Unverhofft

André Hénocque für #kkl17 „Begegnung“




Unverhofft

Während meiner frühesten Jugend wohnten wir in Frankreich, zunächst mit 6 Personen bei der Großmutter auf zwei Zimmern, später in einem kleinen Haus: Küche, Elternschlafzimmer mit Büro, Kinderzimmer, Duschbad und Toilette, insgesamt etwa 85 m2.  Es war herrlich etwas Eigenes zu besitzen und wir waren stolz dies unseren Verwandten aus Deutschland zu zeigen. Daher hatten wir ständig Besuch bei dem man zusammenrückte. Meine Brüder und ich schliefen dann im Zelt auf unserer Wiese. Die Absonderung von den Erwachsenen gefiel uns sehr und wir freuten uns immer wenn Gäste erwartet wurden.

Dienstags und samstags besuchte meine Mutter den Markt und kaufte bei den
örtlichen Händlern die Lebensmittel ein, die für die 5-köpfige Familie benötigt wurden.
Der Marktplatz war etwa einen Kilometer entfernt und befand sich im alten Ortsteil,
so dass ich helfen musste die prall gefüllten Einkaufstaschen zu tragen. Eines Tages
hielt ein  VW Cabrio auf halber Strecke neben uns. Aus der heruntergekurbelten Fensterscheibe sprach uns eine Frau an und fragte nach dem kürzesten Weg  nach
Paris. Sie radebrechte derart, dass wir sofort erkannten, dass es sich um eine Deutsche handelte. Meine Mutter erteilte ihr die Auskunft in perfektem Deutsch, so dass die Überraschung groß war. „ Es ist gleich Mittag. Haben sie ein Hotel in Paris? Ohne Reservierung ist es schwer eine passende Unterkunft zu finden. Kommen sie mit zu
uns. Wir essen zusammen und wenn mein Mann von der Arbeit kommt wird ertelefonieren und etwas Gutes und Preiswertes für sie finden“. Die Familie aus Kiel, Vater, Mutter und zwei Söhne von circa 14-15 Jahren waren zunächst skeptisch, nahmen dann aber die Einladung an und folgten uns nach hause. Meinen Vater konnte die Initiative meiner Mutter nicht erstaunen und nachdem der Küchentisch ausgezogen worden war hatte alle 9 Platz an der Tafel. Meine Mutter zauberte wie gewöhnlich ein Menü mit Suppe, Hauptgericht, Salat, Käse und Obst das großen Zuspruch erfuhr und alle ein wenig müde gemacht hatte. Natürlich war an eine Weiterfahrtnicht zu denken, also benötigten wir nicht nur ein Zelt sondern zwei. Schnell aufgebaut, die zusätzlichen Schlafsäcke vom Speicher geholt und wir 5 Jungen nahmen unser Reich in Besitz währen die Erwachsenen noch einen vielleicht mehrere Cognacs zur Verdauung zu sich nahmen.   

Beim Frühstück am nächsten Morgen , einem Sonntag, versuchte mein Vater eine geeignete Unterkunft zu finden, jedoch ohne Erfolg. Danach  besuchten wir gemeinsam meine Tante, bei der wir jeden Sonntag mittags und abends speisten. Die zusätzlichen

Gäste waren keine Herausforderung für die Tante, die kurzerhand eine weitere Ente schlachtete, Pastete und Eier aus dem Vorrat holte und sich gemeinsam mit allen weiblichen Besuchern, auch unserer Deutscher Gast wurde eingebunden, an die Zubereitung des Mittagsmahls heranmachten. Das Essen verlief ausgelassen und problemlos, auch wenn die Verständigung häufig nur über Gesten möglich war. Nachmittags war es Tradition zum nahe gelegenen Friedhof zu pilgern um das Grab der Eltern von Vater und Tante zu besuchen um pünktlich zu Kaffee und Kuchen zurückzukehren. Kurze Zeit später konnte man das Abendbrot zubereiten, so dass an diesem Tag eine Weiterfahrt nach Paris nicht möglich war. Wir kehrten also zurück und verbrachten die Nacht wie die Vorherige : Kinder in den Zelten, Eltern in den beiden Schlafzimmern.

Am Morgen wurde beschlossen, dass es sich für die restlichen Tage nicht lohnte eine andere Unterkunft zu suchen. Man hatte sich bereits eingelebt und so blieb die Familie eine weitere Woche bei uns. Da mein Vater selbständig war konnte er sich freimachen und spielte an einem Tag den Reiseführer, Aufgabe , die sonst meine Brüder übernahmen.

Die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt wurden besichtigt wobei zusätzlich noch Eckenerkundet wurden, die man als Tourist nicht immer zu Gesicht bekommt. Die Kieler fanden es herrlich, wir ebenfalls.

Die Zeit des Abschieds kam fast zu schnell. „ Wir würden Euch gern nach Kiel einladenund Euch unsere Heimat zeigen. Außerdem möchte ich, dass Du Pierre einen Tototipp abgibst. Ich werde ihn ein Jahr lang spielen. Vielleicht hast Du ja Glück.“ Eine Reise nach Kiel war uns nicht vergönnt aber der Totoschein erwies sich als Glückstreffer : es gab einen Gewinn im zweiten Rang. Die Kieler überwiesen den beträchtlichen Betrag, der augenblicklich umgesetzt wurde : warme Winterjacken, 2 Mopeds und weitere praktischeSachen, deren Anschaffung sonst einige Zeit gebraucht hätten.

So hatte uns eine Zufallsbegegnung und die Gastfreundschaft meiner Eltern einenunverhofften Segen gebracht. Hätte jedoch Schweinfurt 05 nicht in letzter Minute einTor kassiert, wäre es der erste Rang gewesen. Nicht auszudenken.




André Hénocque

Geb. 29.08.1948 in Hagen/Westf.

Franzose

Verh. , 3 Kinder, 5 Enkel

Rentner, früher Industriekaufmann

Publiziert :   1 Kurzgeschichte – Naschkatze (2021)

                     1 Gedicht – Die Nymphen (2021)

                     1 Kurzgeschichte – Hundewetter (2022)

                     1 Kurzgeschichte – Der Freizeitbürger (2022)






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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