Der letzte Kampf

Susanne Rzymbowski für #kkl16 „Der freie Wille“




Der letzte Kampf

„Ich hätte gerne einen Freigeist,“ bestellte Hendrik ohne Umschweife.

„Den gibt’s nicht mehr,“ war die lapidare und prompte Antwort des uniformierten Kellners, der mit einem gefüllten Tablett mit „THESAME“-Getränken jonglierte. „Kommt auch nicht wieder, wird nicht mehr produziert,“ setzte er im Vorbeigehen noch hinzu. „Die neue Karte ist unter „0815“ abrufbar.“

Hendrik tippte geschwind die Zahlenkombination ein. „Dann nehme ich halt einen KAMARADA, aber bitte auf Eis,“ rief er ihm noch nach. Hendrik wirkte verschwitzt, denn er hatte gerade noch einem Meteoroiden ausweichen können, als er zum Landeflug auf GALAX ONE angesetzt hatte. Diese kleinen Dinger stellten ein echtes Risiko dar, da sie wegen ihrer hohen Geschwindigkeit eine enorme Einschlagsenergie besaßen und zu erheblichen Zerstörungen führten. Meist wurden sie gezielt von den ALIENS eingesetzt.

„Das Universum schlägt mal wieder zurück – hab gerade noch die Kurve gekriegt,“ setzte er zu einem Gespräch mit seinem Nebenmann an, der das mit einem stummen Nicken quittierte. Nach seiner Kleidung zu urteilen, musste es sich um einen Homonen handeln, ging es Hendrik durch den Kopf, dieser ehemaligen Randgruppe aus ERDOS. Hendrik krümmte sich kurz vor Schmerz, denn er hatte sogleich einen starken Stromstoß erhalten. Seit er vor einem Monat dem Programm HUMAN-FORTRESS angeschlossen wurde, häuften sich diese Zwischenfälle bei ihm. Er hatte sich einfach noch nicht genügend unter Kontrolle. In seinem inneren Augapfel erleuchtete die Nachricht: „Homonen nicht existent, Randgruppe nicht existent“, woraufhin der Löschvorgang in seinen Synapsen eingeleitet wurde. Der ihm implementierte Chip arbeitete einwandfrei und entsprach den neuesten Standards der EDUCATOR-UNION. Einziges Problem stellte nur noch die damit einhergehende Fixierung dar, denn in diesen Momenten war Hendrik vollkommen hilflos: Er wurde vorübergehend blind und taub, so dass er die nun aufheulenden Alarmsirenen weder sah noch hörte. Um ihn herum stob alles auseinander und hastige Schritte bahnten sich den Weg zur nächsten Gefechtsstation. Es herrschte immer noch Krieg, und zwar mit dem ganzen Universum!

Als Hendrik wieder zu sich kam, fand er sich allein und verlassen in der Bar OASE wieder. Die Alarmsirenen waren mittlerweile verstummt, so dass er die Leere des Raums erst einmal nicht zuordnen konnte. Ein Blick auf seinen Sensor, der kritische analytische Informationen von jedermann, überall und jederzeit abrufen konnte, verriet ihm, dass ein Angriff der ALIENS unmittelbar bevorstand. Als ALIEN wurden auf GALAX ONE all jene Subjekte bezeichnet, die sich im Universum frei tummelten und sich der Föderation EDUCATOR UNION nicht angeschlossen hatten. Es handelte sich also um eine ernst zu nehmende und vor allem gefährliche Masse, gegen die es zu kämpfen galt. Nur der Einsatz von äußersten Restriktionen, konnte diesen ALIENS noch Einhalt gebieten und sie in ihre Schranken weisen. Denn Ziel war nichts Geringeres als die Sicherung von TOTALWORLD. Im Zuge der damit einhergehenden Auseinandersetzungen hatten sich die Fronten immer mehr verhärtet. Es gab keinerlei Kompromisse mehr, denn der Feind wurde dank EDUCATOR UNION eindeutig definiert und geortet. Und einmal im Raster vermerkt, wurden keine Ausnahmen mehr gemacht. ALIEN blieb ALIEN, egal welch Motivationen oder Erklärungen auch zugrunde lagen. Krieg ist Krieg. Da existierte keine Rücksichtnahme und schon gar keine Zeit für Diskussionen!

Hendrik war froh, nun auch auf der richtigen Seite zu stehen, auch wenn es ihn anfangs Überwindung gekostet hatte, sich den Chip einpflanzen zu lassen. Aber er wollte nicht unnötig auffallen oder gar den ALIENS zugeordnet werden.

Ein leises Knarren der Eingangsluke riss ihn aus seinen Gedanken. Hendrik fuhr herum, seinen Gedächtnis-Eraser gezückt, dessen Anzeige sofort auf gelb sprang. Er war bereit für einen sofortigen Abschuss.  

„Ist da jemand?“, ertönte es mit heller Stimme.

Hendrik machte im Gegenlicht eine zierliche Person mit auffallend wilder dunklen Mähne aus. Als sich diese zur Seite drehte, erkannte er einen überaus wohlproportionierten Körperbau. Keine Waffen erkennbar, jedoch ein kleiner Rucksack auf dem Rücken.

„Was für ein Weibsbild!“, schoss es Hendrik augenblicklich durch den Kopf, bevor er sich wieder vor Schmerz krümmte und zu Boden fiel. Der Stromschlag war außerordentlich! In seinem inneren Auge leuchtete: Weibsbild nicht existent, bevor er nichts mehr sah und hörte. Die Löschfunktion hatte eingesetzt. Sein Gedächtnis-Eraser fiel ihm aus der Hand und er war der Amazone nun schutzlos ausgeliefert!

Als er wieder zur Besinnung kam, kniete diese über ihm, ihr Beine fest auf seine Brust gepresst. Sie hielt seinen Gedächtnis-Eraser auf ihn gerichtet.

„Wer bist du?“ fragte sie. Ihre Stimme klang jetzt harsch.

„Hendrik.“, kam es geschwächt über seine Lippen.

„Und was machst du hier?“

„Ich wollte einen Freigeist trinken…. Ich meine einen KAMARADA,“ stotterte Hendrik vor sich hin.

„Das will ich wohl meinen! Freigeist ist nämlich verboten. Wie ich aber sehe, bist du der Föderation bereits angeschlossen.“ Sie schwenkte den Gedächtnis-Eraser in ihrer Hand. „Warum bist du nicht auf Gefechtsstation? Es gab doch einen Alarm!“

„Ich habe falsch gedacht.“ antwortete Hendrik etwas kläglich. „Als der Alarm kam, war ich wohl fixiert.“

„So wie jetzt auch!“ entgegnete die dunkle Mähne und lachte plötzlich auf.

Hendrik wusste nicht was er tun sollte und so stammelte er: „Darf ich aufstehen? Du kannst mir glauben, ich bin auf der richtigen Seite, nur noch nicht geübt genug.“

„Klar kannst du aufstehen,“ erwiderte sie immer noch lachend und richtete sich ebenfalls auf. Sie setzte ihren Rucksack ab und holte zu Hendriks Erstaunen erst einmal zwei Flaschen Freigeist hervor, die sie mit lautem Zischen öffnete und ihm reichte. „Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass du ein Freier bist, weil du als Einziger noch hier bist,“ setzte sie nun an.

Hendrik klopfte sich verwirrt die Hosenbeine ab. „Wie meinst du das? Und wer bist du eigentlich?“

„Ich bin Jean und komme aus der Zukunft…“ vernahm er noch – denn er krümmte sich schon wieder, als ihn ein „Wow, wie sexy“ übermannte. Ein ‚sexy nicht existent‘ erschien in seinem Augapfel bevor er wieder blind und taub wurde.

„…. Ja. Das ist erst einmal alles was ich zu sagen habe,“ schloss Jean jetzt mit ihren Ausführungen. „Willst du mir also helfen? Es ist deine freie Entscheidung. Aber bedenke Freiheit ist nicht süß.“

Hendrik wollte sich keine Blöße geben und seine erneute Fixierung vertuschen und so antwortete er: „Ich bin dabei, Jean. Ich helfe immer gerne und für die Zukunft in Freiheit erst Recht.“

„Das freut mich. Dann werde ich dich jetzt erst einmal vom EDUCATOR-UNION-Chip befreien, damit du wieder frei denken lernst.“ Jean zückte einen SELF-DETERMINATOR und wollte gerade ansetzen, als die Eingangsluke erneut aufgerissen wurde und eine wilde Horde hereinstürmte, die sofort das Feuer mit ihren Gedächtnis-ERASERN eröffnete.

Hendrik und Jean sanken getroffen zu Boden. Dann wurde es unendlich still im Raum, der nun von diesigem Dunst erfüllt war.

„Das waren die Letzten! Angriff erfolgreich abgewehrt!“

Und der Freigeist ergoss sich aufschäumend über dem kalten Boden.  



Aus: Blicklichter – Kurzgeschichten gegen die Trägheit





Susanne Rzymbowski, geb. 1964 in Köln, im Büroalltag zu Hause, bezeichnet sich selbst
gerne als Spinnerin von Wort und Sinn, Autorin aus Leidenschaft, in ihrer Freizeit als
Lektorin und Coach aktiv. Seit 2015 nimmt sie an den unterschiedlichsten Ausschreibungen teil, um neue Ideen zu entwickeln.
Lyrische Texte liegen ihr am Herzen. Neben reinen poetischen Texten, die sich durch
Selbstreflexion und den Entwurf neuer Bilder auszeichnen, schreibt sie auch kritische
Gedichte.
Sie schreibt aber auch gerne Kurzgeschichten (seit 2018 auch unter Pseudonym).
Ihr Anspruch: Zum Nachdenken anregen. Ihre Texte berühren gedanklich und emotional und sind hintergründig, subtil und humorvoll geschrieben, immer den nötigen
Interpretationsrahmen für den Rezipienten lassend.
Zahlreiche Veröffentlichungen in unterschiedlichen Anthologien als Resultat teilgenommener Ausschreibungen sowie Veröffentlichung eines eigenen Erzählbandes in 2020.

Interview mit Susanne Rzymbowski auf dem #kkl-Kanal, hier.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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