So schön, dass es weh tut

Thao Nguyen für #kkl18 „sowohl als auch“




So schön, dass es weh tut

Ich hatte schon immer eine ausgeprägte Schwäche für die Nacht. Tagsüber ist mir das Leben oft zu schnell. Gedanken, Eindrücke und Reize hetzen und jagen einander und verschwimmen in einem Strudel aus Aktionen, Reaktionen und dem hilflosen Gefühl der konstanten Überforderung. Aber nachts ist es friedlich. In der Stille und der Deckung der Nacht kann ich aufatmen. Durchatmen. Und einfach nur sein.

Irgendwann habe ich die Gewohnheit entwickelt, mich nachts auf mein Autodach zu legen und in die Sterne zu sehen. Mein Auto, ein alter Opel Astra aus der Zeit meiner Geburt, mit mehr Kratzer und Beulen als so mancher pensionierter Profiboxer, nimmt mir das zum Glück nicht übel. Vor allem warme Sommernächte haben es mir besonders angetan, wenn ich das leise Zirpen von Grillen hören kann. Sommernächte riechen irgendwie grasig und blumig und nach frischem Heu und einer leichten Ahnung von Grillkohle, getragen von selbst nachts noch warmen Sommerbrisen.

Meistens höre ich Musik und denke nach. Manchmal über meinen Tag. Dinge, die mich emotional aufgewühlt haben. Dinge, die ich vergessen habe. Dinge, die ich noch erledigen muss. Und manchmal über Träume. Was wäre, wenn
Für mich sind Sterne eine der wenigen weltlichen Dinge, die zum Träumen anregen. Und manchmal denke über das Leben nach. Die Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit und doch so absurde Schönheit des Lebens.

Und manchmal denke ich darüber nach, wie unterschiedlich und wie identisch wir Menschen doch gleichermaßen sind. Fast 8 Milliarden Menschen und doch gleicht keiner dem anderen. Von unseren Fingerabdrücken bis hin zu den jedem Gedanken und jeder Handlung in jeder Sekunde des Lebens, das wir führen. Und doch gleichen wir uns alle. Alle auf unserer eigenen Art auf der Jagd nach dem Glücklichsein, das am Ende stehen soll.

Ich bin kürzlich auf ein japanisches Wort gestoßen, das so einfach beschreibt, was jede meiner Geschichten vermutlich nicht vermag. Yūgen – ein tiefes, geheimnisvolles Gefühl für die Schönheit des Universums und die traurige Schönheit des menschlichen Leidens.

Die folgende Beschreibung ist meine Lieblingsdefinition vonYūgen: „Yūgen ist, die Sonne hinter einem blumenbedeckten Hügel versinken zu sehen, in einem riesigen Wald immer weiterzuwandern, ohne an die Rückkehr zu denken, am Ufer zu stehen und einem Boot hinterherzublicken, das hinter fernen Inseln verschwindet, den Flug von Wildgänsen zu betrachten, die sich zwischen den Wolken verirren.“

Mein Yūgen ist der Sternenhimmel, in einer klaren, warmen Sommernacht auf dem Dach meines Autos. So schön, dass es weh tut. Sowohl schön als auch schmerzhaft.







Thao Nguyen, Studentin, mag das Schreiben und Malen, Musik, das Meer, Sterne und Zitronenkuchen.






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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