Captain Jack Sparrow

Jürgen Artmann für #kkl15 „Nähe“




Captain Jack Sparrow

In Strasbourg wurde Lemke mitten in der Nacht wach. Er schaute auf sein Smartphone, es war vier Uhr nachts. Früher ist er oft um diese Zeit wach geworden, weil sein Sohn Leon manchmal mitten in der Nacht Musik hörte. Doch in dieser Nacht war er ganz allein in der Wohnung. Lemke stand trotzdem auf, tappte durch das Halbdunkel durch die Wohnung. In der Innenstadt war die Wohnung auch nachts nie ganz abgedunkelt. Sie liegt sehr zentral und die Rollläden sind nicht ganz blickdicht. Von außen scheint immer das Licht einer Straßenlaterne oder einer Leuchtreklame hinein. Vor allem in den beiden Zimmern mit Fenster Richtung Place Homme de Fer, war das der Fall. Lemke schlief im Zimmer zum Innenhof. Dort war es einigermaßen dunkel.

Wir waren jung, wir waren dumm, wir wollten sein wie Captain Jack Sparrow. Lemke hörte in seinen Gedanken den Song von Nugu Buyeng, einem Musiker und YouTuber.

Ja, wir warn so jung, und wir waren so dumm, wollten alle sein, wie Captain Jack.

Lemke hört den Song gar nicht wirklich, aber es kam ihm so vor, als würde er ihn hören. So wie er ihn wieder und wieder in vielen Nächten gehört hatte, als Leon noch bei ihm und nicht in Warschau lebte, mal wieder einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus hatte als Lemke und mitten in der Nacht seinen Kopfhörer abnahm, um seine Boxen auszuprobieren.

Captain Jack Sparrow, der verrückte Pirat aus den Kinofilmen. War er gut oder böse? Es hängt von der Perspektive ab. Er war auf keinen Fall normal, aber wer will schon normal sein?

In der Quantenphysik gibt es den Begriff der Quantenverschränkung. Grob besagt bleiben einmal verbunden gewesene Teilchen auch über große Distanzen weiterhin verschränkt. Sie behalten auf Ewigkeit eine Verbindung miteinander. Abseits der Quantenphysik versucht man mit dieser Theorie zu erklären, warum Mütter in Kriegszeiten nachts aufwachten, wenn Ihre Söhne tausende Kilometer entfernt in den Schützengräben starben. Sie waren verbunden geblieben und spürten den Moment des Todes.

Lemke wird nervös, die beiden Kumpel im Song waren nicht wie Captain Jack. Sie waren vielleicht schrill, machten verrückte Sachen aber im Grunde waren sie traurige Menschen. Im Lied betrauert der Sänger seinen Freund, der sich das Leben genommen hatte.

Lemke schaute auf seine Uhr, es war inzwischen vier Uhr zwanzig nachts.

“Bist du wach, Leon?” Lemke wollte nicht gleich durchrufen, er sendete eine WhatsApp. Sogleich sah er zwei blaue Haken hinter seinem Text.

“Ja, was gibt´s”. Leons Antwort, knapp wie immer.

“Geht es dir gut in Warschau? Was machst du? Ist Kaja bei dir?

“Ja, mir geht es gut, alles in Ordnung. Nein, wir waren essen, aber jetzt ist sie zu Hause.”

Die WhatsApp-Nachrichten gehen etwas durcheinander. Zu viele Fragen auf einmal, zu viele Antworten, die man runter scrollen muss.

“Schön.” schreibt Lemke nur und meint das Essen gehen, nicht dass Leons Freundin schon zu Hause ist. Aber, das muss er gar nicht klarstellen.

“Ach und noch was, Leon: Pass auf dich auf und versuche es mal mit Schlafen in der Nacht und wach sein bei Sonnenlicht. Das ist besser für dein Vitamin D Haushalt.”

Leon geht nicht darauf ein.

“Was machst du eigentlich mitten in der Nacht am Handy?” fragt er nur zurück.

“Ach, nicht besonderes. Ich bin nur gerade wach geworden. Ich gehe wieder schlafen.”

“Ok, gute Nacht.”

“Gute Nacht, Leon” schreibt Lemke. Gute Nacht, Captain Jack, denkt er sich.




Jürgen Artmann ist geboren und aufgewachsen in der fränkischen Natur. Heute lebt er abwechselnd in Frankreich und in Frankfurt. Seine Kurzgeschichten werden regelmäßig in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht.

Er publiziert darüber hinaus unregelmäßig Geschichten auf dem Blog Pendelbewegungen (jartmann-pendelbewegungen.medium.com).





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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