Küss die Hand

Friederike Stein für #kkl17 „Begegnung“




Küss die Hand

Er wartet. Aus seiner Nische späht er in die vorbeihastende Menge, gelegentlich blickt er über die Köpfe hinweg, zum Eingang oder zur gegenüber liegenden Wand. Manchmal reckt er den Hals, manchmal lächelt er eine Heranhastende an, zuckt aber gleich verlegen und ein wenig enttäuscht zurück.

Sie tritt durch die Glastür, hält inne, taxiert Menge und Raum. Ah, dort, nicht weit von der Kasse!

Kaffeegeruch weht heran. Ihre Schnürstiefel klackern unter ihrem festen Tritt. Fehlen nur  noch die Sporen. Den Fiaker hätte sie mit gutem Trinkgeld fortgeschickt, denkt er sich, wäre sie denn mit einem gekommen.

Lächelnd tritt sie auf den Lächelnden in seiner Nische zu, verbeugt sich galant, führt seine Hand an ihre Lippen. Er hat sich erhoben, deutet, ganz leicht, einen Kniefall an, senkt dankend den Kopf, errötet sogar ein wenig.

“Schön, dich zu sehen!³

  Genau so hat er sie sich vorgestellt, vielleicht ein wenig brünetter. Charmant und Habe die Ehre. Wie leicht sie seine Finger in die ihren nimmt!

In einem Luftzug wirbeln lose Blätter auf, gerade noch fängt er sie, stellt die Kaffeetasse darauf. Ein schmales Halstuch trägt er, wie Hoffmann von Fallersleben, an der Kehle geknotet, eins der kurzen, spitzen Enden hängt lässig über die Weste, das andere steht keck ab.

Eigentlich schreibe er am liebsten im Freien, schrieb er einmal, da flögen ihm die besten Gedanken zu.

Kurz flackert das Licht. Zuckende Kerzenflammen, als sie heranrauscht, ganz  Spitzen und Seide, geradewegs auf ihn zu. Ihr Haar ist ungepudert und echt, anders wäre es auch nicht ihre Art.

Enchantée!, lächelt sie. ­ Madame …, er senkt sein Haupt, lässt ihr die Hand. Wie bezaubernd sie ihm den Kuss auf die Fingerspitzen haucht!

“Erfreut, ganz meinerseits³, erwidert er ihren Gruß.

Immer noch trappelt die Menge vorbei, gleich aufgescheuchten Rössern.

Er, stellt sie sich vor, reitet einen zierlichen Schimmel, im Galopp wehen die Straußenfedern an seinem Hut. Sporen klirren an seinen Stiefeln, als er sich ergeben vor ihr verbeugt.

Von irgendwoher klingt Musik. Orlando di Lasso? Eher Fanfaren wie weiland am spanischen Hof, es ist der Tag dazu!

“Ja, freut mich auch, dir endlich einmal wirklich zu begegnen, nicht nur per Mail!³ “Hi!³, brüllt ihnen ein Vorbeihastender zu, muss sie wohl kennen.

Sie grinsen sich an.

“Stoffel³, meint sie lakonisch.





Friederike Stein, Jahrgang 1965, lässt in ihren Geschichten gerne die Grenzen der Wirklichkeit verschwimmen.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: