Die Verwandlung

Laura Schäffner für #kkl17 „Begegnung“




Die Verwandlung

Die Männer, die durchs Haus laufen sind schwarz maskiert. Vielleicht sind es auch gar nicht ausschließlich Männer, unter der schwarzen Maskierung ist das an sich schwer auszumachen, aber von der Statue her würde ich sie alle eher als männlich einstufen.

Wie konnte ich hier nur landen? Eigentlich wäre heute mein halb-freier Tag, Will sollte im Kindergarten sein, es wäre gerade Schlafenszeit für Fips und ich würde mit ihm im Kinderwagen am Strand sitzen und ein Buch lesen oder einen Kaffee trinken. Danach würden wir gemeinsam zum Kindergarten fahren und wenn wir heimkämen, wäre Elfie schon zu Hause, um sich selbst um ihre Kinder zu kümmern. Mittwoch, das ist der Tag, an dem Elfie nur den halben Tag arbeitet, wenn sie denn überhaupt arbeiten geht. Ich hege die leise Vermutung, dass sie an einem anderen Strandabschnitt sitzt und ebenfalls einen Kaffee trinkt, aber ich spreche sie nicht darauf an.

Doch ich sitze nicht am Stand, Fips schläft nicht und Will ist nicht im Kindergarten; das Fieber, damit hat das ganze Dilemma angefangen. Beide sitzen sie auf meinem Schoß und sind ruhiger, als ich sie das ganze letzte halbe Jahr erlebt habe. Sie scheinen instinktiv zu verstehen, dass das hier kein Spiel ist, dass die lustigen Männer nicht demnächst ihre Masken runterziehen und „tada“ rufen, um doch noch irgendwelche Kunststücke vorzuführen. Vielleicht spüren oder riechen die Kinder auch einfach die Angst, die aus all meinen Poren schießt, die sich wie ein zweites Ich im Raum materialisiert. Vielleicht ist es diese Angst, die da im Zimmer steht, die uns alle stumm und bewegungslos in unserer Ecke verharren lässt, in der Hoffnung, man möge uns vergessen. Unser Versteck in der Dusche war nicht gut genug, die Angst war vielleicht noch nicht präsent genug stand noch zu konturlos herum, so dass wir noch zu laut waren. Jetzt sitzen wir hier in der Ecke, einer der Maskierten ragt mit Waffe im Anschlag über uns empor, damit wir nicht fliehen. Was für eine aberwitzige Vorstellung. Als würde ich mit den beiden Kindern irgendwohin kommen, bevor sie uns wieder geschnappt hätten. 

Während die Männer geschäftig durchs Haus laufen, um es leer zu räumen, habe ich Zeit darüber nachzudenken, was sie wohl am Ende mit uns anstellen werden. Es sind keine schönen Vorstellungen, die mir da in den Sinn kommen. Wenn wir Glück haben, lassen sie die Kinder laufen. Ich nehme es als gutes Zeichen, dass niemand spricht, dass bisher niemand seine Maske gelüftet hat, denn dann besteht ja doch die realistische Chance, dass sie davon ausgehen niemals identifiziert zu werden und für uns die Chance lebend davon zu kommen. Aber sicher kann ich mir nicht sein. In den Krimis, die ich am Abend zu lesen pflege, passieren die unwahrscheinlichsten Dinge. 

Sie scheinen keine rechte Eile zu haben, gehen von Raum zu Raum, wägen ab, was wertvoll sein könnte und was nicht. Den Save haben sie längst gefunden, daher bin ich der Meinung, dass sie alles zu Geld machbare bereits in ihren ebenfalls schwarzen Taschen haben, denn was sollten sie schon mit angekauten Kinderbüchern oder Match Box Autos anfangen, aber sie scheinen noch nicht alles zu haben, was sie wollen. 

Als die Tür ein weiteres Mal aufgeht, vermute ich, dass einer der ihren kurz draußen war, um die Lage zu checken und meine Angst zuckt zusammen, um dann weiter zu wachsen, als ich Elfies Gestalt erkenne, die mit vollen Einkaufstüten plötzlich mitten im Raum steht. Mein Verdacht verhärtet sich, dass sie den Mittwoch tatsächlich für alles nutzt, außer für ihre Arbeit, aber wer will ihr daraus einen Vorwurf machen? 

Da steht sie, klein und schwach, die Tüten fallen auf den Boden.

Ich kann ihren Blick nicht deuten, als er auf uns fällt, die wir hier in unserer Ecke kauern. Ist sie sauer, weil ich nicht gut auf ihre Kinder aufgepasst habe? Ist sie genauso fassungslos wie ich, dass wir uns hier in einer solchen Lage befinden? Steht ihre Angst genauso wie meine neben ihr und lässt sie erstarren? 

Ich komme zu keinem Schluss und auf einmal ist die einzige Frage, die alles andere verdrängt: Was wird jetzt passieren? Ändert Elfies Auftauchen etwas an unserer Grundsituation? Denn die Haltung der Schwarzmaskierten, die Atmosphäre im Raum ist unleugbar eine andere geworden. Die Waffe, die eben noch halbherzig auf uns gerichtet war, dreht sich mit angsteinflößender Bestimmtheit Richtung Elfie, gemeinsam mit mindestens drei Gegenstücken. Elfie blickt nacheinander in die auf sie gerichteten Läufe, schaut dann erneut zu uns. Ihr Blick fällt erst auf Will, dann auf Fips und landet schließlich auf mir. Sie scheint mit sich zu ringen, in ihrem Blick liegt so viel Verzweiflung. Dann nickt sie kurz, die Verzweiflung weicht einer fast greifbaren Entschlossenheit. Meine Angst steht unbewegt im Raum, ihre Konturen verwischen leicht.

Und dann passiert es, das Unglaubliche, das nicht Mögliche, das, was ich nicht in Worte fassen kann und was ich darum auch niemandem erzählen werde. Die kleine, blonde, sanfte Elfie verwandelt sich vor meinen Augen in eine Bestie. Ihre Kleidung, ihr ganzer Körper darunter, scheint zu explodieren und als die Detonation vorüber ist, sehen wir alle uns einer unbeschreiblichen Furie gegenüber, die alles verschlingt, zerfetzt, zerreißt, was ihr in die Quere kommt. Als das Massaker langsam zu Ende geht, als die letzte maskierte Gestalt ihren letzten Atemzug von sich gibt, wendet sich der Blick des Monsters uns zu. Wir drei verhalten uns weiterhin ganz still, hoffen darauf, vergessen zu werden. Sie kommt langsam auf uns zu, jeder Schritt gleicht einem Kampf. Als sie näher kommt, kommt auch ein Geruch nach Tod, nach Blut, nach etwas undefinierbarem in unsere Nähe. Meine Angst zittert und bibbert, ich sehe mich und die Jungs in diesem riesigen Maul verschwinden. Ich habe gesehen, was dieses Maul, diese Zähne mit den anderen um uns herum angerichtet hat und kann mich nicht daran hindern, laut aufzuschreien. Das scheint etwas zu verändern.. Die Augen haben mit einem Mal das wohlbekannte blau einer kleinen, zarten Frau. Der Blick der Bestie wird ganz kurz klar und bleibt dann an den Kindern hängen, dann gibt sie sich einen fast widerwilligen Ruck und rennt aus dem Haus.

Wir werden Elfie nie wieder sehen, man wird vermuten, dass sie dem Massaker, das dieses kleine Haus in der Nähe des Strandes heimgesucht hat, zum Opfer fiel, man wird den gestammelten Aussagen der Kinder keinen Glauben schenken, man wird mir eine Amnesie attestieren, ausgelöst durch einen Schock. Ich werde nach Hause fliegen und ein Leben haben. Aber ich werde dieses Leben nur der Begegnung mit einem unzähmbaren Monster zu verdanken haben und einer Liebe, die größer ist, als alles andere: der Liebe einer Mutter zu ihren Kindern. 




Laura Schäffner hat schon geschrieben, seit sie das erste Mal einen Stift in der Hand halten konnte. Da man vom Schreiben allein seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten kann, entschied sie sich zum einzig sinnvollen Studiengang: Germanistik und unterrichtet seit einigen Jahren ausländische Studenten in der deutschen Sprache. Ihre ersten beiden Bücher hat sie im Selbstverlag veröffentlicht und ist mittlerweile in einigen Anthologien bzw. Literaturzeitschriften veröffentlicht worden. 






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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