Abgesoffen  

Christine Roth für #kkl16 „Der freie Wille“




Abgesoffen  

„Noch einen, Marcel“, sage ich und schiebe mein leeres Glas über den Tresen. Noch einen ist mein allabendliches Mantra, wieder mal, seit Mona nicht mehr da ist.
Die Batterie Flaschen vor dem Wandspiegel glotzt mich an. Die internationale Prominenz kann mir gestohlen bleiben: Scotch, Gin, Rum gehen mir vierspurig am Arsch vorbei. Ich hab mich spezialisiert. Ein Mann braucht schließlich klare Bekenntnisse. Ich muss lachen. Schroff und kalt kommt der Ton aus meiner Kehle. Ich habs weit gebracht, bin jetzt Fachmann für russischen Wodka. Er ist das Fundament, auf das ich meine Überlebensstrategie aufgebaut habe. Beluga muss es sein, mild, unverfälscht und klar definiert, da weiß man genau, woran man ist. Und wann sonst kann man das schon behaupten.
Marcel stellt ein neues Glas vor mich hin. Hastig umklammere ich es mit den Händen, als müsse ich es beschützen, als hinge mein Seelenheil von der Berührung ab, fange an zu zählen. Weiter als fünf komme ich nicht, dann kippe ich die klare Flüssigkeit in einem Zug hinunter.
Dieser Moment ist mit nichts zu vergleichen. Keiner kann sich das vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat, wie das ist, wenn du dich abschießt, langsam ins Nirvana, ins Vergessen abgleitest, wenn du nach dem Flug sanft auf dem Wattebausch landest; das Chaos geordnet, die Nerven beruhigt. Dieser Moment ist einzigartig. Und das Wichtigste: Die Gedanken schweigen. Endlich. Aber noch ist es nicht so weit.   

Nein, man muss keine Mutter haben, die einen im zarten Kindesalter im Stich gelassen hat, um einen Grund zum Saufen zu haben. Es reicht schon eine Mutter, die die Augen schloss, sich wegduckte, alles ertrug, ohne jemals aufzubegehren. Der Klassiker halt. Zusehen konnte ich, wie sie erst immer winziger wurde, dann durchscheinend, am Schluss unsichtbar. Wenn er sie nicht sehen würde, dann konnte er sie auch nicht verletzen, nicht mit Worten, nicht mit Schlägen. Ein Denkfehler. Ihm genügte es, sie zu riechen, ihre Unsicherheit, ihre Ausdünstungen, wenn er schwankend nach Hause kam. Ein schiefes Wort, ein missdeuteter Blick. Mit den bloßen Fäusten schlug er auf sie ein, grundlos, wahllos, erbarmungslos. Wie ihm die Augen aus dem Kopf quollen, das Gesicht zur Fratze verzerrt, dieses Bild kann ich nicht vergessen, ist für immer eingebrannt auf meiner Netzhaut. Es spielte keine Rolle, ob die blauen Flecken zu sehen waren oder nicht. Und sie, sie hielt still, hob die Arme schützend vor den Kopf. Opferte sich und ihre Selbstachtung auf dem Altar der Unterwerfung, vielleicht glaubte sie, sie tue das für mich, ihren Sohn. Eins muss ich ihm zugutehalten, nie hat er zugetreten. Und mich, mich hat er tatsächlich nie angefasst. Aber mir reichte das Wissen, dass es jederzeit passieren könnte. Die Drohung war allgegenwärtig, schlief in meinem Bett, saß mit am Tisch.  

Kaum Gäste, ist noch früh am Abend. Musik quillt aus den Boxen. Über die Tanzfläche schleicht ein Pärchen, eng umklammert. Er schiebt eine Hand unter ihr Shirt. Ihre Wimpertusche ist verlaufen. Ich warte darauf, dass sie umfallen. Sie stützen sich gegenseitig, doch den großen Absturz können sie nicht verhindern. Ich weiß, wovon ich rede.
Mein Platz an der Bar gleicht einem Hochsitz. Geduldig wie ein Jäger warte ich, bis das Wild auf die Lichtung tritt. Es kommt nicht zum Abschuss, weil ich mich vorher bemerkbar mache. Das Rascheln im Unterholz quasi. Ein kurzer Blickkontakt, alle Beteiligten wissen Bescheid. Es amüsiert mich, wie gleichgestrickt die Weiber doch sind. Immer dieselbe Blaupause. Die Rollen vertauschen sich, ich werde zum Gejagten. Dann nähern sie sich, scheu noch, doch die Gier in den Augen nur halbherzig verborgen. Sie bilden sich ein, sie haben die Macht, mich zu retten, den gefallenen Engel aufzurichten, ihn ins Leben zurückzuholen.    

Ebenso war es mit Mona. Sie wollte mich retten, Mutter Teresa persönlich, meine Wunden heilen durch reichlich Liebe und Verständnis und … Egal. Jedenfalls ging ihr Plan nicht auf. Genau genommen ist diese Schlampe an allem schuld, drängt sich ungefragt in mein Leben, macht einen auf Verständnis und dann macht sie die Fliege. Vorher hat sie den Fusel literweise in den Abguss gekippt, ständig rumgeflennt, sie könne nicht länger mit ansehen, wie ich mir das Hirn wegsaufe und dass sie sich das anders vorgestellt habe mit uns zweien und überhaupt. Klar, weiß schon, ich sollte Männchen machen und auf Kommando Stöckchen holen und die Pfoten schön vom Alkohol lassen. Scheiße! Ja, dachte die denn, das hätte ich mir alles ausgesucht, dieses enge, ungerechte, beschissene Leben mit diesen Alten?   

Nach der Raserei kam die Stille, und die war schlimmer, bedrückender, schmerzhafter. Das Wimmern danach, als er zu Kreuze kroch. Er weinte wie ein Kind und stammelte, es tue ihm leid, er wisse nicht, was ihm da überkomme, sie dürfe ihn nicht verlassen, auch wenn er ein Arschloch sei, ohne sie könne er nicht leben. Mutter hielt ihn dann im Arm, wiegte ihn und bettete seinen Kopf an die Brust. Wie armselig. Keine Ahnung, für wen ich mehr Abscheu empfinde. So viel kann ich gar nicht essen, wie ich kotzen möchte.     

 „Noch einen von der Sorte“, sage ich.
Marcel setzt sich träge in Bewegung, füllt ein weiteres Glas, schiebt es über das polierte Holz. Dieser verdammte Fusel, wie ich es liebe, wenn er mir meine Zweifel und Verzweiflung abkauft. Ich zähle bis drei. Abflug!  

Zugegeben, das ging mir mächtig auf den Docht, die ewige Nölerei von Mona. Aber irgendwo tief in mir drin fühlte ich auch, dass sie mir den Weg zeigte, der aus dem Dilemma herausführte. Ich habs ihr letztendlich versprochen, mit feierlichem Ernst, mit bloßer Willenskraft wollte ich den Graben überwinden, die Grenzzäune niederreißen, um auf die andere Seite des Lebens zu kommen, da wo es trocken und warm ist. Wochenlang ging alles gut, keinen Tropfen hab ich angerührt. Ehrenwort.  

Aber von einem Tag auf den anderen hat Mona mich im Stich gelassen. Wenn man solche hochfliegenden Pläne hat wie wir beide, dann ist das eher ungünstig, wenn die Frau, die der Rettungsanker sein will, fehlt. Da wird dieser sprichwörtliche erste Dominostein angestoßen, der alle anderen zu Fall bringt. Ja, so war das. Alle umgefallen. Und ich zappelnd unter ihnen.  Als ich mich freigeschaufelt hatte nach der Starre, da blieb mir nix anderes übrig, als wieder zur Flasche zu greifen. War ja sonst keiner da, an dem mich festhalten konnte.  

 „Ich krieg noch einen“, nuschle ich. Meine Sprache verwaschen.
Marcel ist auf Zack. Als er mir das Glas hinstellt, setzt er seinen väterlichen Blick auf. „Mach langsam, Thomas! Der Abend ist noch lang.“  

Es kann gar nicht schnell genug gehen. Ich mach weiter, bis sich die Taubheit vollständig in mir ausgebreitet hat, bis ich nicht mehr weiß, wie sich die Scheißleere anfühlt. Der Tod hat sich zwischen uns gedrängt, Badeunfall. Abgesoffen. Immer und immer wieder sehe ich mich auf das Loch in der Erde starren. Außer mir stehen noch ein paar Freundinnen von Mona verloren herum. Was da immer in der Urne sein mag, es ist alles, was von ihr übrig ist. Und das ist zusammen mit meiner Zukunft begraben.  




Christine Roth

Ich bin in einem deutschen Mittelgebirge geboren und aufgewachsen. Nach Jahren der Selbstständigkeit habe ich den Bergen den Rücken zugekehrt und bin der Liebe wegen ins Platte Land – in die Nähe von Maastricht – gezogen. Hier tue ich alles, was Spaß macht: Texte übersetzen und vor allem Kurzgeschichten schreiben.  





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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