„Жди меня“ – „Warte auf mich“

Franca Lingua Text und Thorsten Böckmann Objekt und Foto für #kkl19 „aufrichten“




„Жди меня“ – „Warte auf mich“


Während der etwa 30 Kilometer langen Fahrt vom Flughafen Boryspil ins Zentrum der ukrainischen Hauptstadt kann ich den Blick nicht abwenden angesichts der Schönheit dieser Stadt auf sieben Hügeln, traumhaft grün am Dnepr gelegen. Die Sonne spiegelt sich an diesem Tag in den zahlreichen vergoldeten Zwiebeltürmen der Kirchen.

Neun Monate später werden sich die Strahlen der Sonne in den Scherben von zerschlagenen Fenstern der russischen Geschäfte und Banken und in den verglasten Bilderrahmen mit dem Aufruf „Kauft nicht bei Russen!“ brechen, die Kunstexponaten gleich überall im Zentrum verteilt sind.

Nach der Erschießung der Menschen, die ihr Leben auf dem Maidan gegen den Titel „die Himmlischen Hundert“ tauschen, erlischt das Strahlen. Es blitzt nur ab und zu mit einer teuflischen Blendung in den metallenen Waffen auf, die im ukrainischen Bürgerkrieg – vom Westen liebevoll Ukraine-Krise genannt – zum Einsatz kommen.

Der Fahrer lenkt den Wagen auf Umwegen zum Hotel „Ukraina“, da fast alle großen Straßen abgesperrt sind. Hunderte Soldaten proben dort seit Wochen für die Parade des Sieges, die alljährlich am 9. Mai zum Tag des Sieges über Nazideutschland zelebriert wird. Für mich, die ich ein Kind des goldenen Westens bin, ein exotisches Erlebnis, mit Soldaten, Panzern, Raketen und allen möglichen Waffen den Frieden zu feiern.

Doch da ist noch etwas Ungewöhnliches mit dem Großen Vaterländischen Krieg, in weiten Teilen der Welt Zweiter Weltkrieg genannt, verbunden. Am Vorabend des Feiertages zum Sieg über Nazideutschland wird im Mariinsky Park an der Brücke der Liebenden ein einzigartiges Denkmal eingeweiht, das nicht einzigartig bleiben, sondern vier Jahre später eine exakte Kopie im süditalienischen Castel del Lorenzo bekommen wird.

Es zeigt weder einen Herrscher noch einen berühmten Musiker oder Literaten oder sonstigen prominenten Verstorbenen, es zeigt Mokryna Yurzuk, eine einfache Frau aus der Sowjetunion, und Luigi Pedutto, einen einfachen Mann aus Italien – noch dazu im hohen Alter. Luigi nimmt sogar an der Eröffnung der Gedenkstatue teil, Mokryna fühlt sich zu schwach und lässt sich von einigen Familienmitgliedern vertreten.

Meine Gedanken wandern 70 Jahre zurück ins Kriegsjahr 1943. Wegen einer vielbeachteten und bejubelten Idee eines einzelnen Mannes mit österreichischen Wurzeln verlieren Millionen Menschen ihre Heimat, werden verletzt, verschleppt, vergewaltigt, für immer traumatisiert oder getötet. So auch Mokryna und Luigi.

Luigi hat als Soldat viele Grausamkeiten erlebt, über die er nicht spricht, wird gefangen genommen und als Kriegsgefangener in einem Lager in Österreich interniert. Er arbeitet in der Nähwerkstatt und stellt Hüte her. Dort sieht er immer wieder eine junge Frau, deren Verhalten zunächst rätselhaft bleibt. Nach einiger Zeit findet er den Grund für ihre Verspätungen und ihr häufig plötzliches Verschwinden heraus. Sie kümmert sich in der Baracke für Osteuropäer, die zu dieser Zeit als Untermenschen gelten, um ihre kleine Tochter Natascha.

Die Kriegserlebnisse haben Luigi Mensch bleiben lassen. Er hilft den Frauen im Lager bei den Arbeiten, die körperlich für sie zu schwer sind und schützt sie so vor Bestrafung oder Erschießung. Zum Dank stecken sie ihm kleine Brotstückchen zu, die er nun der rätselhaften jungen Frau für ihre Tochter weiterreicht. Es ist Mokryna, die als Zwangsarbeiterin aus der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik verschleppt wurde. Über Mokryna spricht Luigi sein ganzes Leben lang.

Zwischen der blauäugigen Schönheit mit dem Kopftuch und dem gutaussehenden Gentleman mit den leicht abstehenden Ohren entwickelt sich langsam und behutsam eine tiefe Liebe hinter Stacheldraht. Zwei Jahre teilen sie alles miteinander und geben sich gegenseitig Halt.

Der Krieg mit seinen ganz eigenen Gesetzen hat sie zusammengeführt und trennt sie 1945 wieder, als die Rote Armee das Lager befreit. Die Befreiten aus der Sowjetunion müssen sich für die Rückführung in ihre Heimat an einem zentralen Sammelpunkt melden. Luigi reiht sich ganz selbstverständlich zusammen mit Mokryna und Natascha in die Warteschlange ein. Diese drei Menschen, die der Krieg vereint hat, wollen sich nie mehr voneinander trennen. Doch die Aufsicht weist Luigi mit den barschen Worten „Stalin will dich nicht“ ab. Die drei verlassen weinend den Sammelpunkt und beschließen, zusammen nach Italien zu gehen. Aber auch das ist nicht möglich.

Mokryna kehrt in die Sowjetunion zurück und Luigi reist nach Italien. Beide arbeiten viel und gründen ihre eigenen Familien, beide sind seit den achtziger Jahren verwitwet. Luigi denkt ständig an Mokryna, er vermisst sie, er möchte sein Leben mit ihr teilen. 2004 schließlich will er Gewissheit und wendet sich an die russische Fernsehsendung „Жди меня“, auf Deutsch „Warte auf mich“, vergleichbar mit Julia Leischiks „Bitte melde dich“.

Der kalte Krieg macht gerade Pause und Luigi wird eingeladen. Äußerst nervös und angespannt sitzt er im Moskauer Fernsehstudio und kann sein Glück kaum fassen, als ihm der Moderator berichtet, man habe Mokryna in der Nähe der ostukrainischen Stadt Dnipropetrowsk gefunden. Er fällt auf die Knie, dankt Gott und stammelt fassungslos immer wieder „Ich will zu ihr fahren! Ich will zu ihr fahren!“ Der ebenso bewegte Moderator entgegnet ihm „Das brauchst du nicht, sie ist hier!“

Mokryna betritt das Studio und wird von Luigi, der von seinen Emotionen förmlich geschüttelt wird, in die Arme geschlossen. Genau diese Pose als Symbol der ewigen Liebe, die alles überwinden kann, verewigen die Bildhauer Oleksandr Morhatsky und Hryhoriy Kostiukov in der Gedenkstatue, an der ich mich seit der Einweihung 2013 nicht sattsehen kann und die ich bei jedem meiner Aufenthalte in Kiew besuche.

Noch in derselben Nacht geht diese wahre Geschichte um die Welt. Millionen sehen, wie Luigi Mokryna eine Haarlocke und ein Stückchen Stoff zeigt, die er fast sechzig Jahre von ihr aufbewahrt hatte.

Die Kriege gebären nicht nur Unmenschliches, sondern auch Menschliches. Menschen tun Menschen Ungeheuerliches an, aber sie müssen nicht, sie haben die Wahl.

Luigi macht Mokryna einen Heiratsantrag, den sie ablehnt, weil sie der Meinung ist, mit über 90 Jahren zu alt für eine neue Ehe zu sein. Sie besucht Luigi zweimal in Castel del Lorenzo, wird dort aber trotz des herzlichen Empfangs und der Ehrenbürgerschaft nicht heimisch. Luigi dagegen ist bis zu seinem Tod 2013 sehr oft bei ihr und wird fester Bestandteil ihrer Familie und der Dorfgemeinschaft. 2015 stirbt auch Mokryna.




Bild Thorsten Böckmann



Franca Lingua, geboren in Westfalen, Studium der Slavistik, Romanistik und Deutsch als Fremdsprache in Göttingen, Kiew und Bielefeld, Lehrerin und Fortbildnerin in der Erwachsenenbildung, zahlreiche literarische Veröffentlichungen, noch immer begeistert von allem, was mit Sprache und Sprachen zu tun hat.


Thorsten Böckmann, 1962 in Lenzinghausen geboren, Abitur am Widukind-Gymnasium Enger. Nach einer Ausbildung zum Werbetechniker folgen drei Jahre als Siebdrucker. Danach Studium der visuellen Kommunikation an der Fachhochschule in Bielefeld. Arbeitet als diplomierter Grafikdesigner für ein international agierendes Bielefelder Messeunternehmen. Seit 1986 Ausstellungen in der Region OWL. Beiträge im Literaturmagazin »Tentakel«.





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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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