Der Klassenfeind

Tobias Radloff für #kkl17 Begegnung




Der Klassenfeind

Mit drei Freunden, die auch alle Tobias heißen, bin ich auf dem Weg zu einem Musikfestival. Wir sitzen im roten Seat Marbella meiner Mutter. Ein Seat Marbella ist wie ein Fiat Panda, nur noch klappriger; außerdem ist er viel zu klein für vier Leute plus Gepäck. Beifahrertobi muss auf dem Sitz knien, weil sich in seinem Fußraum die Schlafsäcke stapeln, und die Bierkästen haben wir nur reinbekommen, indem wir sie den beiden Rückbanktobis auf den Schoß stellen. Natürlich fumpen die ersten Kronkorken, bevor ich in den zweiten Gang schalten kann. Als wir nach zwei Stunden von der Autobahn abfahren, ist der erste Kasten leer. Nur ich nuckle weiter an meiner Wasserflasche

Mittlerweile ist es dunkel, ich kenne mich nicht aus und von den Sauftobis ist keiner mehr in der Lage, die Karte zu lesen. Es kommt, wie es kommen muss: Ich verfahre mich. Da von meinen Mitfahrern keinerlei Hilfe kommt, fahre ich aufs Geratewohl die Landstraße entlang. Irgendwann muss ja ein Schild kommen. Und eine Tankstelle – das Reservelicht leuchtet schon.

Nach gefühlten einhundert Kilometern durch die stockdunkle Provinz kommen wir an einen Kreisverkehr. Ich halte an, um die Ortsnamen von den Richtungsschildern mit der Karte abzugleichen. Leider ist es unmöglich, mich zu konzentrieren, weil ein Sprechchor – ein Lallchor – durch den engen Wagen dröhnt, dass die Fensterscheiben vibrieren: “Rück-wärts! Rück-wärts! Rück-wärts!”

Nach einigem Hin und Her verstehe ich, was die drei Trunkentobis von mir wollen: Ich soll das Auto gegen die Fahrtrichtung durch den Kreisel fahren, und zwar rückwärts, “das gleicht sich wieder aus”.

Noch mehr Hin und Her und mir wird klar, dass sie keine Ruhe geben werden. Mittlerweile skandieren sie: “Feig-to-bi! Feig-to-bi!”

Und tatsächlich steht es mir bis hier, der einzige Vernunfttobi zu sein. Ich will auch Spaß haben und mich besaufen! Und es ist ja kein anderes Auto in der Nähe. Was soll schon passieren? Ich lege also den Rückwärtsgang ein und gebe Gas. Was soll ich sagen? Es macht einen Heidenspaß. Jetzt bin ich auch kein Feigtobi mehr, sondern “Rück-wärts-to-bi! Rück-wärts-to-bi!” Wir drehen eine weitere Runde, dann noch eine. Beifahrertobi hält den Kopf aus dem Fenster, eine Runde später den ganzen Oberkörper. Ich darf solange seine Bierflasche halten. Es ist eine Riesensause –

– bis plötzlich Scheinwerfer aufblitzen. Es hupt, Reifen quietschen, und dann ragt das Hinterteil eines Mercedes schräg aus der Böschung.

Der andere ist unverletzt, aber sein Auto ist Schrott und seine Laune dementsprechend. Mann, bin ich froh, dass wir zu viert sind und er alleine. Blöderweise schalte ich nicht besonders schnell und drücke meine Bierflasche erst dann einem Nichtfahrertobi in die Hand, als der Mercedesfahrer sie längst gesehen hat. Mit einem triumphierenden Grinsen zückt er das Handy. Scheiß Klassenfeind.

Es ist nämlich so, dass wir Tobis den Kapitalismus als unmenschlich, Polizisten als unsere Gegenspieler und Mercedesfahrer als Klassenfeinde empfinden. Mein heutiges Ich will einwenden, dass vier Studenten, die im Familienzweitwagen zu einem teuren Musikfestival fahren, nicht gerade Arbeiterklasse ausstrahlen; ganz zu schweigen davon, dass mindestens einer von ihnen den Seat Marbella ohne Zögern gegen einen Mercedes eintauschen würde. Aber unsere damaligen Ichs halten sich nun mal für die Underdogs und geben einen Scheiß auf das, was die alten Säcke sagen.

Und jetzt habe ich, Klassenkampf-Tobi, also einen Unfall mit einem Mercedes verschuldet. Mann, wie ärgerlich. Nicht nur, dass mein Sommer nach dieser Aktion quasi gelaufen ist, nein, jetzt kann der blöde Bonze sich auch noch mit seinen Bonzenfreunden darüber amüsieren, dass seine neue Karre von seinem Klassenfeind (bzw. dessen Eltern) bezahlt wird.

Der Peterwagen ist ebenfalls ein Mercedes. Heraus steigen zwei Polizisten mit Taschenlampen. Beide sind vermutlich total nett, aber für mein damaliges Ich sind sie bloß die willfährigen Erfüllungsgehilfen des Schweinesystems.

Ohne Hektik machen sich die zwei ein Bild von der Situation: “Gönne Sie sisch ausweise?” – “Sie gomme aba nich aus derer Gegend hia, wo wolle Sie dann hie?” – “Un wie hadd sisch der Unfall aus Ihrer Sischt zugedrage?”

Klar, dass der Mercedesfahrer mich brühwarm verpetzt: Besoffen bin ich durch den Kreisel gefahren, ich hätte ihn fast umgebracht, sowas gehört doch eingesperrt. In meinem Rücken spüre ich die schuldbewussten Blicke der Leichenbittertobis.

“Habbe sie gedrunge?”, fragt mich der eine Bulle.

“Nur Wasser”, sage ich heiser.

“Dann sinn Sie bestimmd middem Algoholdeschd einverschtande, ned wah?”

Während ich ins Röhrchen puste, kostet der Klassenfeind schon mal seinen Triumph aus: “Das wird dir eine Lehre sein, rückwärts durch den Kreisel zu brettern!”

Der Polizist hält inne. “Rüggwärds? Und, dud das schdimme, Herr Radloff?”

“Äh … Rückwärts?”

“Ja. Sinn Sie rüggwärds gefahre?” Er macht eine Handbewegung im Uhrzeigersinn.

“Na, so rum.” Ich bewege meine Hand gegen den Uhrzeigersinn.

Der Mercedesfahrer schnaubt. “Von wegen. Rückwärts ist er gefahren, und ein Bier in der Hand hatte er auch.”

“Sie behaubde also, dass diesa Mann hia algoholische Gedränge gonsumierd hadd?”

Der andere nickt.

Daraufhin dreht der Polizist das Messgerät um. Auf der Anzeige steht Nullkommanull.

Der Mercedesfahrer dreht durch. Das Gerät muss kaputt sein, er hat die Flasche doch in meiner Hand gesehen, rückwärts bin ich gefahren …

Seelenruhig steckt der Polizist ein neues Röhrchen aufs Messgerät und wendet sich dem Mercedesfahrer zu. “Wenn Sie so freundlisch wäre, auch emol hier hinei zu puschde?”

Sie müssen ihn noch zweimal auffordern und mit Gewahrsam drohen, bis er endlich einwilligt – und eine Einskommazwei pustet.

Der Polizist: “Wenn Sie mir dann bidde Ihre Fahrerlaubnisch aushändige wüdde … Un Sie, Herr Radloff, gönne weidafahre. Un imma schön die Verkehrschregele einhalde, gell?”

Eine Viertelstunde später geht uns dann das Benzin aus, weil ich vergessen habe, nach einer Tankstelle zu fragen. Aber das ist eine andere Geschichte.


„Der Klassenfeind“ beruht auf einer wahren Begebenheit




Tobias Radloff

www.tobias-radloff.de

Amoralisch – ein Biotech-Roman Noir

www.tobias-radloff.de/amoralisch/






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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