Der Too Small Talk

Rebecca Scharpenberg für #kkl17 „Begegnung“




Der Too Small Talk

Als ich mir neulich auf der Terrasse eines netten, kleinen Bauernhofcafés, inmitten von sattgrünen Wiesen, Kühen, Rapsfeldern und Vogelgezwitscher eine frischgebackene Waffel mit Vanilleeis und heißen Kirschen schmecken ließ, bot sich mir am Nebentisch ein alltägliches Bild zwischenmenschlicher Kommunikation: Ein Mann und eine Frau, beide sicher noch keine zwanzig, saßen sich an einem im Landhaus-Stil mit Wildblumen und Windlichtern dekorierten Gartentischchen wortlos gegenüber. Was sie getan hätten, wenn sich ihre Blicke begegnet wären, ob sie verklärt gelächelt oder er verlegen hüstelnd auf die Uhr gesehen hätte, sind Fragen, auf die mir wohl nur eine sehr lebhafte Fantasie eine Antwort hätte geben können. Denn es gab ihn einfach nicht, den Blickkontakt, genauso wenig wie die Gestik und Mimik, die ein Gespräch zum individuellen Leben erwecken. Minuten des Schweigens vergingen, während jeder für sich mit ausdrucksloser Miene seine ungeteilte Aufmerksamkeit dem jeweiligen Smartphone widmete und das emsige Wischen als einzige Regung der Finger nur unterbrach, um kurz am Milchkaffee zu nippen.

Früher wäre ich vielleicht geneigt gewesen, aus dieser so aussichtslos erscheinenden Situation voreilige Schlüsse zu ziehen. Man könne sich offensichtlich nicht allzu gut leiden, sei zu diesem Treffen von guten Freunden oder der eigenen Familie buchstäblich zwangsverpflichtet worden oder teile gar einzig und allein deshalb denselben Tisch, weil kein anderer mehr zu haben war. Das Handy als Symbol der Abgrenzung – der unverwandte Blick auf den Touchscreen als unmissverständlicher Ausdruck der Sehnsucht nach Distanz. Doch heute bin auch ich glücklicherweise weit entfernt davon, einem solchen Irrtum über moderne Gesprächskultur so leicht zum Opfer zu fallen. Unter Umständen werden mir die beiden eines Tages wieder dort begegnen: dann bereits als glückliches Ehepaar, mit oder ohne Kind. Ob ich als Gast am Nachbartisch in den Genuss kommen werde, einen Unterschied zu bemerken, bleibt allerdings offen. Denn ein Smartphone macht bekanntlich keinen Halt vor Banalitäten wie Familienstand oder Alter. Nun könnte man annehmen, auch das sei gewollt – ein gekonnter Schachzug, um Privates privat bleiben zu lassen. Doch passt das zu einer Kommunikationskultur, in der weitaus empfindlichere Details aus dem persönlichen Alltag in sozialen Netzwerken wildfremden Menschen neben Urlaubsschnappschüssen und Food-Fotos als pikante Beilage serviert werden? Oder liegen sie woanders, die Gründe für unsere scheinbare mündliche Bequemlichkeit und die Neigung vieler, sich sogar eher über den Tisch hinweg per Kurznachrichten zu verständigen, als die eigenen Stimmbänder wenigstens für einen zaghaften Plausch in Schwingung zu versetzen? Von einer über schlagkräftige Keywords hinausreichenden Tiefgründigkeit ganz zu schweigen.

Wir alle haben es wahrscheinlich irgendwann schon getan: im Theater in der Pause kurz die E-Mails gecheckt, in der Corona-Warteschlange vor der Bäckerei in den News geblättert oder die endlos erscheinende Herumsitzerei beim Arzt genutzt, um Fernseher, Wintermode, Anglerzubehör oder Pralinen in den Warenkorb zu befördern. Längst ist unser Gehirn darauf eingestimmt, sich zu beeilen, effektiv Zeit einzusparen, Dinge praktisch, kurzfristig und nebenbei zu erledigen. Keine Gelegenheit also, seine kostbaren Minuten mit gestelzten Gesprächen übers Wetter zu verschwenden. Ohnehin ist der digitale Begleiter auch hierbei um einiges verlässlicher als so manch Unbekannter, dessen Mitteilungsbedürfnis sich im Voraus nur schwer kalkulieren lässt. Schließlich beschränkt sich das Smartphone auf das von uns festgelegte Thema und bewahrt uns vor ungeahnt anstrengenden Abschweifungen und unangenehmen Überraschungen, sollte man meinen. Wären da nur nicht all die praktischen Links, Buttons und Pop-ups, die unsere andernorts mühsam angesparte Zeit der quälenden Langeweile für jeden Nutzer so interessengerecht verwalten, dass der eine oder andere über diesen freundschaftlichen Angeboten sein reales Gegenüber um ein Haar vergisst.

Wie nur haben wir sie früher ohne Frust und schlechtes Gewissen hinter uns gebracht, die öden Phasen des Nichtstunkönnens in Wartezimmern beim Arzt, vor dem Spiegel beim Frisör, am Stehplatz in der U-Bahn oder auf dem muffigen Behördenflur mit dem Nummernzettel für den hundertdreiundachtzigsten Aufruf in Händen? Was tat man bloß, wenn das letzte unansehnliche Plakat über Nagelpilz an der Wand beim Dermatologen zum dritten Mal studiert und alle unter dem schützenden Deckel des Lesezirkels verborgenen royalen Schicksale hinreichend beweint und belächelt worden waren? Die Antwort ist so einfach wie beinahe unbegreiflich: Nach einer kurzen Frist des Schweigens und Nachdenkens über dies und das gingen die meisten von uns zu dem über, was ihnen am naheliegendsten und natürlichsten erschien – dem Gespräch. Man schwatzte mit den Sitznachbarn oder kam wenigstens als amüsierter Zuhörer auf seine Kosten, hockte sich mit dem eigenen oder ab und an auch mal fremden Sprössling in die Spieleecke und las Bücher über nützliche Zahnputzmonster vor.

Heute sind Wartezimmer mitunter von einer solchen Stille erfüllt, dass man den Eindruck bekommt, die Wände atmen zu hören. Man könnte mit der Stoppuhr messen, wie lange es dauert, bis der Neue im Raum es allen anderen gleichtut und so lange schweigend mit dem digitalen Freund in seine eigene Welt abtaucht, bis ihn die Stimme der medizinischen Fachangestellten an den Ort seines physischen Jetzt zurückholt. Eigentlich der ideale Platz, um nun wenigstens in aller Ruhe das zu tun, was mir früher in dieser Umgebung nie richtig möglich war: einen guten Schmöker lesen – am besten über gänzlich unreißerische menschliche Schicksale und zwischenmenschliche Beziehungen. Geschichten über alltägliche und nicht alltägliche Begegnungen, die uns zeigen, wie sehr wir all das nach wie vor brauchen, den lebendigen Austausch, das Gegenüber und Miteinander, den Konflikt wie die Harmonie, das Problem wie die Lösung.

Wir lieben Geschichten, die das Leben schreibt, aber wer liest einen dreihundertseitigen Roman über zwei Menschen, die sich mit dem Smartphone anschweigen? Wenn wir uns fragen, ob und wie uns gefällt, was uns gegenübersitzt, können wir darüber nachdenken, wie wir ganz persönlich und vollkommen individuell damit umgehen, sobald wir eine eigene Antwort darauf gefunden haben. Und die kann uns, trotz aller Versuche, noch keine App der Welt so liefern wie wir selbst – zum Glück!






Rebecca Scharpenberg, Jahrgang 1980,ist gelernte Juristin und war früher unter anderem Journalistin in Ontario, Kanada. Seit ihrer Kindheit ist ihr Leben geprägt von der großen Liebe zum Schreiben. Heute arbeitet sie als freiberufliche Autorin, Texterin, Lektorin und (Literatur)Übersetzerin (Website: www.worteule.de). Soweit die Zeit es erlaubt, schreibt sie aktuell an ihrem eigenen Romanprojekt.

Ihre Übersetzung des englischen Romans Evelina von Frances Burney erscheint im Herbstprogramm 2022 des Reclam Verlags (ISBN 9783150114148).

Rebecca Scharpenberg im Interview mit Jens Faber-Neuling: hier






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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