Der Halbmarathon

Jürgen Artmann für #kkl16 „der freie Wille“




Der Halbmarathon

Raus nach Pourtalès, in den Wald von Robertsau führt die Strecke jetzt. Dorthin, wo kein Zuschauer am Wegrand steht und mich anfeuert. Was machst du hier eigentlich, denke ich mir, als ich die Kilometermarke acht passiere.

Beim Stadtmarathon hatte ich mich schon vor zweieinhalb Jahren eingeschrieben. Vor der Pandemie. Fünf Kilo leichter. Nach zwei Jahren Pause war es nun so weit und er fand tatsächlich statt. Nicht mit ganz so vielen Menschen wie früher, aber circa siebzig Prozent der alten Teilnehmer waren zurückgekehrt.

Meinem Kumpel Trevor habe ich noch gesagt: „Lass uns mal fünf Minuten zehn im Schnitt angehen.“

„Wirklich? Mit deinem Trainingsstand?“ Er sah an mir herunter.

Nun laufe ich hier mit hochrotem Kopf. Trevor an meiner Seite.

„Du gibst das Tempo vor“, sagte er vor dem Start zu mir.

Ich hatte schon ein Dutzend Marathons hinter mir, bevor Trevor auch nur die Idee kam, ebenfalls mit dem Laufen zu beginnen. Mein letzter Marathon liegt acht Jahre zurück. Heute spult Trevor das doppelte Trainingspensum herunter, das ich in meinen besten Zeiten jemals hatte, und er hat alle meine Bestzeiten pulverisiert. Trotzdem laufe ich neben ihm.

Nicht falsch verstehen, ich laufe gern. Und ich laufe gern mit Trevor. Aber Halbmarathon im Wald von Robertsau? Ich laufe nicht für mich! Weil ich die Form für einen Halbmarathon gar nicht habe. Sobald wir wieder zurück in der Stadt sind, werde ich bestimmt einbrechen, ja wahrscheinlich abbrechen müssen. Ehrlich gesagt, habe ich große Lust, jetzt gleich aus dem Rennen auszusteigen. Vielleicht wandere ich dann nach Hause. Oder ich nehme die Tram. Ohne Maske, aber noch mit der Startnummer auf der Brust. So, dass jeder sehen kann, dass ich hier protestiere gegen diesen Lauf, den ich gar nicht wollte, aber doch mache.

Schon bei Kilometer sechs sage ich: „Die Schleife durch den Stadtwald wird hart für mich. Da ist es so öde.“

Bei Kilometer acht werde ich etwas langsamer, nicht einmal viel, aber mir kommt es vor wie ein massiver Leistungsabfall.

Bei Kilometer zehn gestehe ich Trevor, dass ich ausschließlich negative Gedanken im Kopf habe. Mich über meinen schlechten Trainingszustand ärgere, über meine zu ambitionierten Ziele. Dass ich glaube, dass ich abbrechen muss.

„Du bestimmst das Tempo“, wiederholt Trevor nach einmal ganz ruhig.

Bei Kilometer zwölf schicke ich ihn weg. „Geh du vor und mach dein Rennen und lass mich mal mit meinen negativen Gedanken allein.“

Trevor weiß, dass er mir jetzt nicht helfen kann, weil er mich schon dreißig Jahre kennt. Und nur, weil er mich schon so lange kennt, weiß er auch, dass ich jetzt nicht kollabiere und er auch keinen Notarzt rufen muss, sondern ich nur einen Rappel habe, bei dem nichts hilft. Er sieht in Bruchteilen einer Sekunde ein, dass er mich allein lassen muss. Er winkt mir noch kurz und erhöht dann das Tempo vor einem kleinen Anstieg einer Brücke. Ich sehe ihm nach und gehe den Anstieg hoch, laufe nicht. Nach der Brücke fange ich wieder langsam an zu traben. Ich kann Trevors lockeren Lauf noch eine Weile beobachten, bis er nach irgendeiner Kurve aus meinem Blickfeld verschwindet.

Bei Kilometer vierzehn wartet Aimée im Sommerkleid und lächelt mir entgegen. Ich sehe sie aber erst gar nicht. Sie ruft mich, ich biege hart zu ihr ab, gebe ihr einen schnellen Kuss. Sie merkt sofort, dass mit mir etwas nicht stimmt.

„Je ne sais pas pourquoi je fais ça“, sage ich nur. Andere Zuschauer, die hier stehen, fangen an zu lachen. Ich weiß nicht, warum ich das tue. Ich bedanke mich nicht einmal dafür, dass sie seit mehr als dreißig Minuten dort auf mein Passieren wartet, um mich aufzumuntern. Aimée schaut mir besorgt hinterher. Sobald ich im Ziel bin, muss ich ihr unbedingt schreiben, dass ich noch lebe.

Ab Kilometer fünfzehn fange ich an, die Kilometer in Minuten herunterzurechnen. Wie beim Eisbaden. Ich habe schon einmal zwanzig Minuten in eiskaltem Wasser verbracht. Wenn man irgendwann die Extremitäten nicht mehr spürt, denkt man von Minute zu Minute. Oder man denkt gar nicht. Das ist meditativ. Ich hatte mich einfach entschieden, im Wasser zu bleiben. Minute für Minute. Jetzt rechne ich die Kilometer auf Minuten herunter und verkürze mir damit die restliche Laufzeit. Natürlich nur in Gedanken. Aber es funktioniert.

Der letzte kleine Park kurz vor der Innenstadt. Danach die Häuserschluchten. Warum laufe ich? Laufe ich für Trevor? Ich laufe, um abzunehmen, was mir nicht gelingt. Laufen hilft mir eher, nicht zuzunehmen. Dazu braucht man aber keinen Halbmarathon. Was mache ich hier? Laufe ich wegen unserer Freundschaft? Laufe ich, weil Trevor mein bester Freund ist und er gerne läuft? Laufe ich, weil ich mir wünsche, ich könnte mit ihm mithalten? Was ich früher locker gekonnt hätte, ja früher halt.

Bei Kilometer achtzehn die letzte Banane. Das gibt immer einen kleinen Schub. Jetzt spielen am Wegrand auch die ersten Sambabands auf ihren lauten Trommeln. Für wen spielen die eigentlich? Ihr Publikum läuft ja immer gleich weg.

Die Innenstadt in Strasbourg kenne ich gut. Wir passieren zwei-, dreimal die Kathedrale, die Rue du Dôme, die Rue des Frères, die Rue des Hallebardes. Es geht rauf und runter. Querbeet durch die Altstadt. Bei Kilometer zwanzig mache ich vor der Einbiegung in die Rue des Juifs eine weitere Gehpause. Ich genieße den Moment, denke den letzten Kilometer durch wie im Eisbad. Dann sehe ich von Weitem den roten Teppich, den Zieleinlauf. Genieße den Applaus der Zuschauer in der Rue Gutenberg, auf dem Place Kleber. Ich höre das Piepsen der Zeitnahme. Unter zwei Stunden. Ich sehe Trevor zwanzig Meter hinter der Ziellinie mich freundlich und erleichtert anlächeln.

„Das hätten wir geschafft, mein Freund.“

Wir feiern mit einem dunklen Bier unseren Erfolg, im Finisher-Shirt und die Medaille um den Hals.

Noch am gleichen Abend fasse ich den Entschluss, mich in sämtlichen Messengers und sozialen Netzwerken aus den Laufgruppen abzumelden. Ich freue mich auf meinen nächsten Lauf. Meine Strecke, meine Zeit, wahlweise in der Stadt oder im Stadtwald.

Laufen tut mir wirklich gut. Da kommen mir immer die besten Ideen.




Jürgen Artmann ist geboren und aufgewachsen in der fränkischen Natur. Heute lebt er abwechselnd in Frankreich und in Frankfurt. Seine Kurzgeschichten werden regelmäßig in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht.

Er publiziert darüber hinaus unregelmäßig Geschichten auf dem Blog Pendelbewegungen (jartmann-pendelbewegungen.medium.com).






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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