Späte Aussprache

Oliver Fahn für #kkl17 „Begegnung“




Späte Aussprache

Bernd stand in der Schlange. Er watete in Schritten über den Kies, die kleiner kaum sein konnten. Die Hände waren kalt, sein Kopf zersprang vor Gedanken. Er bewegte sich durch einen wasserlosen Ozean, war ein Ertrinkender im Trockenen, so jedenfalls kam es ihm vor. War er der, für den er sich hielt oder ein seiner Person Fremdgewordener, dessen Füße Steinchen traten? Bernd war am Boden zerstört. Er hoffte, es öffne sich ein Fleck, in den er hineintauchen konnte. Gewissensbisse plagten ihn. Teufel! Wenn er bloß einen Teil seiner Gliedmaßen drangeben hätte können und somit frei von Schuld geworden wäre. Er war es nicht. Ganz im Gegenteil! Was er da getan oder besser gesagt unterlassen hatte, war unverzeihlich. Es bestand kein Zweifel, nach sorgfältiger Prüfung seiner Versäumnisse musste er eingestehen, es waren seine Beine und seine Schuhsohlen, die ihn über den Kiespfad trugen. Auch war es seine Alternativlosigkeit, die Bernd Kiesel wegkicken ließ. Eigentlich zum Weinen. Dennoch entschlüpfte Bernd ein Lächeln. So paradox das klingt, gerade in Situationen, die nach Ernsthaftigkeit verlangten, kam zwischen seinen Wangen ein unterdrücktes, im letzten Moment mit einem Gähnen getarntes Grinsen zum Vorschein. Bernd strich mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Mundwinkel glatt. Bernds Hut warf einen Schatten auf seine Stirn.

Sie würde sich wegen Bernds versäumter Besuche im Grab umdrehen, wenn sie das nach ihrem Tod noch könnte. Warum musste diese Frau erst sterben, ehe Bernd es für nötig befand und er überhaupt dazu in der Lage war, sie zu besuchen? Hierher auf den Friedhof zu kommen war leichter, die Krankenhausluft allerdings, das hatte ihm schon sein Vater in frühester Kindheit eingebläut, vertrüge er nicht, sie schade Bernd. War den Grabreihen mit all ihren klobigen, teils recht verwitterten Steinklötzen etwa mehr Sauerstoff beigemengt? Gotteshäuser mied Bernd seit jeher. Sein Vater hatte ihm wegen der abgestandenen Luft und seiner eigenen Unlust abgeraten, Kirchen zu betreten. Und jetzt atmete Bernd die allgegenwärtigen Altherrendüfte, die eingemotteten, eigens für jenen feierlichen Anlass mit 4711 zu neuem Leben erweckten Anzüge, von denen sich niemand vorstellen konnte, sie würden noch von jemand anderen getragen als von den Kleiderbügeln, die deren Last ebenfalls müde, aber wehrlos gegenüberstanden. Die Warteschlange, in der Bernd eines der Kettenglieder verkörperte, war eine träge Kolonne, die in ihrem Vorankommen einem stumpfen Messer in zähem Fleisch durchaus vergleichbar war. Bernd wusste, warum er buddhistische Meditationsgänge ablehnte. Genau wegen solcher Veranstaltungen, die ihre Langsamkeit als Müßiggang deklarierten, entwickelte Bernd eine Abneigung gegen jegliche Kontemplationsrituale. Nun stand er in der Serie Wartender und konnte nichts dagegen unternehmen. Von oben besehen waren Bernd und die ihn umzingelnden Friedhofsbesucher eine nach einigen Schritten Schneckenmarsch dem Stillstand erliegende, zur Geduld verdammte Karawane.

Weniger vor, als vielmehr seitwärts wippte Bernd. Allmählich näherte er sich dem frisch aufgegrabenen Erdloch, worin die besagte Frau im Innenleben eines nicht allzu luxuriösen Sargs lagerte. Während unter Bernds Füßen winzige Steine ihre eigentümliche Melodie knirschten, hinterfragte er, ob der Holzkasten eine andere, etwa eine viel erhabenere Form der Existenz ist, nicht bloß Hülle, sondern Körper. Bernds Hände hielten seine Hosentaschen, als müsste er sie umklammern, damit seine Jeans nicht gemäß den Schwerkraftgesetzen von seiner Hüfte herabsank. Seine Organe schienen unfähig geworden, Wärme zu speichern. Wann war ihnen diese Nützlichkeit abhandengekommen? Die Glocke der angegliederten Kirche fiel ein. Dumpfe Töne gab sie ab, verteilte sie großzügig über die Gesellschaft. Erkannte diese Glocke die Müdigkeit in der Motorik der Trauergemeinde? Schickte sie deshalb den Weckruf? Wahrlich schienen die Trauernden dermaßen von Lethargie eingemauert, dass sie, während sie dem Weihwasserkessel am Grabrand entgegenschlenderte, drohten einzuschlafen. Bernds Mimik offerierte Falten. Der nachträgliche Ärger über seine konsequente Verweigerung der Krankenhausbesuche stand ihm eingraviert auf Stirnhöhe. Wäre er dieser Frau in ihren Todesstunden beigestanden, hätte er, Bernd, ihre rasch erkaltende Hand in der Palliativstation gehalten, bis der Bestattungsunternehmer gekommen war, dann hätte er womöglich jene durch nichts Dynamik ausdrückende Zeremonie ausfallen lassen dürfen. Wie Bernd sein Versagen urplötzlich wurmte! Nichts von seinen Erwägungen erfrischte ihn, sie erzürnten ihn bloß in einer ziellos seine Gliedmaßen flutenden Unruhe.

Bernd brauchte Auswege, die es faktisch nicht gab. Er musste dableiben, wollte er nicht gegen ihren letzten Willen verstoßen. Ein von Bernd ausgelöster Affront bei ihrer Beerdigung würde ihr sauer aufstoßen. Mit geistigen Fluchtmöglichkeiten musste Bernd vorliebnehmen. Entscheidet nicht ohnehin letztlich der Geist, wohin wir unbemerkt davonrennen? Bernd tippelte auf der Stelle, er hinterließ den Eindruck eines Boxers, der gerade noch genügend Kraft hatte, ohne Unterstützung stehenzubleiben. In Abwesenheit von Vitalität eine heroische Leistung. Niemand wusste sie zu würdigen. Bernd selbst wenigstens geringfügig. Er bekam einen mageren zweiten Atem. Kurz vor dem Grab straffte er sein Kinn, reckte seine Brust, gab das Bild eines Kriegers ab, der zu viele Schlachten gekämpft und zu wenige davon gewonnen hatte. Mit der Agilität eines Zinnsoldaten ausgestattet, spürte er seinen Herzschlag mit einer ungesunden Deutlichkeit. Ich armer Knilch, dachte er. In meinem Zustand könnte ich ganze Scharen mobilisieren, die vor Mitleid meine Schuhe vom Staub der vorigen Meter befreien, sagte Bernd leise, so dass ihn hoffentlich niemand hörte. Bernd selbst war unvorstellbar, dass irgendjemand weiter unten sein konnte als er. Erst als Bernd in den ausgehobenen schwarzen Bunker schaute, nein starrte, wusste er um die Privilegien, mit denen ihn das Leben hofierte. Seine Schuldgefühle musste er irgendwie abstellen.

Die Gefahr einer Querschnittslähmung, falls er in den Abgrund der Grabkammer hineinstürzte, (gedanklich konstruiert hatte er das Szenario) war ihm zu groß. Nichts riskieren, was einem hinterher leidtat! Niemand verlieh ihm einen Orden, wenn er seinen Kummer auskostete und ihn mit einer angeblichen Heldentat besiegelte. Wozu auch? Das schlechte Gewissen, das Bernd durch seine versäumten Besuche im Krankenhaus magnetisiert hatte, musste er ausbaden in der wasserlosen Wanne des Friedhofs. Einem Areal, so groß, dass keine Wutschreie an der Ummauerung echoten. Mittendrin lauter Bäume. Bernd kam es vor, als hätte er sich im Wald verlaufen. Spatzen verfingen sich in Zweigen und auch Bernds Rufen hätte jenes Schicksal gedroht, sofern er welche abgesetzt haben würde. Sein Rest an Anstand verhinderte vorerst einen Eklat. Und das Gebot, das die Dame in früheren Gesprächen aufgestellt hatte, galt. Uneingeschränkt!

Bernd, bei meiner Beerdigung ein Mindestmaß an Disziplin, ich bitte dich recht herzlich, hatte sie gemahnt. Die Messlatte war somit hoch aufgerichtet für Bernds molekülartig ausgeprägte Selbstbeherrschung. Einige Aufmerksamkeit band Bernd mit seiner zwei Dekaden alten, im Weiß dominierenden und durch einen roten Rückeneinsatz bestechenden Excess-Jacke an sich. Bernd leuchtete aus der Menge heraus. Einige Friedhofsbesucher kauten bei seinem Anblick wie an etwas schwer Verdaulichem, wenngleich nicht Ungenießbarem. Bernds Einfälle waren sündig wie sein Auftritt. Moralisch und ästhetisch war er schiffbrüchig. Ein Gekenterter im wasser-, jedoch auch uferlosen Gewässer. Bernd wusste seine Schnitzer nicht abzustellen, also ließ er dem Treiben seinen Lauf, Flausen in ihrem Fluss fließen, isolierte sich in Tagträumen, faltete seine Hände, als würde er beten. Seine christliche Mittellosigkeit erschien ihm in gleißendem Licht. Sah er den Mittrauernden zu, welche Rituale sie vor dem Grab pflegten, blieben Bernd seine fehlenden Kenntnisse nicht verborgen. Mit jedem wegtretenden Besucher wurden sie ihm deutlicher.

Dann war die Minute da, Bernds Auftritt gekommen. Vom Rückschlag des Vordermanns eben noch mit Weihwasser besprenkelt, schwenkte nun er den Pinsel. Bernd krempelte flugs seine Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen. Bevor er das tat, legte er die Jacke auf den Grabrand, so dass einer der beiden Ärmel am Sarg nicht leckte, dabei aber doch unverschämt in die Tiefe tunkte. Alle hinter Bernd stehenden, ihn schräg von der Seite betrachtenden Besucher, die ihre Münder aufmachten, bekamen sie vorübergehend nicht wieder zu. Bernd schloss seine Augen, betete für seine Mutter, bat sie um Verzeihung, begab sich ins Versteckspiel, das er mit ihr in frühester Kindheit häufig gespielt hatte. Bald kniete Bernd, tat es dem Ärmel nach, fiel mit seinem Oberkörper halb in die Grabkammer und hielt sich doch an der Abgrenzung. Die Augen wieder geöffnet, verspritzte er in jener Position mit dem Pinsel unablässig Weihwasser. Von Bernd selbst nicht aufzuhalten, musste er die Bewegung vollziehen. Wieder und wieder. Eine grässliche Obsession zwang ihn dazu. Unentwegt musste er seine Mutter beim Vornamen nennen. Verzeih mir Jana, verzeih mir. Seine frühere Annahme, er könne sie im Krankenhaus nicht besuchen, peitschte ihn nun wie ein nie mehr gutzumachendes Versehen.

Geschehen ist geschehen! Musste er bloß sinnbildlich hinabsteigen zu ihr ins Reich des Todes, um zu sühnen, was geschehen war? Wie weit musste er gehen, um die Beziehung zu seiner Mutter wiederherzustellen? Die Schlange hinter Bernd, die mittlerweile eher seinem persönlichen Publikum glich, konnte er jetzt ausblenden. Bernd plärrte, weiterhin kniend! Bernds Schreie verebbten. Ansprachen wurden gehalten, Bernd war noch immer nicht abgetreten. Bernd kniete fortlaufend, roch 4711 und die gesamte Palette des abgestandenen Aromas der in dritter Generation getragenen Kleidung. Bernd nahm keine Notiz davon, wie unpassend es war, hier noch zu knien. Irgendwann zitierte Bernds Kopf den Satz seines Vaters: Damit Kranke sterben können, müssen die Lebenden aus ihren Zimmern hinausgehen. Vielleicht sollte Bernd seine Mutter an Ort und Stelle alleinlassen. Wegtreten und fortgehen, an der Toten nachholen, was er während des Lebens seiner Mutter versäumt hatte.

An den vorigen Gedanken knüpfte Bernd auf einem von Menschen leergefegten Friedhof an. Nebelschwaden, die in Grabeshöhe hingen, hielten Bernd vor, dass er die halbe Nacht in kniender Position verbracht hatte. Er musste zwischenzeitlich eingeschlafen sein.

Aneinanderliegende Bretter bedeckten provisorisch das offene Grab. Kein einziger Mensch war mehr da. Alle gegangen. Hatte Bernd ihre Verabschiedungen ignoriert oder hatte ihn tatsächlich niemand angetippt, um ihn zu wecken? Eine frische Brise wehte den Bäumen um die Stämme, die Nebelschwaden verwandelten sich in rasch abziehende Fratzen. Dass es der Wind war und keine Hand, die ihn da packte, dafür würde Bernd bis in die Gegenwart hinein seine eigene nicht ins Feuer legen. Bernd kam über den Kiesweg heran ans Ausgangstor, dessen nie völlig befestigte Flügel auf- und zuschlugen. Diese Flügel konzertierten. Kleine Bewegungen, ein Klappern von Eisenstäben. Das reichte. Bernds Schenkel schlotterten.

War der Stups des Windes womöglich Mutters einzige Ausdrucksform, Bernd mitzuteilen, woran ihr zuletzt gelegen hätte? Eine Weile noch saß Bernd im Auto, ließ seine Zigarette im Grau des angebrochenen Morgens aufglühen, stellte dann den Motor an und brauchte zwei Versuche, um den Wagen zu starten. Viele Nächte rumorte es im heimischen Keller, wie in einem Magen der mit Bernd zwar zu tun hatte, ihm aber nicht gehörte. Nachdem er herausgefunden hatte, dass dort unten nächtlich Holz arbeitete und auch das Knirschen anderer Gegenstände erklärbar wurde, erhob Bernd den Keller zu seinem Rückzugsort, in dem er hinkniete, die Augen schloss und oft tagelang eine Zweisamkeit mit seiner Mutter pflegte, die ihn nach all seinen Versäumnissen wahrlich verwunderte. Vermutlich, so dachte Bernd Jahre später, hatte er damals bei ihrer Beerdigung Kommunikationsspuren gestreut, denen seine Mutter nachging.







Oliver Fahn wurde am 21.03.1980 in der Kreisstadt Pfaffenhofen an der Ilm im Herzen Oberbayerns geboren. Der Heilerziehungspfleger lebt dort zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Neben dem Schreiben zählt Langstreckenlauf zu seinen Leidenschaften.

Veröffentlichungen:

-Profil auf story.one (unter anderem „Schreibtisch, wann gibst du mich frei?“ und „Auf was ich warte…“)

-#kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin April 2022: „Von der Auferstehung verlorengegangener Nähe“

-Papierfresserchens MTM + Herzsprungverlag (Beitrag zu „Liebesgrüße aus Napoli“) April 2022: „Gutschein mit Folgen“

-#kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin März 2022: „Bewegter Stillstand“

-7. Bubenreuther Literaturwettbewerb Oktober 2021: „Willst du gehen und wenn ja, auf welchen Füßen?“

Interview mit Oliver Fahn HIER






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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