Jasmin

Tabea Gottmann für #kkl17 „Begegnung“




Jasmin

Ich erinnere mich noch sehr genau an unsere erste Begegnung. Es war unser erster Tag an der Hochschule und wir waren beide fern der Heimat und ohne jemanden zu kennen. Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann kannte ich nicht mal mich selbst. Alleine also, aber erwartungsvoll. Damals hatte ich ein wenig Angst vor dem Unbekannten und den vielen neuen Gesichtern. Du hattest sicher keine Angst, du warst schon immer mutiger als ich. Unsere Hochschule hatte zum Erstsemestertag geladen und neben viel organisatorischem Input gab es auch das ein oder andere Willkommensgeschenk. Irgendwann zwischen Tür und Angel sind wir uns dann über den Weg gelaufen. Ich fand dich gleich sympathisch und wir spürten beide, dass uns etwas Besonderes verbindet. Gemeinsam mit ein paar Kommilitoninnen schlenderten wir umher, auf der Suche nach einem Ausweg durch das Hochschullabyrinth. Als ich nach einer Weile feststellte, dass ich meine Tasche mit Werbegeschenken auf der Toilette hängen gelassen hatte, sahst du mich mit großen Augen und einem Lachen an. Auch du hattest deine Tasche am Kleiderhaken in der Toilettenkabine vergessen. Seit diesem Tag sah man uns an der Hochschule eigentlich fast nur noch im Doppelpack. Wir belegten dieselben Kurse und verbrachten sogar unser Auslandssemester gemeinsam in Syrien, wo wir uns ein Semester lang ein kleines Zimmer in der Altstadt Damaskus teilten. Jasmin – dein Name fand überall Anklang, denn den hast du dir von den schönen und wohlriechenden Blumen entliehen. Meinen Namen konnten die Meisten kaum aussprechen. Dem Syrienabenteuer folgten viele weitere. Wir fühlten uns jung und frei und waren neugierig auf die Welt und auf das, was sie uns zu bieten hatte. Einmal flogen wir Standby über Houston nach Miami. Wir wohnten fast drei Monate lang bei einer spanischen Malerin zur Untermiete. Dass wir keinen festen Rückflug hatten, bereitete meiner Familie zu Hause Sorgen. Deine Familie war das von dir schon gewohnt, denn du hattest sehr früh deine Flügel ausgespannt und dein Nest verlassen. Das hat mich beeindruckt und auch wie selbstbewusst du durch das Leben gehst. Eine andere, sehr spontane Reise führte uns an ein Filmset in Rumänien. Die Flüge hatten wir quasi über Nacht gebucht und ehe wir uns versahen, standen wir in einem verlassenen Industriegebäude am Rande Bukarests Nicolas Cage gegenüber. Und einmal haben wir fast an einer jordanischen Hochzeit teilgenommen, sind dann aber am Tag vor dem großen Fest abgereist, weil uns der Trubel und die vielen Menschen, die wir kaum verstanden, überfordert hatten. Stattdessen haben wir dann die ehrwürdigen Ruinen der Felsenstadt Petra erobert. Nach dem Studium hast du die Koffer gepackt und Deutschland dann endgültig den Rücken gekehrt. Dein Entschluss, in die USA auszuwandern hat mich nicht überrascht, aber ein bisschen traurig bin ich noch immer darüber, dass wir uns nur noch selten sehen. Ich weiß, dass die räumliche Distanz uns nicht trennen wird. Auch wenn ein ganzer Ozean zwischen uns beiden ist, so sind wir uns doch immer nah und wichtig. Es gibt so viele Erlebnisse, die uns miteinander verbinden. Nichts ist schöner als mit dir Erinnerungen zu sammeln.







Tabea Gottmann wurde 1986 in Speyer geboren und lebt bei Heidelberg. Sie studierte internationale BWL und interkulturelle Studien und arbeitet im Marketing. Die Inspiration für ihre Texte findet sie vor allem in der Musik und durch zahlreiche Reisen. Einige ihrer Gedichte veröffentlicht sie auf ihrem Instagram Kanal: https://www.instagram.com/tabbypoetry/






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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