Zum Himmel gerichtet

René Oberholzer für #kkl19 „aufrichten“




Zum Himmel gerichtet

Sonntage sind Familientage, die wir bei schönem Wetter draussen verbringen. Wir fahren zwischen Frühling und Herbst an den tiefergelegenen See oder in die höhergelegenen Berge. Wir nehmen dann grosse Decken mit, die nach unten gegen Kälte und Nässe schützen. Dann breiten wir die Decken auf grossen Wiesen aus, legen uns darauf und decken uns mit anderen Decken zu. Mit unseren Köpfen bilden wir im Zentrum einen Kreis. Wir schauen dann den Himmel an und reden vor allem dummes Zeug und schmieden versponnene Pläne. Wir reden auch über ernste Dinge und schauen den Wolken zu, die sich über uns verschieben. Wenn jemand von uns traurig ist, umarmen wir uns, trösten uns, fahren uns über die Gesichter und sprechen uns Mut zu. Ich werde diese Sonntage nie vergessen. Sie werden mich auch dann noch tragen, wenn der Himmel einst ein anderer sein wird.




Lichter in der Nacht

Nach der Scheidung von Jodie hatte ich den Blues. Trank immer wieder über den Durst. Eines Morgens fuhr ich nach Hause. In einem Taxi. Ich bedankte mich, zahlte den Fahrpreis. Die Taxifahrerin stützte mich und brachte mich zur Haustüre.

Einige Wochen später trank ich wieder über den Durst. Nahm dasselbe Taxi mit der derselben Taxifahrerin. Ich erzählte ihr von Jodie, die sich neu verliebt hätte. „Wo soll ich Sie hinfahren?“, fragte sie mich. „Fahren Sie mich auf die Twin Peaks, ich habe genügend Geld“, sagte ich. Oben angekommen, stiegen wir aus. „Erzählen Sie weiter“, sagte sie. Ich erzählte, was Jodie mir bedeutet hätte, sie hörte zu. Die Lichter über San Francisco leuchteten in allen Farben. „Ich brauche jemanden, der wieder zu mir schaut. Ich schaffe es alleine nicht“, sagte ich. Sie schaute mich an, sagte nichts. „Und warum sagen Sie das ausgerechnet mir?“, fragte sie. «Es könnte sein, dass ich Sie mag und Sie ein gutes Parfüm haben. Haben Sie jemanden, der auf Sie wartet, wenn Sie nach Hause kommen?“ Die Taxifahrerin sagte nichts, schaute nachdenklich auf San Francisco hinunter. „Es ist schön hier um diese Zeit, alles ist so weit weg“, sagte sie. „Steigen wir wieder ein“, sagte sie nach einer Weile, „es wird langsam kalt.“ Die Taxifahrerin brachte mich nach Hause. Ich bezahlte die Fahrt. „Kann ich hoffen, Sie wieder zu sehen?“, fragte ich. „Vielleicht würde ich dann auch das Trinken in den Griff bekommen.“

In der folgenden Woche rief sie mich an, holte mich mit ihrem Taxi ab, sagte: „Steigen Sie ein, wir fahren wieder zu den Twin Peaks hinauf.“ Oben angekommen, schauten wir wieder auf San Francisco hinunter. „Dort, wo Lichter brennen, da ist das Leben“, sagte sie. Bevor wir wieder ins Taxi stiegen, sagte sie: „Es wartet niemand auf mich.“

Eine Woche später fuhren wir erneut auf die Twin Peaks hinauf. Bevor sie den Motor startete, um mich wieder zurückzufahren, sagte sie: „Es wäre schön, wenn Sie ab und zu mit Ihrem Licht auf mich warten würden.“




Wie der Fluss

Ich war auf der Durchreise. Würde in einem kleinen Hotel in einer Kleinstadt direkt an einem Fluss übernachten. Wollte schreiben, wollte mich vergessen, um in der Sprache wiedergefunden zu werden. Der Fluss trieb schön langsam dahin. Pappeln auf beiden Seiten. Ich setzte mich ans Fenster, genoss die letzten Sonnenstrahlen. Jeden Tag würde ich an einem anderen Ort sein. Ich setzte mich an den kleinen Tisch in meinem Zimmer, begann zu schreiben: „Früher war alles anders gewesen, aber nicht besser. Heute ist alles anders, aber auch nicht besser.“ Ich schaute die alten Mauern an, von denen ich zum Fluss hinunterblickte, sie waren älter, als ich je sein würde. Steinmauern, die das Mittelalter und die Neuzeit mehr oder weniger unbeschadet überstanden hatten.

An diesem Abend fiel mir nichts ein, ich beschloss, noch einen kleinen Spaziergang durchs Städtchen zu machen, durch die Altstadt, dem Fluss entlang zurück zum Hotel. Vielleicht würde mich das auf Ideen bringen. Der hellblaue Himmel hatte sich mittlerweile in ein sattes Dunkelblau, gemischt mit Schwarz verwandelt, in den Gassen standen unterschiedliche Laternen, keine glich der anderen. Die mussten sich früher uneinig gewesen sein.

Als ich mich der grossen Kirche im Städtchen näherte, sass auf dem Vorplatz im Laternenlicht eine junge Frau auf einer Bank und schaute ins Leere. Kein iPhone in der Hand, nur dieser leere Blick. „Guten Abend“, sagte ich, „darf ich mich neben Sie setzen?“ „Warum nicht“, sagte sie. „Ein herrlicher Abend“, sagte ich, „ist das immer so schön bei euch?“ „Manchmal“, sagte sie, „aber im Moment ist das alles nur Fassade, es geht mir nicht gut.“ „Was fehlt Ihnen?“, fragte ich. „Die Liebe“, sagte sie, „sie ist mir abhandengekommen, von heute auf morgen, dabei war alles am Anfang so schön gewesen, diese Umarmungen, diese Nähe, aber ich hatte auf einmal dieses viele Fliegen satt, verstehen Sie, und dieses viele Geld jedes Mal, und wozu? Für ein paar Zärtlichkeiten, ein wenig Sex und gutes Essen. Eine Fernbeziehung eben.“ „Das kann ich verstehen. Immer dieses Packen, diese Erwartungshaltungen, dieser Druck, dass die Wochenenden perfekt sein müssen.“ „Genau, dabei will man sich doch auch einmal gehen und fallen lassen, nicht eingespannt sein in ein paar Stunden und insgeheim schon wieder an den Abflug denken müssen. Und wie würde das alles einst ausgehen? Ich zu ihm ziehen in ein fremdes Land, oder er zu mir in ein für ihn fremdes Land? Ich hänge an meiner Arbeit, an meiner Wohnung, an der Altstadt, am Fluss, an der Ruhe, an der Beschaulichkeit. Irgendwann verliess mich die Liebe, es lag nicht an ihm, aber alles hatte sich so eingespielt, die Flüge, die Wiedersehen, und irgendwann fragte ich mich, ist es das nun gewesen? Und ich musste mir sagen, ja das war es nun gewesen, die Liebe nur noch Eigennutz, in der ich gefangen war. Ich wollte ausbrechen aus diesem Korsett, mich wieder frisch und frei fühlen, verstehen Sie, und jetzt sitze ich hier, habe ihm geschrieben, dass ich das Flugzeug nicht mehr besteigen werde, dass es vorbei sei. Und ich sitze jetzt hier und weiss nicht, ob ich mich freuen oder mich bemitleiden soll, passt wohl nicht zum schönen Abend.“ „Kommen Sie“, sagte ich, „gehen wir ein paar Schritte.“

Sie stand auf und folgte mir schweigend die Treppe hinunter zum Fluss. Am Ufer sagte ich: „Ich bin eigentlich nur heute Abend hier, wissen Sie, im Hotel da oben, ich bin auf der Durchreise, aber Ihre Geschichte berührt mich sehr.“ Sie schaute mich an, mit diesem traurigen Blick, der mich bis ins Mark erschütterte. „Schauen Sie dem Fluss zu, wie er gleichmässig und friedlich weiterzieht, keinen Laut von sich gibt und sich durch das Wasser ständig erneuert. Auch Ihre Liebe ist wie der Fluss.“

Nachdem wir einige Augenblicke schweigend nebeneinander an der Quaimauer gestanden waren und den Mücken bei ihren Tänzen zugeschaut hatten, gingen wir wieder die Stufen zum Kirchplatz hinauf. „Ihre Begegnung hat mir gutgetan“, sagte sie, „ich bin jetzt nicht mehr so traurig.“ Sie umarmte mich unverhofft, legte ihren Kopf in meine Schulter und schwieg. Dann löste sie sich von mir und schaute mich an. „Werden Sie morgen wieder zur selben Zeit kommen? Ich werde hier auf der Bank auf Sie warten“, sagte sie, drehte sich um und verschwand in der hereinbrechenden Nacht.

Ich ging in mein Hotelzimmer zurück und begann zu schreiben. Die traurigen Augen der Frau vom Kirchplatz gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte in ihnen etwas gefunden, was ich schon lange gesucht hatte.





René Oberholzer

Lebt und arbeitet seit 1987 als Oberstufenlehrer, Autor und Performer in Wil/Schweiz.

Schreibt seit 1986 Lyrik, seit 1991 auch Prosa.

War Mitbegründer der literarischen Experimentiergruppe „Die Wortpumpe“ (mit Aglaja Veteranyi), ist Mitbegründer der „Autorengruppe Ohrenhöhe“, Mitglied der Autoren der Schweiz (AdS) und des Zürcher Schriftstellerverbands (ZSV). Erhielt 2001 den Anerkennungspreis der Stadt Wil für sein literarisches Schaffen und 2022 den 23. Nahbellpreis des G&GN-Instituts in Düsseldorf für das lyrische Gesamtwerk.

Publikationen:

„Wenn sein Herz nicht mehr geht, dann repariert man es und gibt es den Kühen weiter“ (39 schwarze Geschichten) (2000), Verlag Im Waldgut in Frauenfeld.

„Ich drehe den Hals um – Genickstarre“ (92 Gedichte) (2002), Nimrod-Literaturverlag in Zürich.

„Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden“ (120 Geschichten) (2006), Nimrod-Literaturverlag in Zürich.

Kein Grund zur Beunruhigung“ (236 Gedichte) (2015), Driesch Verlag in Drösing.

„Sehnsucht. Mit Weitblick“ (80 Gedichte) (2020), Klaus Isele Editor in Eggingen

„Das letzte Stück vom Himmel“ (80 Gedichte) (2021), Klaus Isele Editor in Eggingen

Gedichte und Kurzgeschichten in Anthologien, Zeitungen, Literaturzeitschriften und Online-Portalen im gesamten deutschsprachigen Raum (über 3000 Einzeltexte). Einzelne Texte sind auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums übersetzt und veröffentlicht worden.

homepage: http://www.reneoberholzer.ch

wikipedia






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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