Bäume dich auf!

Martin A. Völker für #kkl19 „aufrichten“




Bäume dich auf!

Im Spätsommer geben die Straßenbäume in der Stadt ein besonders schlechtes Bild ab: Erde überdeckt das Wurzelwerk, die sich in Staub verwandelt, den der geringste Windhauch fortträgt. Die im Frühling frischgrüne Laubkrone nimmt jetzt schleichend eine dörrbraune Farbe an. Einzelne Blätter kämpfen mit vorherbstlicher Porosität. Die Flächen zwischen den Blattadern ergrauen und zerfallen. Ein schrecklicher Anblick: verbrannt und ausgerippt wie fadenscheinige Strümpfe. Aus der Asche kommt alles, und zu Asche wird alles. Kommen und Gehen: Beides zur selben Zeit bietet sich deinem Blick dar. Unten entstrebt der Baum wie Phönix der Asche und stürzt sich ins Wachstum, flattert um sein Leben, das ihn hoch oben zum steinkäuzigen Totenvogel erstarren lässt, dessen greisgraues Sterbekleid nach unten segelt. Aus dem Toten das Werden und aus dem Werden der Tod. Aber die Mitte, welche beide Seiten des Lebens verbindet, zeigt dir die Ewigkeit: Der Stamm steht und bleibt aufrecht. Im Frühling und im Sommer, im Herbst und im Winter. Baumgleich ist der Mensch. Denke ihn dir mit saftschießendem Anfang, wachsend, dann überblühend, bis seine knorrigen Füße sich im Boden verkrallen, ihren Gang versagen und sich oben, außen wie innen, alles auslichtet. Zwischen diesem Unten und Oben bildet die Körperspannung die Ewigkeit des Menschen. It’s all about Körperspannung! Sei wie die gespannte Feder, auch wenn du es bald nur noch gemäß Überzeugung sein kannst, weil dein Körper erschlafft. Deine Spannkraft ist die Stammkraft des Baumes. Du kennst diese Leute, die in den Wald oder in den Park gehen und die Bäume umarmen. Jedenfalls dachtest du früher, dass sie die Bäume umarmen, und du hast sie dafür ausgelacht. Heute weißt du, dass sie die Bäume nicht umarmen, sondern sich an ihnen aufrichten, weil Bäume, egal ob sie stehen oder liegen, aufrecht bleiben. Mögen deine Enden dir Endlichkeit vorgaukeln, die Kraft der Mitte ist unendlich. Diese Kraft schaue, lausche, lerne den Bäumen ab, und bäume dich auf.







Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.

Interview mit Martin A. Völker HIER .






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: