Was dort geschieht, ist ein Geheimnis und ist es doch nicht mehr*

Christiane Schwarze für #kkl16 „Der freie Wille“




Was dort geschieht, ist ein Geheimnis und ist es doch nicht mehr*

Staub bedeckte holprig gepflasterte Gassen. Automobilisten waren bisher nur selten durch den Ort gefahren.

Die Dorfbewohner zogen mit Hilfe ihrer Kaltblutpferde Holz aus dem Wald.

Niedrige Häuser lehnten sich an rötlichen Fels. Inzwischen hing in jeder guten Stube neben dem Kruzifix ein Bild des Führers. – Dieser hatte im Jahre 1939 persönlich den Befehl gegeben, das Volk „von der Last der Geisteskranken“ zu befreien.

Zum ersten Mal erlaubte Elisabeths Großmutter, sie beim Himbeerpflücken zu begleiten. Freudig trug das Mädchen den leeren Korb. Onkel Karl versuchte wie immer Elisabeth zu folgen. Er lachte über das ganze Gesicht und sang: „Beeren pflücken, Beeren pflücken, Beeren pflücken.“

Wirr das Haar, ein Speichelfaden rann aus seinem Mund. Großmutter drehte sich um und wischte ihm das Gesicht mit der Schürze ab. Ihre Hand verweilte einen Augenblick auf seiner bartstoppeligen Wange. „Bleib hier und pflück Blumen.“

Die Himbeeren wuchsen spärlich in diesem Jahr und das Mädchen war stolz, dass es auch abseits der Pfade klettern und Sträucher abernten konnte, die seine Großmutter nicht mehr zu erreichen vermochte. Elisabeth kroch den Sandsteinfelsen immer noch ein wenig höher, bis sie schließlich dessen Scheitelpunkt erreichte.

Unweit von hier schlängelte sich die Straße. Ein grauer Autobus fuhr langsam den Berg hinunter. Sie erkannte sofort, wer hinter dem Fahrer saß.

„Onkel Karl!“, schrie sie dem Gefährt hinterher.

War diese alte Frau auf dem Pfad wirklich ihre Großmutter?

„Ich habe Onkel Karl in einem Bus gesehen!“

Elisabeth zeigte auf die Reifenspuren in der sandigen Erde vor dem Haus.

Mutter stand gebeugt im Garten und hackte Unkraut.

Großmutter flüsterte: „Sei still. Du hast nichts gesehen. Niemand hat etwas gesehen.“



*Anmerkung der Autorin:
„Was dort geschieht, ist ein Geheimnis und ist es doch nicht mehr“ ist ein Zitat aus einem Brief von Reichsführer-SS Heinrich Himmler an Oberdienstleiter Viktor Brack von der Kanzlei des Führers (KdF) am 19. Dezember 1940, zit. nach: Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat, Frankfurt/M. 1983, S. 291, Anm. 245






Christiane Schwarze

Geb. 1960 / lebt in Homberg (Ohm) / ehem. Logopädin in eigener Praxis, jetzt freie Schriftstellerin / Mitglied im VS / zahlreiche Literaturpreise / internationale Künstlerstipendien (Deutschland, Frankreich, Schweden, Schweiz, Spanien) / zahlreiche Lesungen im In- und Ausland / sieben Bücher, davon drei zusätzlich in Brailleschrift und zwei als Hörbuchversionen für Blinde / fünf musikalisch-literarisch inszenierte Hörbücher (mit ihrem Duo TonSatz) / über 300 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und Kunstprojekten (Deutschland, Österreich, Schweiz, Dänemark, Spanien) / www.christiane-schwarze.de





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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