ICH BIN EIN FRITZ                

Claudia Dvoracek-Iby für #kkl16 „Der freie Wille“




ICH BIN EIN FRITZ                                                                                                          

Es war eine gewöhnliche Samstagnacht. Niemand von uns wusste in dieser Nacht, dass es die letzte gewöhnliche Samstagnacht war. Für unbestimmte Zeit. Und darum, sagt Inka, verklären wir sie im Nachhinein.

Inka hat damals ausgesehen wie immer, wenn wir ausgehen. Nämlich: Ungewöhnlich. Sie hat einen Hang zum Auffallen. Manchmal, zum Beispiel, hat sie ihre Augenbrauen abrasiert. Und manchmal trägt sie husky-blaue Kontaktlinsen.

In dieser letzten gewöhnlichen Nacht ist die linke Hälfte ihres Gesichtes stark geschminkt. Kunstvoll umrahmt von dunklem dichtem Haar. Die rechte Gesichtshälfte ist ungeschminkt, unberührt. Ein radikaler Sidecut demonstriert verletzliche Nacktheit. Es sieht spektakulär aus.

Wir betreten eine uns unbekannte Location. Das machen wir manchmal. Irgendwo hinfahren, irgendwo reingehen. Zwei gestylte Typen, seltsam leblos, seltsam ungut, nehmen uns sofort ins Visier. Wir setzen uns an die sterile Bar, und lassen uns irgendeinen Drink mixen. Die beiden Unguten drängen sich zwischen Inka und mich. Sie fixieren sich auf Inka, reden auf sie ein, drängen mich ab. Ich sehe auf designerstoffbezogene Rücken, verliere Inka aus den Augen. Als ob ich sie in einem offenen Meer verlieren würde.

 „Inka“, rufe ich.

„Lasst mich“, höre ich ihre Stimme, gedämpft, wie ertrinkend. „Lasst mich in Ruhe.“

Und plötzlich: Ein Massiv taucht vor mir auf im unruhigen Gewässer. Ein gewichtiger, stabiler Mensch. Bewaffnet mit einem Glas Bier, das vor einen großen Bauch gehalten wird.

 „So. Das war’s, Jungs“, sagt er ruhig. „Ihr lasst jetzt augenblicklich meine Schwestern in Ruhe.“

Der eine verzieht einen Mundwinkel.

Der andere fragt nach ein paar Sekunden: „Was bist denn du für einer?“

„Ich bin ein Fritz“, antwortet der Mensch und lacht. Es ist eine Naturgewalt, dieses Lachen, ein Donnern und Dröhnen, das Nebengeräusche wie die laute Elektronikmusik mit Leichtigkeit verschluckt. Sein Bauch, über den sich ein verschlissenes, graues T-Shirt spannt, hüpft und wackelt im Rhythmus seines Lachens.

Ich muss mitlachen, höre auch Inka, die sich noch immer außerhalb meines Sichtfeldes befindet, lachen.

Es ist wohltuend, einen Fritz anzusehen. Einen aufrechten, dicken, lachenden Menschen.

Ein Fritz nimmt nun einen großen Schluck Bier. Auch das unterscheidet ihn. Alle anderen hier trinken Cocktails.

„Kommt, Schwestern“, reicht mir ein Fritz dann eine Hand, und nickt auffordernd in Inkas Richtung. „Kommt mit an meinen Tisch.“

Ohne Zögern ergreife ich seine Hand. Auch Inka steht nun neben mir und einem Fritz. Sie strahlt. Wie leicht es ist, einfach den Platz zu wechseln. Die Unguten rufen uns noch irgendetwas Beleidigendes nach, lassen uns aber in Ruhe.

Dann trinken wir Bier mit einem Fritz. Wir reden Unsinn. Wir tanzen. Wir lachen uns kaputt.

Es ist wahrscheinlich nach vier Uhr morgens, als Inka einen Fritz an den Schultern packt, ihn eindringlich fragt: „Für welche würdest du dich entscheiden, wenn du die Wahl hättest“, und auf ihre beiden unterschiedlichen Gesichtshälften deutet. Ja, es ist bestimmt in der Blauen Stunde, als ein Fritz lange in Inkas Augen sieht, und als ich denke, nein, tu das nicht, es aber nicht verhindere. Es ist in der Blauen Stunde, als ein Fritz sich dann abrupt von uns abwendet, und nicht antwortet, sondern sein Bier austrinkt, ohne abzusetzen, und wir fasziniert zusehen, wie sich sein Bauch dabei gleichmäßig hebt und senkt.

Später, als wir Inka beim Tanzen zusehen, nimmt ein Fritz wieder meine Hand, und sagt leise zu mir: „Was soll ich sagen. Ich bin verloren.“

Und dann, draußen, es ist hell, es ist Sonntag geworden: „Tauschen wir doch unsere Nummern.“

Und Inka kopfschüttelnd: „Regel Nummer 1: Nummern nie beim ersten Kennenlernen tauschen. Wir treffen uns nächsten Samstag. Gleiche Zeit, gleicher Ort.“

Und ich nicke bestätigend.

Und ein Fritz erklärt sich mit Regel Nummer 1 einverstanden.

Und ein Fritz umarmt uns, bevor wir leichtherzig auseinander gehen. Wie müde wir uns fühlen. Und wie lebendig.

Hätten wir gewusst, dass uns dieser verdammte Lockdown dazwischenkommen würde, hätten wir die Nummern getauscht. Behaupte ich. 

Inka meint, wir hätten unsere Nummern nicht getauscht. Auch wenn wir von diesem verdammten Lockdown gewusst hätten. Und falls es uns bestimmt ist, einen Fritz wieder zu sehen, würden wir einen Fritz schon irgendwann wiedersehen. Aber, sie müsse nun eine meiner Illusionen zerstören. Ein Fritz sei nicht sein echter Name gewesen. Er habe ihr seinen Ausweis gezeigt. Ein Fritz hieß in Wirklichkeit: Orlando Maria Friedrich. Und das ändere ja schließlich alles.




Claudia Dvoracek-Iby, *1968 in Eisenstadt, verheiratet, Zwillingstöchter (*2003), lebe in Wien

Schreibe Geschichten, Märchen, Gedichte für kleine und große Menschen; illustriere und collagiere auch manchmal

claudia.dvoracek-iby@gmx.at





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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