Stücke auf Land

Silke Scheffel für #kkl19 „aufrichten“




Stücke auf Land

Leiser Regen schwenkte die Wiesen über den Herbst hinweg, die ab jetzt ohne grasendes Glockengeläut über den Winter kommen müssten. Am Rand standen hölzerne Skelette. Nackt waren sie immer noch stark, ließen nun aber den Wind direkt hindurch, ohne dass noch irgendein Blatt darin tanzte. Bläulich glasig schimmerte der Himmel, der nichts versprach und ab und zu, doch wohl dosiert, ein wenig Geruch von Schnee hinab schickte. Die Natur verschwand allmählich matt und dunkel in sich selbst. Zurückgelassen in zu kurzen Tagen wurden auch die Gedanken stumpf und trüb. Hineingekrochen, eingerollt in das Haus, gleich den Schnecken im schlafenden Unkraut, verkroch sie sich darin. Gespräche, die nur am Telefon stattfanden, waren jetzt spärlich ausgeschmückt und deuteten auf Vereinzelung hin. Ida hasste Jahreszeiten. Nicht die Farben oder die Gerüche, aber dass sie von Monat zu Monat schlechter wurden. Jedes Mal fing es gut an und jedes Mal hörte es auf, im schlechtest möglichen Zustand. Es langweilte sie und passte zur Monotonie ihrer Gedanken. Hier war schon lange nichts mehr in Bewegung. Die Tankstelle hatte noch eine Weile unrhythmisch zu pulsieren versucht, wenn am Wochenende ein paar Städter hier draußen hinter jeder Hecke die Entspannung vermuteten und schließlich lautstark streitend, offensichtlich nach erfolgloser Suche, zurück in ihr Zentrum rauschten. Zu wenige hatten sich dabei an der Tankstelle mit Benzin oder vergessenem Proviant versorgt und so traf auch diese eines Tages der endgültige Herzstillstand. Ida stand am Fenster und sah zu wie außen der Tag daran hinab glitt. Was mache ich hier draußen, drinnen im Haus? Was war das für eine Idee? Warum habe ich mich beim Fliehen selbst überholt?  Ida hatte versucht bei den Verhandlungen das Maximum heraus zu holen und war gewohnt, dass sie dabei nicht enttäuscht werden würde. Dass der Konzern sie dieses Mal in ihre Schranken wies, von denen sie immer dachte, dass es sie nicht gäbe, hatte sie nicht geahnt. So blieb ihr kurz entschlossen nichts anderes übrig als den verletzten Stolz zur Genesung aufs Land zu tragen. Das war vor drei Jahren und geplant davon war nur das Erste.  Das Haus war ihr schon früher aufgefallen, als sie selbst noch in der Stadt lebte und das große hungrige Maul steuerte mit dem die Firma andere Firmen schluckte. Es war immer leer stehend. Auch jetzt war es das, nur dass sie inzwischen darin wohnte. Im ersten Jahr konnte sie sich geschickt aus allem dörflichen heraushalten. Sie sei nur temporär hier, könne jederzeit zurück in die Moderne, die lebende Stadt und hätte kein Interesse an seltsamen Bräuchen, musealen Traditionen oder der Kirche. Überhaupt war das Dorf ganz gut darin, ihr angekratztes Selbstbewusstsein durch eine vermeintlich natürliche Überlegenheit des Städters zu stärken. Zumindest war Ida von dieser Überlegenheit ausgegangen. Vielleicht war es auch der Rest ihres Stolzes, der auf sie zurück reflektierte und sie glauben ließe, es seien die anderen die sie in Szene setzten, sie, die so ausgereift urban daher kam.

Nun rückte das Dorf unaufhaltsam näher und drängte spürbar gegen die Tür. Auch der Kirchturm schien sich bei jedem kurzen Gang, drohend über sie zu beugen. Manchmal warfen ihr die Glocken ein paar Schläge nach, sodass sie erschrocken zusammen fuhr und sich erinnerte, dass dies hier keine Dorfstraße war, sondern ein Fluchtweg. Aufgespannt zwischen ihrem Selbst und der Suche danach, irrte sie immer noch ziellos darauf herum.  Sie hatte sich seit Jahren angepasst an ein Leben das vermeintlich ihres war. Ida hatte es irgendwann mal angezogen und weil man ihr sagte, es passe zu ihr, trug sie es weiter wie wetterfeste Funktionskleidung, ohne jemals zu hinterfragen ob es ihr nicht nur passte sondern ob sie sich darin auch gut gekleidet fühlte. Hier im Dorf, im dritten Jahr nach ihrem gekränkten Auszug aus der Stadt, drängte sich diese Frage immer mehr in den Vordergrund. Sie stand außen auf jeder Haustüre im Dorf, im Spiegel, auf der Titelseite der Tageszeitung, sogar an der Fensterscheibe, spiegelverkehrt und nur von innen zu lesen. Wann hatte ich aufgehört zu erkennen was mein Leben ist? Wer hat mir dieses hier angeboten und warum habe ich es sofort angenommen? Der Alltag beobachtete Ida und Ida beobachtete zurück. Stück für Stück hatte sie unbemerkt alles abgelegt, was sie vor drei Jahren so stolz an sich hielt. Ida richtete sich auf, griff ihre Jacke und den Schlüssel und zog das leere Haus hinter sich zu. „Alter Wirt“ stand auf dem schmiedeeisernen Schild, das schwach beleuchtet über der Türe des Wirtshauses baumelte. Ida trat ein, das erste Mal seit sie hier her gezogen war, näherte sie sich dem Dorf. Eine Mischung aus verbrauchter Luft und Küchengerüchen stellte sich vor ihr auf, dahinter blickten die Augen des Dorfes in ihre Richtung. „Ich bin Ida“ sagte sie ihnen entgegen, ohne zu wissen was das eigentlich bedeuten sollte. Die Augen antworteten nicht, entließen sie aber aus dem Moment des Stillstands und wendeten sich wieder ihren jeweiligen Tischpartnern zu. Ida lief zur Theke und bestellte ein Bier.  „Ich glaube ich suche Arbeit. Ich möchte anfangen. Nicht von vorne, sondern überhaupt.“







Silke Scheffel, geboren 1986 in Konstanz, lebt zusammen mit ihrem Mann und zwei Söhnen in München und arbeitet dort als Logopädin und systemische Familienberaterin. Neben der therapeutischen Arbeit versucht sie jedes Zeitfenster mit dem Verfassen und Lesen von Lyrik und Kurzprosa zu füllen und sich der Schönheit und Ausdrucksmöglichkeit von Sprache zu widmen. Natur und Mitmenschen sind für sie dabei eine unerschöpfliche und wunderschöne Inspirationsquelle, die stets neu gemischt daher kommt. Im Sammelband der Antikriegslyrik, erschienen im Trabantenverlag,  wurde im Mai 2022 ein Gedicht von ihr veröffentlicht, sowie eine Kurzprosa auf einem Plakat des Gelsing Hoch Verlages und (in Kürze erscheinend) eine Kurzprosa im Magazin Introspektiv 3 des Gelsing Hoch Verlages.






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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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