Beinahe gäb ’s mich gar nicht – hätten wir auch überlebt

Bernhard Horwatitsch für #kkl20 „bedingungslos“




Beinahe gäb ’s mich gar nicht – hätten wir auch überlebt

Im Jahr 1772 wurde Susanna Maria Brandt am 14. Januar gegen 10 Uhr morgens auf das Schafott an der Hauptwache geführt, wo der Scharfrichter Johann Hoffmann am Richtstuhl auf sie wartete. „Der Nachrichter führte die Maleficantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie in zweyen Ort am Stuhl fest, entblößte den Hals und Kopf, und unter beständigem zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt.“ Die Vollwaise war zuvor von einem holländischen Goldschmied in einem Gasthof vergewaltigt worden (er hatte ihr ein Schlafpulver in den Wein gemischt) und verschwand nach Russland. Susanna Margaretha Brandt kannte von ihm weder den genauen Namen noch eine Adresse. Ihre Schwangerschaft verheimlichte sie, arbeitete weiterhin von früh bis spät. Am 31. Juli wurde sie in der Waschküche von Übelkeit und heftigen Leibschmerzen befallen. Die Witwe Bauer kochte ihr einen Tee und drohte ihr zugleich mit der Entlassung. Die Verheimlichung einer Schwangerschaft oder gar eine heimliche Niederkunft waren damals mit Strafe bedroht. Am Abend des 1. August 1771 brachte sie in der Waschküche einen Knaben zur Welt. Es war eine Sturzgeburt, das Kind fiel mit dem Kopf voran auf den Steinboden. Sie sagte später aus, dass es nur kurz geröchelt habe. In Panik habe sie mit der linken Hand nach seinem Hals gegriffen und ihm mit der rechten durch das Gesicht gekratzt; dann habe sie es im Stall an der Staufenmauer hinter dem Haus verborgen. Am Bockenheimer Tor wurde sie von der Wache festgenommen und in das Gefängnis in der Katharinenpforte neben der Katharinenkirche gebracht. Am Abend des 3. August schaffte man sie von dort in das Hospital. Goethe kannte die Prozessbeteiligten, konnte sogar von seinem Zimmer aus auf die Hauptwache blicken.

Diese im Faust I zentrale Problematik des Kindsmordes durch Gretchen, war zu dieser Zeit ein sehr wichtiger Diskurs. Die Beliebtheit dieses Themas ist keineswegs zufällig Es ist die soziale Frage in der Tragödie des verführten Bürgermädchens nur ein Fall unter den vielen Übergriffen des Feudalismus. Es war damals einfach eine übliche Form, dass adlige Männer sich ein einfaches Bürgermädchen zur Unterhaltung und für sexuelle Dienste nahmen. Sollte das Mädchen schwanger werden, dann musste das natürlich verheimlicht werden und die Mädchen wurden fallen gelassen.

Inzwischen hat sich einiges verändert. Ungewollte Schwangerschaften müssen nicht mehr sein. Fast 200 Jahre nach der Hinrichtung von Susanna Maria Brandt kam am 18. August 1960 unter dem Handelsnamen Enovid die erste Antibabypille (orale Kontrazeption) in den USA auf den Markt. Ein Jahr später folgte mit Anovlar die deutsche Variante der Verhütung. Das Berliner Unternehmen Schering AG entwickelte das Kontrazeptiva Anovlar, das deutlich zuverlässiger wirkte und auch weniger Nebenwirkungen hatte. Es kam im Juni 1961 auf den deutschen Markt. Doch die deutschen Ärzte waren sehr zurückhaltend mit der Verschreibung. Dass die Verhütungspille erst ab 1972 auch an nicht verheiratete Frauen  verschrieben wurde, zeugt das von der konservativen Gesellschaft der Ära Adenauer? Oder lag diese Zurückhaltung gegenüber diesem Medikament auch an dem Firmennamen des Herstellers von Anovlar?  Zu den Vätern der Antibabypille gehörte der Gynäkologe und SS-Arzt Carl Clauberg, der im Rahmen seiner Medizinversuche in Block 10 (Stammlager in Ausschwitz für medizinische Versuche) des Konzentrationslagers Auschwitz  in Zusammenarbeit mit der Schering-Kahlbaum AG unter anderem Hormonpräparate entwickelte. Das ist im Nachhinein schwer zu sagen. Zumindest ist es eine bösartige Ironie der Geschichte, dass zwischen der Befreiung der Sexualität und damit auch der Frauen und medizinischen KZ-Versuchen ein Zusammenhang besteht.

 Die Antibabypille Anovlar war bereits über zehn Jahre auf dem Markt, bis auch ledige Frauen das Medikament zögerlich verschrieben bekamen. Ich selbst bin Jahrgang 1964. Und ich bin ein Bankert, wie man einst uneheliche Kinder (das auf der Schlaf‑Bank der Magd und nicht im Ehebett gezeugte Kind) nannte. Erst ein halbes Jahr nach meiner Geburt heiratete meine Mutter. Sie bekam die Pille und ich blieb ihr einziges Kind.  Hätte man ein paar Jahre früher erlaubt, die Pille an unverheiratete Frauen zu verschreiben, dann gäbe es mich womöglich gar nicht. Gut: Hätten mein Vater und meine Mutter sich nicht zufällig im Freibad getroffen, gäbe es mich auch nicht. Ich bin zufällig. Warum auch nicht. Wir haben uns nicht selbst geschaffen, sondern sind in der Welt durch etwas, das nicht wir sind. Das wird heutzutage gerne vergessen. 

Denken ist eine Form des Verknüpfens von Tatsachen. Es ist eine Tatsache, dass die Pille erst 1972 für ledige Frauen zugänglich wurde. Und es ist eine Tatsache, dass ich ein uneheliches Kind war, das 1964 geboren wurde. Es ist eine Tatsache, dass meine Mutter kein weiteres Kind bekam und sich mit der Pille davor schützte. Das war nur möglich, weil sie meinen Vater heiratete. Mich gibt es nur dank einer sehr restriktiven Sexualpolitik, die vor allem das Wohl vieler lediger junger Frauen aufs Spiel setzte unter dem Vorwand das ungeborene Leben zu schützen. Das ist der rationale Aspekt. Dass ich diese restriktive Politik gegenüber jungen Frauen für ungerecht und eine von biologischen Konsequenzen freie Sexualität für einen Gewinn halte, weil er uns moralisch befreit, das ist einer Idee geschuldet. Zu meinem rationalen Wissen aus dem Vergleich von Tatsachen gesellt sich nun eine Idee. Wäre es nicht irrational, etwas für gerecht zu halten, was dazu führt, dass ich selbst nicht existiere? Es sind Tatsachen, dass viele junge Frauen aufgrund der biologischen Konsequenz schwanger zu werden, in ein gesellschaftliches Abseits gedrängt wurden und immer noch werden, sie in der Folge sogar zur Delinquenz gezwungen wurden und weiterhin werden. Wie im historischen und literarischen Fall von Susanna Maria Brandt (Goethes Gretchen-Vorbild) verheimlichten ungewollte schwangere Frauen ihren Zustand, oder sie töteten das kleine Kind gleich nach der Geburt, oder sie gaben es weg, oder sie mussten in gesellschaftlich geächteten Berufen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu fristen. Eine Befreiung der Sexualität durch Verhütung benötigt nicht nur eine Pille, sondern ein Bewusstsein dafür. So kann auch der Mann verhüten. Aldous Huxley hat dagegen schon früh einen dezenten Einspruch erhoben. In seinem Debütroman „Crome Yellow“, lässt er Mr. Scogan (eine Karikatur des britischen Mathematikers und Philosophen Bertrand Russell) sagen: „Mit dem Grammophon, dem Kino und der Selbstladepistole hat die Göttin der angewandten Wissenschaft der Welt ein weiteres Geschenk gemacht, kostbarer als die genannten – nämlich die Möglichkeit, die Liebe von der Fortpflanzung zu trennen. …Die unpersönliche Zeugung wird an die Stelle des abstoßenden natürlichen Systems treten. In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern.“ Zuvor hatte  sich diese Gesellschaft auf dem Lande eine Schweinezucht angesehen. Und Scogan sagt: „Schauen Sie sich das an Sir.“, sagte er, mit der Hand auf die sich im Schmutz wälzenden Schweine weisend. „Man nennt sie mit Recht Schweine.“
„Mit Recht, allerdings“, stimmte ihm Mr. Wimbusch bei.
„Und gern würde ich mit dem gleichen Recht sagen können: Man nennt uns mit Recht Menschen.“
Später hat Huxley in seinem berühmten Roman „brave new world“ dieses System ausgebaut und in Mustafa Mond einen Weltcontroller geschaffen, der die befreite menschliche Sexualität unter staatliche Kontrolle brachte. Genau genommen war die restriktive Politik mit der junge ledige Frauen von der freien Sexualität ausgeschlossen wurden eine Form der staatlichen Kontrolle von Sexualität. Nach 1972 und im Zuge der angeblichen sexuellen Befreiung durch die 68er wurde die heilige Familie säkularisiert. Heute ist sie fast marginalisiert. Ist diese merkwürdige Trennung von Sex und Fertilität nicht auch eine Form der Kontrolle über den weiblichen Körpers? Schließlich ist – sofern man nicht Josef heißt – der Mann zur Hälfte daran beteiligt. Diese patriarchale Herrschaft sollten wir bedingungslos aufgeben. Auf Papua-Neuguinea nehmen die Männer seit Jahrhunderten einen Tee aus dem grünen Cichlidenkraut (justicia Genderussa) zum Zweck der Verhütung zu sich. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) ließ dagegen sämtliche Forschungen an einer Pille für den Mann im Jahr 2011einstellen und derzeit forscht keine namhafte Pharmafirma an einem Verhütungsmittel für Männer.




Bernhard Horwatitsch, *1964, München, Dozent für Recht, Ethik und Literaturgeschichte, hat bereits in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht.  Letzter Roman »Das Herz der Dings«, www.mabuse-verlag.de

Akrobat für Gedankenspiele, regelmäßiger Autor im Philosophie-Magazin Lichtwolf (Freiburg) und der Edition Schreibkraft (Graz)

Freies Literaturprojekt

Gespäch / Interview mit Bernhard Horwatisch und Jens Faber-Neuling HIER






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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