Ganz unmöglich und dennoch

Martin A. Völker für #kkl15 „Nähe“




Ganz unmöglich und dennoch

Bei näherer Betrachtung ist alles immer viel komplizierter, bis zur Unentwirrbarkeit. Seelen- und Gefühlsbondage. Zum Glück kommen wir den Dingen um uns herum selten so nahe, um diese Erfahrung zu machen. Was nämlich ist der Mensch? Eine kleine Insel im weiten Meer. Geformt von Wind und Wellen. Manchmal fährt ein Schiff die Horizontlinie entlang, manchmal glauben wir eine andere Insel hinter den Nebelbänken zu erkennen. Schemen sind das. Weiter als eine Armlänge entfernt. Das beruhigt. Und trotzdem wecken die Schemen unsere Neugier, wir können sie nicht ungesehen machen: Wer steuert das Schiff? Wohin ist es unterwegs? Wie heißen die Passagiere? Gibt es Leben hinten den Nebeln? Ist es so exotisch wie unser eigenes? Jede und jeder ist ein Exot. Und Nähe ist Kolonialismus. Ist eine Dekolonisierung der Nähe möglich? Fangen wir damit an, vielleicht gut gemeinte, aber deformierende Übertragungen zu erkennen und feindlich übernommene Güter als solche zu benennen. Bereiten wir die Rückgaben vor, damit wir uns selbst einander zum Geschenk machen können. Ohne dies bleibt Nähe Plünderung. Und die Sorge vor Plünderung verlangt den verminten und verstacheldrahteten Strand. Ich und du im Kriegszustand, noch bevor wir uns kennengelernt haben. Dabei bleibt es ein schrecklicher Witz: die vielen starren sandgelben Inselpunkte in der bewegten, hohen und tiefen, hell- und dunkelblauen Allheit, die wir Meer nennen. Es ist das Blaue, das mich zu dir trägt. Denken wir die Welt nicht von den Inseln, sondern von den Ozeanen aus.




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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