Unser vierbeiniger Verehrer

Regine Irene Bauer für #kkl17 „Begegnung“




Unser vierbeiniger Verehrer

Ein heiterer Sonntagmorgen lockt uns aus dem Haus. Nach langen trüben Regentagen endlich wieder Sonnenschein. Die Luft ist noch kühl und so richtig geeignet für eine kleine Fahrradtour. Schnell noch die schlaffen Fahrradschläuche aufgepumpt und los geht’s. Schnaufend, und die etwas träge gewordene Beinmuskulatur quälend, erreichen wir endlich den auf luftiger Höhe liegenden schattigen Wald. Aufatmend, die herrlich frische, nach Moos, Tannen und Sommer duftende Luft gierig in uns aufsaugend, führt uns der Weg auf langer, fast ebener Strecke durch die morgendliche Kühle, nur vom Gesang der Vögel begleitet.

Auf einer großen Wiese mit Grillstellen, Bänken und Schaukeln mitten im Wald, tummeln sich an diesem Morgen schon Jung und Alt. Hier wollen auch wir kurz Rast machen. Am Waldrand stellen wir unsere Räder ab und sind gerade dabei, uns ein lauschiges Plätzchen zu suchen, als plötzlich ganz zielstrebig und meckernd ein Ziegenbock auf uns zukommt. Erstaunt und etwas erschrocken weichen wir zurück, denn von einem Ziegenbock sind wir beiden noch nie „angesprochen“ worden. Er jedoch bleibt unbeirrt stehen und schaut uns mit seinen großen braunen Augen erwartungsvoll an.

Langsam fassen wir Vertrauen und meine Frage an ihn, wohin er gehöre, erwidert er mit einem kurzen Meckern, gerade so, als ob er mich verstanden hätte. Da wir der Ziegensprache leider nicht mächtig sind, bleibt uns seine Antwort ein Rätsel. Wir sehen uns um, ob jemand in der Nähe ist, zu dem das Tier gehören könnte. Es soll ja Leute geben, die mit Ziegenbock anstatt mit Hund spazieren gehen. Deshalb sind wir zuerst auch gar nicht besonders überrascht, einen solchen Vierbeiner mitten im Wald anzutreffen. Doch anscheinend vermisst keiner der Anwesenden den Ziegenbock. Die Erwachsenen sind mit sich selbst und den Würstchen auf dem Grill beschäftigt und die herumtollenden Kinder scheinen die Welt um sich herum sowieso vergessen zu haben.

Da kommt uns unweigerlich der Gedanke, dass unser Freund einfach ausgerissen ist, um wie wir das schöne Sommerwetter und einen Hauch von Freiheit zu genießen. Ein, eventuell zwei Kilometer von hier gibt es eine kleine Ortschaft; vielleicht ist dort sein Zuhause und er wird bereits vermisst.

Der Ziegenbock weicht nicht von unserer Seite und so unterhalten wir uns ein wenig mit ihm – so von Mensch zu Tier und umgekehrt. Ich glaube, trotz der unterschiedlichen Sprachen haben wir uns „gefühlsmäßig“ ganz gut verstanden und doch wird es uns ein Rätsel bleiben, warum er sich gerade uns ausgesucht hat; das wollte er uns partout nicht verraten. Langsam ist es an der Zeit, dass wir weiterfahren. In der Hoffnung, dass unser Verehrer sein Zuhause wieder finden wird, verabschieden wir uns von ihm und steigen in die Pedale. Ich kann es nicht lassen und drehe mich kurz noch einmal nach ihm um. Verwundert stelle ich fest, dass er uns folgt. Wir halten wieder an und sofort bleibt auch er stehen, den Blick fest auf uns gerichtet. Da wir vermuten, dass er in die bereits erwähnte Ortschaft gehört, durch die unser weiterer Weg führt, schnalze ich mit der Zunge und locke ihn mit: „Komm, komm!“ So können wir ihn vielleicht in seinen heimischen Stall zurückbringen. Und – – – er kommt! Prompt läuft er erneut einige Meter hinter uns her, um dann plötzlich wieder stehenzubleiben, neugierig die umliegende Landschaft  beäugend; eilig hat er es anscheinend nicht. Auf mein erneutes: Komm, komm!“ trottet er weiter hinter uns her. Und in diesem stop-and-go-Tempo erreichen wir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die kleine Ortschaft. Hoffentlich ist das Gehöft am Ortseingang sein Zuhause. Wir wollten doch in erster Linie Fahrrad fahren und uns nicht von einem vierbeinigen Verehrer, der zudem offensichtlich seinem heimischen Herd untreu geworden ist, verführen lassen. Aber nein, zu unserer großen Enttäuschung stellt sich heraus, dass die Leute hier nur Pferde haben, einen Ziegenbock beherbergten sie noch nie. Oh Schreck, womöglich läuft uns das Tier auch weiterhin hinterher und dies in dem viel Geduld abverlangenden Schneckentempo. Fahrradtour ade!

Und wenn er uns bis nach Hause verfolgt, wo sollen wir ihn einquartieren? In der Garage? Woher sollen wir Stadtkinder wissen, was einem Ziegenbock zum Abendbrot, zum Frühstück schmeckt? Doch da kommt völlig überraschend und zu unserer großen Erleichterung die Erlösung. Kinder haben den Vierbeiner entdeckt und kommen mit Händen voll Heu und Stroh angelaufen. Er ist sofort der Liebling aller und wir können ihn getrost aus unserer Obhut entlassen. Man versichert uns, ihn für die Nacht hierzubehalten, um am anderen Tag seinen Besitzer ausfindig zu machen. Beruhigt, die Verantwortung für das Tier abgeben zu können und es in guten Händen zu wissen, aber auch erheitert über diese ungewöhnliche Begegnung, setzen wir unsere Radtour fort.




Regine Irene Bauer, geb. 1946 in Schorndorf/BW.

Nachdem ich die dunkle Mauer der Trauer nach dem allzufrühen, schmerzhaften „Weggang auf die andere Seite“ meiner geliebten Tochter Christine vor 11 Jahren  durchbrochen hatte, begann ich vor einigen Jahren mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und Gedichten – auch in schwäbischer Mundart.

Einige meiner Texte wurden in verschiedenen Anthologien und im Belser-Verlag Stuttgart veröffentlicht. Auch habe ich an Lesungen und Ausstellungen teilgenommen.

Meine Texte habe ich in folgenden Büchern veröffentlicht:

„Danke für Dein Sein – Eine alles verändernde Lebenserfahrung“

„Begegnungen – Geschichten und Gedichte, die das Leben schrieb“

„Meine Gedichte lebensbunt“.

Seit 6 Jahren beschäftige ich mich mit der Malerei und bin Mitglied in der Künstlergruppe Texte & Zeichen.

Es macht mir Freude, mit Worten und Farbe zu gestalten. Starke Emotionen und die Natur beflügeln  meine Kreativität.

, geb. 1946 in Schorndorf/BW.

Nachdem ich die dunkle Mauer der Trauer nach dem allzufrühen, schmerzhaften „Weggang auf die andere Seite“ meiner geliebten Tochter Christine vor 11 Jahren  durchbrochen hatte, begann ich vor einigen Jahren mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und Gedichten – auch in schwäbischer Mundart.

Einige meiner Texte wurden in verschiedenen Anthologien und im Belser-Verlag Stuttgart veröffentlicht. Auch habe ich an Lesungen und Ausstellungen teilgenommen.

Meine Texte habe ich in folgenden Büchern veröffentlicht:

„Danke für Dein Sein – Eine alles verändernde Lebenserfahrung“

„Begegnungen – Geschichten und Gedichte, die das Leben schrieb“

„Meine Gedichte lebensbunt“.

Seit 6 Jahren beschäftige ich mich mit der Malerei und bin Mitglied in der Künstlergruppe Texte & Zeichen.

Es macht mir Freude, mit Worten und Farbe zu gestalten. Starke Emotionen und die Natur beflügeln  meine Kreativität.






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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