Die Sache mit Lotte

Monika Schlößer für #kkl17 „Begegnung“




Die Sache mit Lotte

„Ich liebe dich“, sagte die Frau zu mir. Ich kannte diese Frau nicht – es war auch eher eine Dame. „Ich liebe dich“, wiederholte sie und schaute mich fröhlich an.

Mann, was sollte ich darauf bloß antworten? Nett, aber ich denke, Sie verwechseln mich? Oder – hocherfreut, mein Name ist Hugo Meier? Alternativ hob ich die Schultern und ging weiter. Einfach so, ich hatte ja kein Ziel vor Augen. Hinter mir hörte ich Schritte, eilige Schritte, Trippelschritte.

„So warte doch“, japste die Dame. „Ich muss mit dir reden.“ Das kenne ich. Wenn dieser Satz fällt, wird’s kompliziert. Hier gab es nirgendwo eine Kneipe, in die ich flüchten konnte, kein Kaufhaus, noch nicht mal ein Kloster oder einen Kuhstall. Nur Landschaft – mehr, als ich momentan ertragen konnte. Also zog ich spontan die Notbremse, blieb einfach stehen.

Sie lief mir in die Hacken. „Upps,“ sagte sie. „Hallo Hugo.“

„Mit wem hab‘ ich denn das Vergnügen?“, brachte ich sichtlich verwirrt hervor.

„Lottchen, aus der 12a.“ Azurblaue Augen strahlten mich an.

Mein internes Alphabet spuckte auf Anhieb kein L wie Lottchen aus. Und 12a? Schon gar nicht. Meine Hausnummer lag im Hunderterbereich. Und im Krankenhaus oder so hatten die Zimmer auch ein anderes Ordnungssystem.

„Sie verwechseln mich“, haspelte ich eilig und wollte meinen Weg fortsetzen. Wohin auch immer.

„Seit der 11 liebe ich dich schon! Das musst doch gemerkt haben, Hugo.“ Interessant. Schule also. Nach der 10 hatte ich mich dort dezent verabschiedet.

Siedend heiß fiel mir plötzlich das rote Firmenlogo auf meiner schwarzen Mütze ein. „Ich bin nicht der, für den Sie mich halten“, warf ich der Dame vor die Füße. „Und nun muss ich einen dringenden Termin wahrnehmen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen?“ So hochgestochen rede ich sonst nie, ehrlich.

„Termin im Maisfeld?“. Sie drohte mir neckisch mit dem Zeigefinger. „Da bin ich dabei.“ Wenn die jetzt auch noch anfängt zu singen, spiele ich Rumpelstilzchen, schoss es mir durch den Kopf. Tat sie aber nicht. Schweigend latschte sie neben mir her. Circa zwei Kilometer lang. „Ist es noch weit?“, fragte sie, als am Horizont schemenhaft die Kühltürme vom Kraftwerk in Weisweiler zu erkennen waren. Wie sollte ich aus der Nummer bloß wieder rauskommen?

„Ich wohne in Ründeroth, etwa 100 Kilometer von hier entfernt.“ Mein Magen knurrte. Redete ich deshalb ein derart konfuses Zeug?

„Dann sollten wir in Richtung Osten weitermarschieren. Hast du einen Kompass in der Hosentasche?“

Das durfte jetzt nicht wahr sein. Dieses „Lottchen aus der 12a“ wollte freiwillig 100 Kilometer weit mit mir durch die Pampa latschen? Mit mir, diesem total verpeilten Hugo Meier, der noch nicht mal wusste, wie so ein Kompass funktioniert?

Das musste wahre Liebe sein. Anders konnte ich mir diesen Wahnsinn nicht erklären. Mann, bin ich ein Glückspilz! Nächsten Monat werde ich geheiratet. Von Charlotte, die nach Jahrgangsstufe 12 abgegangen war. Irgendwo im Saarland. Das ich nur vom Hörensagen kenne.





blickkontakt


wie sie aufeinander zu

tanzen die blicke

verhohlenen ganz

unverhohlen tanzen

sie aufeinander zu

die blicke die füße

schritt für schritt

im großen kreis auf

einander zu den

kreis halbierend

tanzen die blicke

ganz verstohlen

schritt für schritt

dem augen

blick entgegen




Monika Schlößer

Geboren 1949, lebt in Bad Münstereifel, verheiratet, 2 Töchter. knapp 80 Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzkrimis und Kurzprosa in zahlreichen Anthologien, Kalendern, Jahrbüchern, Zeitschriften, Schaufenstern, in einem Podcast und auf einer Lyriksäule.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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