Begegnung im Wald 

Christine Sievers für #kkl17 „Begegnung“




Begegnung im Wald 

Ich habe diese Träume von Natur in den Nächten. Von Bäumen und Wäldern, Wiesen und Feldern und Stock und Stein und Vogelgezwitscher. Dunkle, kühlende Schatten, dunkles Holz, Frische, rauschende Blätter und Feuchtigkeit in der Luft. Als würde es bald vorbei sein. Ich schaue aus dem Fenster, irgendwo, in diesen Träumen, und sehe all dies. Wie eine Erinnerung, so wahr in ihrer Essenz darüber, was ich bin und will, dass sie, wenn sie von mir geht, herausgerissen wird aus mir, um zu verschwinden und ihr Verschwinden auch mein Verschwinden bedeutet. Ich laufe einen steinigen Weg hinauf, in diesen Träumen, nicht asphaltiert, nur Erde, eingerahmt von den Eichen und Fichten und Tannen und Birken. Es ist dunkel, doch Licht fällt hinein. Das Dunkel ist ein tiefes Grün und ich kann kaum atmen ob dem um mich herum. Ich sehe die Wurzeln unter mir, die meisten grau, nur wenige braun. Sie ziehen sich endlos den Weg entlang. Sie nehmen keine Rücksicht weder auf ihn noch auf andere Grenzen. Wie Adern und Venen bleiben sie, wo sie gewachsen sind. Ich höre meine Lungen, ich spüre die Arbeit, die sie leisten, eine Ode an das Leben, und dann wieder bin ich traurig, als würde ich dem Tod bei der Arbeit zuschauen. Genau genommen könnte ich rasten, auf diesem Weg, im Schatten der Bäume, im Rauschen der Blätter, und würde der Wind für einen kurzen Moment den Atem anhalten, was er tun würde, denn auch er unterliegt den Regeln der Lebenden, so würde ich auch es hören – die Gestalt, der grösste Schatten im Unterholz, rennend, unermüdlich, flink, schnell. Ich würde ihn erkennen, den langgestreckten, feingliedrigen Körper abgefedert bei jedem langen Sprung vorwärts, bunt, schillernd. Ich würde ihn erkennen und …würde ich sie warnen, die anderen? «Etwas ist im Wald! Etwas ist im Wald, was da vorher nicht war!» Würden sie mir glauben? In diesen Träumen habe ich Erinnerungen an Begegnungen mit ihm, die sich nie ereignet haben. Ich lege mich dort auf den Boden und fühle die Erde auf meinem Gesicht und durch meine Haare krabbeln. Auch sie ist auf der Suche nach einem Versteck.




Geboren im eher dunklen Ostharz, entschloss sich Christine Sievers bereits mit 6 Jahren von zu Hause fort zu laufen, erst in Form von schriftlichen Abenteuerreisen, und dann, nachdem sie die Volljährigkeit erreicht hatte, mit diversen Lebensphasen in Island, Uganda und Kanada. Derzeit lebt sie in der Westschweiz, verbringt ihre Freizeit bevorzugt mit Ziegen und Karotten und ist seit 2018 Doktorin der Philosophie. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Artikel und Kommentare in international anerkannten Fachmagazinen sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch publiziert. Ihre Leidenschaft liegt jedoch bei der Prosa, die sie nun nicht mehr als Flucht, sondern als Profession betrachtet. 

Instagram-Handle: instagram.com/christine_leaves/

Medium-page: christine-leaves.medium.com






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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