3

Roman „Lauf weg wenn du kannst“ Juli 2017, Geest Verlag ISBN 978-3-86685-6097

Interview mit Cornelia Koepsell HIER





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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