Der freie Wille – oder: die Ewigkeit des Universums

Alexandra C. Eckel für #kkl16 „Der freie Wille“




Der freie Wille – oder: die Ewigkeit des Universums



Da lag sie nun seit einer Woche in diesem weißen, nüchternen Krankenzimmer, so unpersönlich und mittlerweile dennoch seltsam vertraut; vertrauter als ihr restliches Leben. Sie kannte die Bäume vor dem Fenster, die dunkleren, abgenutzten Flecken an den Wänden und den Rhythmus des Pflegepersonals, das sich auch so vielen Ebenen aufopfernd um sie sorgte, aber sie wusste nichts über sich oder ihre eigene Vergangenheit.
Die Ärzte diagnostizierten Knochenbrüche und Schürfwunden nach einem nächtlichen Autounfall mit Fahrerflucht, an dem sie als Fußgängerin beteiligt gewesen war; soweit auch der Bericht der Polizei. Sie glaubte es, denn welche Alternative hatte sie? In ihrem Kopf herrschte ein Nichts über eine große Leere, als hätte jemand ein großes Becken geleert und vergessen, wo sich der Wasserhahn befindet.
Obwohl ihr jegliche Erinnerung, auch an ihrem Namen, fehlte, dachte sie viel nach, denn sie entdeckte wieder zum ersten Mal: die Linien auf ihrer Hand, das Muttermal unter ihrem Bauchnabel, ihren Bauchnabel selbst, sowie auch den süßen Geschmack von frischem Obst und die kräftigen, ausdruckstarken Farben der Natur.
Während sie wieder auf einer ihrer inneren Entdeckungsreisen war, öffnete sich die Tür, abseits der Routine der Pfleger und ein großer, schlaksiger Mann Mitte 30 trat ein, dessen frisch geschnittenes, dunkles Haar und sein grauer, kaum getragener Anzug nicht über die Last hinwegtäuschen konnte, die auf seine Schultern drückte. Hinter ihm folgte Schwester Monika in ihrer freundlichen Art und die Patientin war erleichtert, denn irgendetwas an dem Mann behagte ihr nicht.
Er stammelte eine Begrüßung, ehe er hilfesuchend zu Monika blickte, die einfühlsam, dennoch ganz offen erklärte, die Patientin hieße Brigitte und der Herr wäre ihr Angetrauter.
Unbewusst tastete die Identifizierte nach ihrem Ringfinger und spürte, ohne zu wissen, was sie suchte, dass da etwas fehlte. Die aufmerksame Pflegerin beruhigte, der Ehering wäre womöglich beim Unfall verloren gegangen, was alle erleichtert glauben wollten. Dann zog sie sich still zurück.
Brigittes Ehemann, der sich als Heinz vorstellte, kam mit einer gewissen Zurückhaltung an ihr Bett und erkundigte sich linkisch nach ihrem Befinden. Als er danach nicht mehr weiterwusste, begann Brigitte ihm Fragen zu stellen und war glücklich, nun eine eigene Geschichte, wenn auch aus zweiter Hand, zu bekommen.
„Heinz? Bist du hier?“ Brigitte stand mit ihrem Koffer in der Hand im rustikalen Gasthof ihres Mannes und hoffte, wieder einziehen zu können, da sie sich in ihrer eigenen Wohnung, deren Notwendigkeit sie nach Heinz’ Erzählungen ohne nicht verstand, unwohl fühlte. Als er mit bekleckerter Schürze aus der Küche kam, erhellte sich sein Gemüt, denn er begrifft, seine Frau kehrte zu ihm zurück und alles würde gut werden. Sein Traum erfüllte sich in diesem Moment.
Vorerst bezog Brigitte dennoch das Gästezimmer, weil ihr Mann ihr trotz des Trauscheins immer noch fremd war und auch wenn er die guten und die schlechten Zeiten einer langjährigen Beziehung in seiner Erinnerung mit sich trug, war es für Brigitte unschuldiger und neuer als die erste große Liebe. Doch zur Liebe war die junge Frau noch nicht bereit, prasselten doch im Minutentakt Neuigkeiten auf sie ein, über die sie tagsüber den Überblick zu behalten suchte, bis sie nachts in der Stille ihres Zimmers um emotionale Einordnung und Aufarbeitung bemüht war. Wohl fühlte sie sich in ihrer Unterkunft nicht, war das gesamte Interieur so blass und unauffällig, als sollte es nicht gesehen werden. Zu gerne hätte Brigitte umdekoriert, aber Heinz fehlte es an Geld und ihr an Kraft. Seit ihrem Einzug half sie täglich im Service in Heinz‘ Gasthaus aus, wobei sie der gesamte Service war, denn die angestellte Studentin warf diesen Job bald wieder hin. Zugegeben, die Arbeit war nicht schwer, kamen doch kaum Gäste, aber Brigitte bemerkte mit zunehmendem Entsetzen, wie stur Heinz an seinem Traum vom eigenen Restaurant festhielt, obwohl er offensichtlich keinerlei Talent für das Gewerbe besaß, weder für das Kochen, noch die Gastfreundschaft und ebenfalls nicht für die Selbstständigkeit. Dabei ging er wie selbstverständlich davon aus, sie teilte seinen Traum und verließe sich ganz auf ihn als Boss und Angetrauter.
Eines Tages hatte sich eine Anwältin bei ihr gemeldet, die Brigitte etwas zu einer geplanten Scheidung fragte, was diese wiederum irritiert auf Eis legen ließ, denn Heinz hätte ihr doch von Eheproblemen erzählt. Das wollte sie zumindest glauben.

Freundinnen schien Brigitte keine zu haben, denn niemand meldete sich bei. Sie selbst konnte niemanden anrufen, denn ihr Handy war gemeinsam mit ihrem Ehering bei dem Unfall verschwunden. Mit dem Verlust ihres Mobilgerätes hatte sie auch gleich den letzten Rest ihres Gehirns verloren.
Es war ein nervenaufreibender Zustand, aber die junge Frau war gewillt, sich ihr altes Leben zurückzuerobern und Heinz half ihr dabei. Schon bald hatte sie ihren Platz im Gasthof fest im Griff, hielt ihrem Ehemann, wo sie nur konnte, den Rücken frei, sprang neben dem Service auch in der Küche ein, je nachdem, wo er sie brauchte und über die Monate verirrten sich ein paar mehr Gäste in die Stube. Immer wieder legte Heinz hinter der Theke seinen Arm um Brigittes Schulter, überblickte gemeinsam mit ihr den Gastraum und träumte glücklich, dass nun alles wieder gut, weil beim Alten, wäre; eigentlich ja besser, weil sein, also ihr Traum jetzt durchstartete. In diesen Momenten verspürte seine Ehefrau ein Unbehagen, wollte sich insgeheim aus seiner Umarmung winden, lächelte dem zum Trotz tapfer und beruhigte sich, es wäre die Amnesie, durch die sich alles distanziert anfühlte. In ihrem Privatleben gab es keine Annäherung und auch wenn sie sich noch so sehr bemühte, eine Mauer stand zwischen ihnen. Die einzige Änderung, die sich über Wochen einschlich, war ihr Missmut, der sich in Gereiztheit und emotionalen Ausbrüchen, vor allem Heinz gegenüber, äußerte. Immer öfter fauchte sie ihn an, ging der Arbeit im Gasthof immer unmotivierter nach und konnte zu guter Letzt ihre Enttäuschung über das erneute Fernbleiben der Gäste kaum verbergen. Langsam nistete sich der Gedanke ein, es könnte einen Grund für eine Scheidung geben.
Eines Abends tapste Brigitte vom Badezimmer über den knarzenden Boden des Flurs ins Gästezimmer und hörte Heinz‘ vernehmliches Schnarchen aus dem vormals ehelichen Schlafzimmer. In dem Wissen allein unter den Wachen zu sein, brach ihre innere Distanziertheit zu sich selbst zusammen und sie zog sich in der Dunkelheit ans geöffnete Fenster zurück, um in den Sternenhimmel zu schauen und diese neue Nähe zu erforschen. Während sie durch das Sternenlicht eine ältere Vergangenheit als ihre eigene, vergessene Vergangenheit sah, trat ein Satz, weniger als eine Erinnerung, doch mehr als eine Einbildung, in ihr Bewusstsein.
Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.
Erst sehr viel später sollte sie den Satz in Schopenhauers Werken wiederentdecken und in Dankbarkeit an den Augenblick denken, in dem der Frau ihr eigener Wille bewusst wurde.
Im Bruchteil dieser Sekunde oder auch in der Ewigkeit des Universums erkannte sie, dass all ihre Taten ihre unbekannte Vergangenheit zurückbringen sollten und sie tun konnte, was sie wollte, es wäre immer ein schier unmögliches Unterfangen, das sie jeden Tag ein Stück mehr in die Verzweiflung trieb. Aber Brigitte wollte nicht verzweifeln, sie wollte das Leben auskosten und plötzlich erkannte sie in der Amnesie plötzlich eine Unbeschwertheit, die in ihr den Wunsch weckte, ihr Leben Schritt für Schritt nach ihrem Willen gestalten.




Alexandra C. Eckel

PTP by ACE

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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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