Im Zug

Bettina Schneider für #kkl17 „Begegnung“




Im Zug

„Wir begrüßen die neu zugestiegenen Fahrgäste …“ Die weiteren Worte der Durchsage gehen im Rascheln der Zeitung meines Gegenübers unter, zeitgleich ertönt eine aufdringliche Gute-Laune-Melodie aus einem der Gepäckstücke unter den Sitzen. Das Rentner-Ehepaar, in Tarnfarben gekleidet, das mit einem Proviant wie für eine mehrtägige Expedition ausgerüstet die Fensterplätze beansprucht, kommentiert die Störung mit einem missbilligenden Kopfschütteln. Die alleinreisende ältere Dame, Mittelplatz, mit roten Haaren hält ihren Blick fest auf das Klatschblatt in ihren Händen gerichtet, als löse sie ein Sudoku.

„Hey, ich will chillen, kapiert?“ Die Ansage ist knapp und klar und trotzdem legt die jugendliche kaugummikauende Besitzerin des Handys, die eine Art Negligé in Violett trägt, ihr Gerät nicht aus der Hand, nachdem sie es in ihrem Rucksack nach einigem Wühlen gefunden hat. Ohne es verhindern zu können, werden wir Mitreisenden Zeugen eines handfesten Beziehungskrachs. Ich hasse es, wenn sich Menschen vor meinen Augen oder wie in diesem Fall vor meinen Ohren streiten. Nach einer hitzigen Debatte rauscht die Handybesitzerin mit puterrotem Kopf aus dem Abteil.

Der Zug gleitet wie ein riesiges Raumschiff auf Schienen durch das Land. Abgeerntete Ackerflächen wechseln sich ab mit Weiden und Waldstücken, die gespenstisch wie fremde Wesen aus dem Nebel auftauchen.

Elegant kommt der ICE auf Hochtouren. Ich spüre das leichte Vibrieren des Zuges. Jetzt erfüllt das Geräusch von knisternder Alufolie das Abteil. Sehr umständlich wickelt das Ehepaar Hand in Hand einen gefleckten Kuchen aus. „Marmorkuchen“, haucht die Alleinreisende, als nenne sie das Losungswort. Sogleich entspinnt sich ein Gespräch unter den älteren Damen über selbst gemachte Kuchen (das Beste), wechselt über Cake Pops (neumodischer Kram, aber schmeckt) hinüber zu Marmeladen. Auch selbst gemacht, versteht sich. Jetzt sind sie beim optimalen Reifegrad der Früchte für den süßen Aufstrich angelangt (Quintessenz der Viertelstunde: Alles gut), bevor sich die folgenden — sehr langatmigen — Ausführungen um die weiteren Zutaten einer guten Marmelade drehen. Prosecco und Amaretto, der von Aldi tut es auch, gehen immer. Mein Gegenüber, ein Anzugträger, und ich tauschen einen flüchtigen Blick wie zwei Komplizen und dann — als ob er sich besonnen hätte — schickt er seinem Blick ein kurzes Lächeln hinterher, bevor er sich erneut in die Zeitung vertieft. Nett, ja, gut sieht er aus, fällt mir jetzt erst auf. Liegt es an seinem Lächeln? Unauffällig erlaube ich mir einen zweiten Blick. Schlank, dunkles Haar, das nur an den Schläfen leicht ergraut ist, im Gesicht noch gesunde Bräune vom letzten Urlaub. Gedanklich sortiere ich ihn unter Manager ein, denn er strahlt selbst im Ruhezustand etwas Dynamisches und Zielstrebiges aus. Wie alt ist er? Ein paar Falten, eher Fältchen um die Augen, auf der Stirn … Als er aufsieht und meinen Blick bemerkt, erscheint wieder ein Lächeln auf seinen Lippen.

Oha. Braune Augen. Er hat wache, aufmerksame braune Augen.

Die Unterhaltung im Abteil dreht sich nun um die wichtige Frage: Wie zaubert frau das perfekte Gelee? Als sich die Rentnerin akribisch über Pro und Kontra von Gelierzucker auslässt, flüchtet der Anzugträger aus dem Abteil.

Ganz unvermutet bricht die graue Hochnebeldecke auf. Sonnenstrahlen ergießen sich wie Gold über das karge Land und beginnen, den Dunst über dem Boden aufzulösen. Ich lehne mich entspannt zurück.

Mit Schwung zieht der Anzugträger die Schiebetür des Abteils auf, sodass die älteren Herrschaften erschrocken hochfahren, in ihrem Gespräch innehalten und es auch nicht wieder aufnehmen, nachdem sich der Mann gesetzt hat. Alle beobachten ihn, wie er sich jetzt auf seinem Platz zum Arbeiten einrichtet. Er erledigt es in einer Routine, die ihm über die Jahre vermutlich in Fleisch und Blut übergegangen ist. Schnell und effizient. Perfektioniert. Als er den Laptop aufklappt, beginnt er sofort zu arbeiten. Leise klickert die Tastatur. Das Abteil, unsere gemeinsame kleine Zelle, denke ich. Menschen, die darin für die Dauer einer Zugfahrt zufällig zusammenkommen. Mollig warm ist es hier drinnen, meine Augenlider werden schwer und ich schließe die Augen. Ich spüre die gleichförmige, einschläfernde Bewegung des Zuges, Geräusche dringen nun wie in Watte gehüllt zu mir. Warum nicht? Hier darf ich mir ein Nickerchen gönnen. Seufzend gebe ich mich diesem Wohlgefühl hin.

Ich bin im Zug. Und meine Knie berühren den Anzugträger. Mit einem Schlag bin ich hellwach und setze mich wie von einer Schnur in die Höhe gezogen kerzengerade auf, bringe meine Beine auf Abstand und entschuldige mich.

Der Mann mir gegenüber mustert mich, amüsiert. Gott, was denkt er? Was könnte er denken?

„Süß geträumt?“

Verwirrt bringe ich ein Kopfnicken zustande und spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt. Sofort zwinge ich meinen Blick auf die Landschaft vor dem Fenster und werde dabei das Gefühl nicht los, dass der Mann mich unverwandt betrachtet. Kleinere eingefasste Äcker und Wiesen bestimmten jetzt das Bild. Nebenbei bekomme ich mit, dass sich das ältere Ehepaar mit Apfelschnitzen und Bananenscheiben verwöhnt. Wie bei der Papageienfütterung im Zoo — der Vergleich drängte sich mir unmittelbar auf.

Mein Gegenüber arbeitet nicht, stelle ich fest, als ich irgendwann wieder zu ihm schaue. Nicht dass er mich störend anschaut, aber er hat mich betrachtet. Ja. Ich beschließe, mir die Beine zu vertreten, meine Gefühle zu beruhigen und verlasse das Abteil, um ein paar Schritte auf dem Gang zu gehen.

Auf dem Rückweg steht der Anzugträger plötzlich vor mir. Hat er hier gewartet? Auf mich?

Sein warmes Lächeln stoppt alle meine weiteren Gedanken.

„Ich hätte Sie gerne auf einen Kaffee eingeladen, aber ich muss gleich aussteigen.“ Ohne zu zögern, überreicht er mir seine Visitenkarte. „Vielleicht haben Sie ja mal Lust, an einem anderen Ort, wenn wir beide Zeit haben …“

Kurz und bündig, schnell. Sehr effizient. Trotz meiner zig Fragen, die mir durch den Kopf wirbeln, bringe ich nur ein Nicken und gestottertes Danke zustande. Aber: Warum nicht?

Zehn Minuten später habe ich das Abteil für mich alleine. Ganz alleine. Verträumt blicke ich in den sonnigen Novembertag, der Zug hat sich wieder in Bewegung gesetzt. „Wir begrüßen die neu zugestiegenen Fahrgäste …“




Bettina Schneider

Jahrgang 1968, lebt in Berlin, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit.

Sie schreibt mit Begeisterung Kurzprosa, einiges davon ist veröffentlicht.

Sie ist eine Leseratte, liebt Sonne und blauen Himmel und mag Wald-Spaziergänge.






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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