Ein neuer Tag

Ursula Strätling für #kkl19 „aufrichten“




Ein neuer Tag

Klack, klack macht es auf dem Gehsteig, als Andreas in Richtung Sportplatz das Haus verlässt. Heftig schwingt er die Krücke wie einen Taktstock, bevor er sie zornig zu Boden stößt. Mit jedem Schritt will er sie besiegen, muss er es sich selbst und jedem, der ihm zu leichtfüßig über den Weg läuft, beweisen: Ich schaffe es klack ganz sicher klack klack. Sein Gesicht glänzt, während er sich Schritt für Schritt über die Straße kämpft. Unter den Achseln bilden sich dunkle Ringe, die in dem Maße wachsen, wie er selbst mit seinem Klacken schrumpft. Seine Arme fangen an zu zittern. Sie werden schwer und das Klacken beginnt zu keuchen: ich – klack – schaffe – klack – es. Doch er quält sich, denn er will es zwingen, kann dieses klack klack nicht länger mehr ertragen. Zuletzt bleibt er völlig erschöpft auf dem Rasen des großen Stadions liegen.

„Was machst du da, bist du vielleicht müde?“

„Ha, was?“ Aufgeschreckt fährt Andreas hoch und blinzelt ins Licht. Erst jetzt bemerkt er die Kindergestalt, die abwartend vor ihm steht. – Doch da er keine Antwort zu bieten hat, bleibt er stumm.

„Sieh mal, was ich schon kann!“ Eifrig hüpft das kleine Mädchen auf der Aschenbahn hin und her, zwischendrein Beifall heischende Blicke auf ihn werfend.

Jetzt macht mir bereits ein Kind etwas vor, denkt er und raunzt es abwehrend an:

„Ja ja, schön! Aber das ist kein Spielplatz hier, besser du gehst zu deinen Freunden.“ Er steht auf.

Verdutzt hält die Kleine inne, bevor sie ihn energisch zurechtweist:

„Ich spiele ja gar nicht, ich trainiere. Genauso wie du!“

Andreas nimmt die leichte Kränkung in ihrer Stimme wahr und lenkt ein:

„O, t‘ schuldige, wusste ich nicht.“ Und nach einer Pause:

„Wie heißt du denn?“

„Marie, und du?“

„Ich bin Andreas.“

Sie macht ein nachdenkliches Gesicht und scharrt mit einem Fuß Muster auf die Bahn.

„Hattest du einen Unfall, Andreas?“

Er schluckt und wendet sich ab. Gerade will er sie bitten, ihn alleine zu lassen, da spürt er die Hand an seiner Schulter.

„Musste nicht traurig sein. Ich hab das nach meiner Operation auch geschafft. – Wir können ja ab morgen zusammen trainieren. Jetzt muss ich erst mal zum Essen nach Haus, Mama macht sich sonst Sorgen. Also tschüs bis morgen, o. k.?“

Verblüfft wendet Andreas sich um, doch da ist Marie bereits auf dem Heimweg. Ihre kleine Gangunsicherheit fällt nur dem auf, der davon weiß. Ein wenig beschämt schaut er ihr hinterher, da winkt sie ihm noch einmal zu, bevor sie hinter der Biegung verschwindet. Sekundenlang steht Andreas reglos und ein wenig verloren auf dem weiten Platz. Dann zieht er plötzlich deutlich hörbar die kühle, frische Luft ein und bückt sich nach seinem Stock. Gehobenen Hauptes verlässt er die Sportstätte. Und lächelnd denkt er: Morgen ist auch noch ein Tag.




Irgendwann


sind sie mir

zu eng geworden

die Kinderschuhe

von einst


Bald darauf

sah ich nur noch

Steine

auf meinem Weg und

wie oft

stieß ich mir

an ihnen

die Füße blutig


Heute

brauche ich keine

Schuhe mehr





Gedanken


Ich sitze.

Wartend. Sinnend. Gedanken denkend. Deren strömendem Laufe folgend.

Fliehend. Fragend.

Lechzende Kerze. Schwindendes Sein. Mehr Schein als…

Das Handy spricht. Mir Mut zu.

Der Tisch. Er steht fest. Auf seinen Beinen. Auf dem Boden.

So wie ich. Möchte.

Zu bequem noch. Das Sofa.




Momente gibt es


da bin ich müde und kraftlos,

grad so wie die Fahne dort am Mast,

wenn ihr der Wind fehlt.


Und dann,

eh man sich’s versieht,

mag ein Windstoss ins Tuch fahren

und sie aufrichten zum Tanz.


Ja und plötzlich befinden wir uns

in einem fröhlichen bunten Reigen,

die Fahne und ich




Ursula Strätling wohnt im Münsterland.  Geboren 1955, hat sie eine erwachsene Tochter, zwei erlernte Berufe, Abitur und widmete sich bisher dem Schreiben von Lyrik und Kurzprosa. Nach einer kreativen Pause nähert sie sich nun auch dem Roman- und Krimigenre.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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