Die Natur Allgemeiner Geschäftsbedingungen

Lasse Thoms für #kkl20 „bedingungslos“




Die Natur Allgemeiner Geschäftsbedingungen

Der Zug ist verspätet. Wie immer. Auf der Anzeigetafel steht, er werde sechzig Minuten später hier ankommen. Kein Wunder. Es zeichnet die Bahn immerhin aus, nicht wahr? Natürlich hat mein Freund nicht erwartet, dass ich pünktlich ankommen werde. Es ist nur blöd, weil die Fahrt ohnehin etwas mehr als vier Stunden dauert, da brauche ich eigentlich nicht noch eine zusätzliche Verspätung. Ich nehme mein Handy aus der Tasche, und genau in dem Moment sehe ich, dass er gerade versucht, mich anzurufen. Ich gehe ran.

„Hi!“

Ein Lächeln berührt meine Lippen, bevor ich etwas sage. „Hi.“

„Lass mich raten, dein Zug hat Verspätung“, sagt er. Es ist keine Frage. „Wie viel ist es diesmal?“

„Ne Stunde“, sage ich und kann nicht verhindern, dass ich genervt klinge.

„Naja, könnte schlimmer sein“, sagt er. Er klingt nicht sehr genervt. Das hat er erwartet, mindestens. Ich schaue den Koffer an, in dem die Schokolade für seine Eltern ist, ein kleines Mitbringsel, und hoffe, sie schmilzt mir nicht. Es ist Mitte September, es ist heiß.

„Weißt du“, sagt er, „wenn der Zug sich noch mehr verspätet, bekommst du vielleicht einen Teil deines Geldes zurück.“

„Achja?“ Das interessiert mich nicht sehr. Wir haben uns seit drei Wochen nicht gesehen und in den letzten Tagen konnte ich es schon überhaupt nicht mehr abwarten, und jetzt kommt auch noch mein Zug zu –

„- das steht so in den AGB.“

„Was? Sorry, das habe ich nicht ganz mitbekommen.“

„Den Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, sagt er und macht eine Pause, aber der Witz fällt flach.

„Ist mir schon klar, was das ist.“ Ich ärgere mich nicht über ihn, aber ich bin verärgert und es wäre gut, wenn er meine gereizte Geduld nicht zu sehr auf die Probe stellt. Ich hoffe für ihn, dass er das weiß.

„Da steht drin, dass, wenn dein Zug sich um mehr als die Hälfte der Reisezeit verspätet, du einen Teil deines Ticketpreises erstattet bekommen kannst. Gehört zu deinen Fahrtgastrechten.“

„Okay…“

„Und deswegen dachte ich, vielleicht muntert dich das ja auf. Die AGBs sind nicht immer was Schlechtes.“

Jetzt werde ich neugierig. Bisher waren sie das für mich nämlich. Nur etwas Nerviges, das ich lesen konnte, dass ich aber so oder so, ob ich es las oder nicht, akzeptieren musste, wenn ich zum Beispiel mit der Bahn fahren wollte. Oder ein Video auf YouTube ansehen. Oder etwas online bestellen. Oder was sonst. AGBs sind überall. Vielleicht ist nichts bedingungslos, denke ich. Es ist ein etwas trauriger Gedanke, finde ich.

„Ist das nicht bescheuert? Dass alles an Bedingungen geknüpft ist?“ Halb denke ich das laut, halb frage ich ihn.

„Ja. Schon. Aber es macht Sinn.“

„Wie?“

„In unserer Gesellschaft. Wo Geld regiert und man damit alles und ohne es nichts machen oder haben kann. Die Bedingung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist Geld. Nenn sie die allgemeine Gesellschaftsbedingung, wenn du willst. Der Punkt ist: Es gibt fast nichts, an das nicht irgendwelche Bedingungen geknüpft sind.“

Ich denke darüber nach, und merke, dass er irgendwie schon Recht hat. Oder wenigstens klingt, was er sagt, logisch, auch wenn es ebenso frustrierend ist.

Ich sehe auf die Anzeigentafel. Noch fünfundfünfzig Minuten. Und aufgemuntert hat mich der Anruf jetzt zwar schon, das Thema arbeitet aber gerade wieder in die Gegenrichtung.

„Bist du noch da?“

Ich komme aus meinen Gedanken zurück. „Äh, ja. Der Zug braucht ja eh noch ewig, also wo sollte ich sonst sein?“

„Du fängst an, die Dinge mit Humor zu nehmen. Das weiß ich zu schätzen. Ich dachte doch, dass ich dich vielleicht ein bisschen aufmuntern kann.“

Naja, denke ich, die Schokolade schmilzt trotzdem. Und ich schwitze.

Das ist nicht fair, das weiß ich, aber der Gedanke ist trotzdem da. Kein Grund, das zu leugnen. „Klar. Total.“

„Puh, so schlecht drauf.“ Er klingt fast belustigt, und da bin ich wieder näher daran, wütend zu werden. Jetzt vielleicht doch auf ihn.

Ich atme tief durch. „Naja, ich will halt einfach zu dir und nicht ewig warten.“

Einen Moment schweigt er. Dann: „Hast du mitbekommen, dass ich gesagt habe, dass nicht alles mit Bedingungen kommt?“

Habe ich nicht. Im Kopf gehe ich unser Gespräch rückwärts durch. Dabei fällt mir mehr schwarzer Humor ein, und ich weiß ihn nicht zu schätzen. Nein, denke ich, stimmt. Egal, was ist, die Bahn wird sich verspäten. Das ist sicher.

„So gerne ich dich raten hören würde“, sagt er jetzt, „lass mich dir doch einfach sagen, was ich meine. Nicht, dass die Bahn wahrscheinlich immer, wenn du zu mir fährst oder ich zu dir, zu spät kommen wird. Das mag so sein, aber das meine ich nicht. Das ist vielleicht eine Bedingung. Und jedes Mal müssen wir beim Ticketkauf die AGBs akzeptieren und das ist doof, aber ich sage dir auch, eines glorreichen Tages wird es so weit sein, dass du oder ich Geld zurückbekommen. Aber auch das ist nicht, was ich eigentlich sagen will.“

Sondern? Was willst du denn sagen? denke ich, etwas ungeduldig, und ich weiß, er will mich nur aufmuntern, aber gleichzeitig muss ich denken, ob er sich nicht damit mal ein bisschen beeilen kann, bitte!

Fast frage ich nach. Fast sage ich, dass er sich beeilen soll, aber dann sage ich doch nichts, sondern warte.

„Was ich eigentlich sagen will, ist, dass, egal, was die Bedingungen sind, ob der Zug zu spät kommt oder ob du vier Stunden fahren musst oder es einfach super warm ist, was auch immer passiert, eins bleibt gleich.“

Jetzt weiß ich, was er sagen will, und muss lächeln.

„Egal, was noch passiert, heute Abend liegen wir wieder nebeneinander.“

Darauf habe ich mich die letzten drei Wochen, besonders abends, in meinem großen und allein so leeren und kalten Bett liegend, immer gefreut. Auch jetzt lässt der Gedanke ein Lächeln in meinem Gesicht aufgehen wie eine sich öffnende Blume.

„Stimmt´s?“

Ich sehe zu der Anzeigentafel. Noch dreißig Minuten, die Verspätung hat sich schon etwas verringert. „Stimmt.“

„Na also“, sagt er und ich kann ihn am anderen Ende grinsen sehen, auch, wenn ich ihn nicht sehe. Ich weiß es, denn ich grinse genauso.







Lasse Thoms ist 22 Jahre alt und lebt in Hamburg. Aufgewachsen ist er mit seinen beiden Brüdern und über die Jahre mehreren Hamstern bei Münster in NRW, wo er als freier Mitarbeiter bei der Lokalzeitung tätig war. Seine ersten kurzen Geschichten schrieb er in der Grundschule. In den Jahren seitdem haben sich zwar die Themen verändert, die Lust am Schreiben aber kaum. Höchstens hat sie noch zugenommen. Lasse Thoms hat mehrere Texte im Magazin KKL veröffentlicht.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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