Metamorphose

Carolin Helmker für #kkl17 „Begegnung“




Metamorphose

Ich sitze auf einer Parkbank neben einem großen Baum gegenüber von einem See in dem Stadtpark, in dem ich sonst nie meine Runden drehe. Auf meinem Schoß liegt Hermann Hesse, „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Eine kleine grüne Raupe kriecht über die Worte. Ich beobachte sie, wie sie sich immer wieder kraftvoll zusammenzieht, um vorwärtszukommen. Du setzt dich neben mich und ich verliere die Raupe aus den Augen und schaue stattdessen in deine, die aussehen wie das Mittelmeer in Frankreich an einem sonnigen Tag. Du lächelst und fragst, was ich da lese. Deine Stimme klingt dabei, wie wenn man die E- und B- Saite der Gitarre gleichzeitig schwingen lässt. Voll und tief, doch gleichzeitig so weich und warm. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, antworte ich und habe das Gefühl, dass es sich dabei nicht nur um den Titel des Werkes handelt. Wie weit ich wäre und ob das Gelesene schon etwas mit mir gemacht hat, fragst du als nächstes. Dein Blick und du, ihr seid so ehrlich interessiert, so ernsthaft und doch so unbeschwert und hoffnungsvoll, als wüsstet ihr, dass die Welt am Ende doch nicht untergeht. So, als ob es für immer jeden Morgen Kaffee am Bett gibt und jeder Abend mit einem Glas Wein auf dem Balkon endet. Ich fühle mich verzaubert.

Die Zeit ist inzwischen vorangeschritten und wir sitzen wieder auf der Bank. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ ist ausgelesen, genau wie unser Anfang. Wir reden über Prag, da wollen wir bald hin und zusammen auf den gleichen Pflastersteinen spazieren, auf denen Kafka schon mal gegangen ist. Deine Neugier und all deine Ideen sprudeln so unaufhaltsam aus dir heraus, wie das Wasser aus der Fontäne auf dem See vor uns. Vielleicht will ich das alles gar nicht machen, sage ich leise. Vielleicht will ich gerne mit dir in einem Café sitzen und Kaffee trinken und den Menschen zuschauen. So wie früher. Du schaust mich verständnislos an und über uns und in deinen Augen sind schon längst Wolken aufgezogen, die die Sonne vertreiben.

Obwohl der Baum neben mir schon fast grüner ist als die Hoffnung selbst, hängt ein eingerolltes verwelktes Blatt an einem Zweig herunter.

Es ist einige Zeit vergangen und wir schauen wieder auf den See. Das Vogelzwitschern, das Rascheln der Blätter im leisen Wind und das Sprudeln der Fontäne lenkt von unserem Schweigen ab. Wir fahren nicht nach Prag. Dein ehrliches Interesse an mir ist einer Ichbezogenheit gewichen, in der kein Platz mehr für mich ist. Du willst mich gar nicht mehr verstehen, selbst wenn du es könntest. Was gibt es heute Abend zum Essen, fragst du und die B-Saite ist längst aus deiner Stimme verschwunden und einer viel zu fest gezupften E-Saite gewichen. Ich weiß es nicht. Vielleicht wollen wir mal wieder etwas kochen? frage ich und schaue dich an. Du schaust zurück und zuckst mit den Schultern. Mittlerweile regnet es in Frankreich, das blaue Meer ist einer dunkelgrauen Gischt gewichen und ich habe keine Lust mehr auf Rotwein in Cassis, obwohl das doch mal mein schönster Ausblick war.

Während eine Träne aus meinem linken Auge heimlich meine Wange hinunterrollt und auf mein Knie tropft, öffnet sich das verwelkte Blatt an dem Zweig am immer noch grünen Baum. Ein neues Leben schlüpft heraus, während wir unser altes so fest in einen Kokon wickeln, dass es für immer darin verschlossen bleibt.

Für einen kurzen Moment kann ich seine Flügel nah vor mir sehen. So zart und zerbrechlich, doch gleichzeitig so stark und kraftvoll. Das einzigartige Muster und all die Farben hinterlassen in mir eine Ehrfurcht vor dem, was die Natur erschaffen kann. Sanft bewegen sie sich und es kommt mir vor, als wäre gerade der letzte Schmetterling aus meinem Bauch hinaus in die Freiheit geflogen, um in mir ein Gefühl der Hoffnung auszulösen, das ich vorher nicht kannte. Eine Hoffnung darauf, dass Veränderung zu etwas einzigartig Schönem führen kann, auch wenn der Weg mühsam ist. Und während der Schmetterling beinahe schwerelos davonfliegt, keimt das letzte Stückchen Mut in mir auf. 




Carolin Helmker

  • Geboren im Jahr 2000 in Mainz
  • Abitur 2020 in Mainz
  • Seit 2020 Studentin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
  • Liebe zu Geschichten und Geschriebenem jeder Art schon seit frühen Kindertagen






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: