Nicht Arbeit, sondern Müßiggang?

Franziska Bauer für #kkl20 „bedingungslos“




Nicht Arbeit, sondern Müßiggang?
Reflexionen zum neuen Stellenwert der Arbeit

Der amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin, der in neoliberalen Kreisen als moderner Maschinenstürmer kritisiert wird, weist darauf hin, dass eine fundamentale Verschiebung  der Eckpunkte des  Triangels aus Energiegewinnung, Informationstechnik und Transportwesen stets auch eine völlige Neuordnung der Wirtschaft und der Gesellschaft nach sich zieht. Eben das geht gerade vor sich, wir befinden uns mitten in der dritten industriellen Revolution: Die Neuordnung des Kommunikationswesens durch das Internet ist bereits vollzogen, die Energiewende mit der Abkehr von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen wie Fotovoltaik und Windkraft  befindet sich groß im Fluss, und die Revolutionierung des Transportwesens durch Drohnen und fahrerlose Lastkraftwagen steht unmittelbar bevor. Was Wunder, wenn das Wirtschaftsgefüge in allen Fugen kracht! Der resultierende Wandel ist allgegenwärtig.

Panta rhei, wie Heraklit von Ephesos formulierte, alles fließt. Alles fließt und nichts bleibt, es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln. Dabei ist allerdings zu beobachten, dass die historischen Umwälzungen sich in immer kürzeren Zeitabständen vollziehen.

So dauerte es Jahrtausende, bis sich die Landwirtschaft flächendeckend etablierte: Historiker weisen den Übergang vom Nomadentum zu Sesshaftigkeit und Landwirtschaft, den man im Neolithikum verortet, in Mesopotamien bereits 21 000 vor Christus nach, im Donauraum breitete sich die Landwirtschaft gar erst erst ab 5500 aus. Die drei durchnummerierten industriellen Revolutionen hingegen erfolgten im Abstand von Jahrhunderten: Um 1800 war bereits die Mechanisierung mittels Wasser- und Dampfkraft im Gange, um 1900 setzte die Massenfertigung mit Hilfe von Fließbändern und elektrischer Energie ein,  um 1970 kam es zur Automatisierung der Produktion durch Digitalisierung. Alles in allem ein furioses Accelerando. (Seit dem Weltwirtschaftsforum 2015 in Davos spricht man sogar schon von einer „ Industrie 4.0“ – ein strittiger Begriff, über den Rainer Drath sagt, diese industrielle Revolution werde ausgerufen, bevor sie stattgefunden habe.)

Fest steht, dass die digitale Revolution den Arbeitsmarkt massiv beeinflusst –  Arbeitsplätze werden immer knapper, denn Fertigungsroboter erledigen die Arbeit der Menschen. Jeremy Rifkin sagt voraus, langfristig werde ein Großteil der Arbeit verschwinden, da selbst die billigste menschliche Arbeitskraft teurer sei als die einer Maschine.

Die Roboter nehmen uns also die Arbeit weg. Zwar in erster Linie die unersprießliche, oft physisch schwere und und psychisch belastende Arbeit, aber, um mit Sinclair Lewis zu sprechen, auf die Arbeit schimpft man nur solange, bis man keine mehr hat. Heißt es doch schon im zweiten Brief des Apostels Paulus an die Tessalonicher, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Ein hochwillkommenes Zitat für all diejenigen, die den Müßiggang – insbesondere bei anderen – nicht gern sehen und sie dazu bringen wollen, ihn für verwerflich zu halten, ihnen also das Dolce far niente, das süße Nichtstun, madig zu machen.

Das Wort Arbeit ist ja in vielen Sprachen alles andere als positiv besetzt, wie ein Nachschlagen in etymologoschen Wörterbüchern nahelegt. So hat das Wort Arbeit erst im Neuhochdeutschen die Bedeutung einer Tätigkeit mit Wert  und von Arbeit als Beruf erhalten, das althochdeutsche arabeit
leitet sich angeblich vom Wort araþi her, das soviel heißt wie „Mühsal, Plage“. Ähnlich ist es im Russischen: Das Wort rabota geht auf das altkirchenslawische rabu, die Bezeichnung für Knecht oder Sklave, zurück. Aus dem Slawischen kommt übrigens auch das Wort Roboter, was nichts anderes heißt als Arbeitsmaschine. Das lateinische Vokabel labor, das für Arbeit, Anstrengung, Leid, Mühe und Not steht, findet sich auch im italienischen lavoro und im englischen labour wieder. Noch unbehaglichere Assoziationen schwingen im französischen Wort travail mit, das sich angeblich von einem mittelalterlichen Folterinstrument, dem trepalium, ableitet, mit dem man Menschen pfählte.

Eigentlich erstaunlich, wie es kommen konnte, dass der Begriff Arbeit mit seinen alles andere als erfreulichen Bedeutungsschattierungen Mühe, Plage, Qual eine derartige Aufwertung, ja Glorifizierung erfuhr, und zwar sowohl im linken als auch im rechten ideologischen Lager. In der Sowjetunion gab es den Ehrentitel „Held der sozialistischen Arbeit“,  im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten entstand der Begriff „workaholic“, gefolgt von medizinischen Neologismen wie burnout, Managerkrankkeit und Herzinfarkt. Wie ist es gekommen, dass sich Menschen freiwillig buchstäblich zu Tode arbeiten?

Überraschend klarsichtig beschrieb das Phänomen der, wie er es nennt, „rasenden Arbeitssucht“ schon 1883 Paul Lafargue in seinem in weiten Passagen durchaus aktuellen Artikel „Le droit à la paresse“
(Das Recht auf Faulheit): „Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende Arbeitssucht, getrieben bis zur Erschöpfung der Lebensenergie des Einzelnen und seiner Nachkommen. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen.“ 

Als Marxist schreibt er diese Heiligsprechung primär dem Kapitalismus zu – was er im folgenden Zitat beschreibt, würden wir heutzutage als Lohndumping bezeichnen: „Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion.“

Dabei erkennt Lafargue deutlich die Vorteile, die die Automatisierung mit sich bringen könnte – die Maschinen hätten das Potential, den Menschen von seiner Sklaverei zu erlösen: „Unsere Maschinen verrichten feurigen Atems, mit stählernen, unermüdlichen Gliedern, mit wunderbarer, unerschöpflicher Zeugungskraft, gelehrig von selbst ihre heilige Arbeit; und doch bleibt der Geist der großen Philosophen des Kapitalismus beherrscht vom Vorurteil des Lohnsystems, der schlimmsten Sklaverei. Sie begreifen noch nicht, dass die Maschine der Erlöser der Menschheit ist, der Gott, der den Menschen von den sordidae artes, den schmutzigen Künsten und der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der ihnen Muße und Freiheit bringen wird.“

Offenbar sind wir aber noch nicht so weit, im vollatomatischen Fertigungsroboter den Erlöser von Sklavenarbeit zu erkennen, noch ist er unser Konkurrent. Fertigungsroboter setzen menschliche Arbeitskraft frei, und das Überangebot an menschlicher Arbeitskraft lässt schamloses Lohndumping auch dort platzgreifen, wo man Dienstleistungen vollbringt, die nicht von Automaten erledigt werden können. Die ersetzte Arbeit an der Maschine geht nicht nahtlos auf die Dienstleistung am Menschen über, diese wird vielfach dem unbezahlten Ehrenamt überlassen. Wer weniger verdient, muss mehr arbeiten, um sein Leben fristen zu können. Wer arbeitslos wird, ist erpressbar und arbeitet auch für einen Hungerlohn. Genau das demonstrieren die „working poor“ in den USA, die, um nur ein Beispiel zu nennen, bei der hochprofitablen Handelskette Walmart für einen Ganztagesjob so wenig verdienen, dass sie staatliche Lebensmittelmarken beantragen müssen. Soviel zum Lohndumping.

Wenn aber der Mensch durch Lohnarbeit seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen kann, fällt er auch als Konsument aus. Der produzierte Warenberg wird unabsetzbar und die Wirtschaft kommt zum Erliegen. An diesem Punkt wird kapitalistische Ausbeutung kontraproduktiv. Konsequent weitergedacht, wird das bedingungslose Grundeinkommen somit zur Conditio sine qua non, darüber sind sich schon etliche Ökonomen und Wirtschaftsexperten einig, erstaunlicherweise sowohl Neoliberale als auch Postmarxisten. Und: Eine derartige Entideologisierung der Sichtweise ist meist ein verlässliches Zeichen der Dringlichkeit eines erforderlichen Lösungsansatzes. Die Wichtigkeit des Konsumierens für den freien Markt erkannte schon Paul Lafargue: „Und so besteht, angesichts der doppelten Verrücktheit der Arbeiter, sich durch Überarbeit umzubringen und in Entbehrungen dahinzuvegetieren, das große Problem der kapitalistischen Produktion nicht darin, Produzenten zu finden und ihre Kräfte zu verzehnfachen, sondern Konsumenten zu entdecken, ihren Appetit zu reizen und bei ihnen künstliche Bedürfnisse zu wecken.“ Lafargue ist sich im Klaren darüber, „ … dass angesichts der modernen Produktionsmittel und ihrer unbegrenzten Vervielfältigungsmöglichkeiten die übertriebene Leidenschaft der Arbeiter für die Arbeit gebändigt und es ihnen zur Pflicht gemacht werden muss, die Waren, die sie produzieren, auch zu verbrauchen.“

Zur Pflicht wird man das Konsumieren des Produzierten den Leuten allerdings kaum machen können, ohne die finanzielle Basis dafür zu schaffen. So gesehen, scheint die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens unabdingbar. Tut man es nicht, riskiert man Massenarmut  und in der Folge sozialen Unfrieden, politische Destabilisierung und Demokratieverlust, einen Anstieg von Eigentumsdelikten und das Entstehen einer Schattenwirtschaft, was denen, die die laufende Massenproduktion momentan reich und reicher macht, das Vermarkten ihrer Produkte nicht gerade leichter machen wird. Wo der Markt nicht funktioniert, weil nicht entsprechend Güter produziert werden wie in der ehemaligen Sowjetunion, oder weil Arbeitslose die produzierten Güter sich nicht leisten können, entsteht unweigerlich eine Schattenwirtschaft, die sich der staatlichen Kontrolle entzieht und damit schwer steuerbar und kalkulierbar wird. Schon heute entziehen sich Tauschkreise, private Nachbarschaftshilfe und der Pfusch der nationalen Steuergebarung. Zentralbanken werden  durch Bitcoins und andere Kryptowährungen erfolgreich umgangen, von Steuervermeidung im globalen Maßstab erst gar nicht zu reden: kaum zu glauben, dass die Multis der EU durch geschicktes Ausnutzen von Steueroasen tausend (sic!) Milliarden Euro vorenthalten haben, die natürlich an allen Ecken und Enden fehlen. Mit dem Einführen des bedingungslosen Grundeinkommens würde man diese destabilisierenden Tendenzen zum Wohle aller am Wirschaftsprozess Beteiligten mit einem Schlag in den Griff bekommen.

Einer der Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens ist Götz Werner, der Gründer der deutschen Drogeriemarktkette dm, der sich als einer der ersten für das Konzept eingesetzt hat und seit über  einem Jahrzehnt dafür wirbt. Er eröffnete 1973 in Karlsruhe den ersten dm-Markt, betreibt heute über 3.000 Märkte in zwölf europäischen Ländern und beschäftigt rund 55.000 Mitarbeiter. Er hält die Koppelung von Arbeit und Einkommen für das Hauptproblem unserer Gesellschaft. Nach seinem Dafürhalten muss man den Wert der Arbeit an der Maschine und der Arbeit am Menschen radikal neu denken und den Arbeitsbegriff weiter fassen. In einem Interviev mit der Onlinezeitung Businessinsider  definiert er Arbeit wie folgt: „Arbeit setzt voraus, dass Sie etwas für andere tun. Wenn Sie es nur für sich selbst machen, ist es ein Hobby. Wenn ich meine elektrische Eisenbahn aufbaue, macht das zwar sehr viel Mühe, ist aber trotzdem Hobby. Wenn man aber die Bedürfnisse anderer im Blick hat und sich daran professionell orientiert und zum Beispiel für seine Mitmenschen ein Kinderfest mit Eisenbahnvorführung organisiert, weil sie sich das wünschen, dann wird es Arbeit. Immer wenn wir für andere tätig werden und dabei unsere Fähigkeiten einsetzen, ist das Arbeit.“

Ist zu befürchten, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Menschen faul macht? In den USA  schlug Milton Friedman, ein neoliberaler US-Ökonom, 1967 eine negative Einkommensteuer vor, worauf Präsident Johnson eine Kommission aus Unternehmern und Gewerkschaftern einrichtete, die die Möglichkeit eines garantierten Mindesteinkommens zu untersuchen hatte. 1969 empfahl die Kommission ausdrücklich, ein garantiertes Mindesteinkommen zu etablieren. Die Politiker allerdings befürchteten, eine derartige Einkommensgarantie würde sich verheerend auf den Arbeitswillen der Bevölkerung auswirken. Bei Pilotprojekten stellte sich jedoch heraus, dass das Bestreben, sich zusätzlich eine Arbeit zu suchen, bei den Empfängern des Mindesteinkommens nicht merkbar geringer geworden war.

Die derzeitigen Versuche, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen, sind spärlich und zögerlich. Nach zwei Anläufen, die in den Jahren 2010 und 2012 ihren Anfang nahmen, haben die Schweizer als erstes Volk am 5. Juni 2016 über ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle abgestimmt – und es abgelehnt. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 46% stimmten nur 23% dafür.

Etwas experimentierfreudiger scheint Finnland zu sein. Laut eines  Koalitionsvertrages der finnischen Regierungsparteien aus dem Juni 2015 will Finnland in den Jahren 2017 und 2018 als erstes europäisches Land ein – teilweise bedingtes  – Grundeinkommen testen. Umfragen aus dem Jahr 2015 besagen nämlich, dass 69% der Finnen ein Grundeinkommen in Höhe von mindestens 1.000 Euro monatlich befürworten.

Hiezulande ließ die KPÖ-Wien aufhorchen, die das bedingungslose Grundeinkommen bei ihrer Landeskonferenz am 24. November 2012 zu einem expliziten Ziel ihrer politischen Arbeit erklärt hat, und zwar ein personenbezogenes BGE in existenzsichernder Höhe für alle, die hier leben. Angesprochen wurde bei dieser Konferenz auch die Notwendigkeit einer Debatte in allen Bevölkerungsschichten.

Auch die Höhe des bedingungslosen Grundeinkommens ist noch keineswegs ausdiskutiert. Götz Werner meint, es müsse dem Einzelnen ermöglichen, bescheiden, aber würdig zu leben, denn im Sinne des Artikel 1 der deutschen Verfasssung sei die Würde des Menschen unantastbar.

Mag das auch alles noch utopisch erscheinen, fest steht, dass wir uns inmitten einer tiefgreifenden und dauerhaften Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, der Arbeitsbedingungen und Lebensumstände befinden. Die Umwälzungen erfolgen vor unseren Augen, so schnell, dass wir kaum nachkommen, die erforderlichen Lösungsansätze zu entwickeln. Das Wort Abstiegsgesellschaft ist in aller Munde. Angst macht sich breit, die noch niemals ein guter Berater war. Der rechte Populismus gerät in Wildwuchs, ortet Sündenböcke, wo keine sind, verkennt Ursache und Wirkung. Viel, viel ist noch zu tun, um der Arbeit in unserem Denken und Empfinden einen neuen Stellenwert zu geben und es endlich zu wagen, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Angenommen, wir hätten das bedingungslose Grundeinkommen bereits, und allen wäre ein zwar bescheidene, aber würdevolle Existenz gesichert. Was konkret täten dann die Leute in der neu gewonnenen Freizeit? Wo wir doch gelernt haben, Müßiggang sei aller Laster Anfang?  Wo doch die Gefahr besteht, dass der Esel aufs Eis tanzen geht, wenn ihm zu wohl ist? Und wo doch, wie Lafargue sagt, Priester, Ökonomen und Moralisten die Arbeit heiliggesprochen haben? Woher bezögen wir dann unsere Selbstachtung und unser Sozialprestige?

Wenn arbeitende Menschen in Pension gehen, stehen sie als Einzelne vor demselben Problem wie
eine Gesellschaft, deren Individuen von Lohnarbeit freigestellt sind und ein bedingungsloses Grundeinkommen beziehen. Die Pensionierung erleben manche als Pensionsschock, manche als Zugewinn eines neuen schöpferischen Freiraums, je nachdem, ob ihre Interessen spärlich sind oder vielseitig. Die einen welken gelangweilt dahin, die anderen blühen förmlich auf vor Aktivität und tun all das, wozu sie bisher kaum Zeit fanden.

Im Analogieschluss drängt sich die Vermutung auf, dass es vom Bildungsstand der Gesellschaft abhängen wird, wie und ob sie sich ohne Lohnarbeit sinnvoll zu beschäftigen vermag. Und hier ist durchaus auch – oder wahrscheinlich vor allem – das gemeint, was man landläufig Herzensbildung nennt. Brutal formuliert: Was tut eine verblödete und verrohte Gesellschaft, wenn man sie von der Lohnarbeit entbindet? Hieß es nicht schon im alten Rom, das Volk bräuchte Brot und Spiele? Und spricht man nicht schon inmitten unserer vielgerühmten Informationsgesellschaft von digitaler Demenz und grassierender Entsolidarisierung und Empathielosigkeit? Hier liegt zweifelsohne eine große bildungspolitische Aufgabe vor uns.

Kürzlich stieß ich auf ein 2014 bei Lübbe erschienenes Sachbuch der Journalistin Alix Faßmann mit dem Titel „Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung“. Gemeinsam mit Anselm Lenz, den sie auf einer Italienreise kennenlernte, gründete sie den Thinktank „Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung“.  Bartleby ist der Protagoniost einer Kurzgeschichte des US-Schriftstellers Herman Melville aus dem Jahr 1853, der in einer Firma Schriftstücke zu kopieren hatte und seine Mitmenschen verblüffte, indem er sämtliche Arbeitsaufträge von einem Tag auf den anderen mit den Worten „Das würde ich lieber nicht tun“ verweigerte. Hendrik Sodenkamp, der 2015 zum Haus Bartleby stieß, meint sinngemäß, der Wunsch, Karriere zu machen, verschiebe das Hier und Jetzt auf eine unbestimmte Zukunft und bringe einen dazu, Dinge zu tun, die nicht richtig seien.  Das Haus Bartleby publiziert Bücher und veranstaltet Diskussionsrunden zu Arbeitsethik und Müßiggang und will die Diskussion um eine neue Arbeitswelt anstoßen.

Zahlreichen Vertretern und Vertreterinnen der sogenannten „Generation Praktikum“ wird allerdings der Weg zur Karriere verbaut, noch bevor sie sich dafür oder dagegen aussprechen können, Karriere machen zu wollen. Sie machen aus der Not eine Tugend, bringen sich mit Gelegenheitsarbeiten und kurzfristigen Jobs und Projektarbeiten durch und suchen sich ihren eigenen Weg. Und sie beginnen zu erkennen, dass man sich nicht dafür zu schämen hat, wenn man auf dem Arbeitsmarkt vorerst keine Arbeit findet. Kommt Zeit, kommt Rat, und Entscheidungsfreiheit ist schließlich auch etwas wert. Es ist  vor allem selbstbestimmte, selbstgewählte Arbeit, die gelingt und Selbstverwirklichung und Befriedigung schenkt. Mit den Worten von Aristoteles lässt erst die Freude an der Arbeit das Werk trefflich geraten. 

Hoffnung macht auch, dass viele Menschen die gewonnenen zeitlichen Freiräume für Aktivitäten im Bereich der Kunst und Kultur zu nutzen versuchen. Man singt und musiziert gemeinsam, Chöre haben wieder deutlich mehr Zulauf. Es wird viel geschrieben, und es wird wieder lieber und mehr gelesen. Überhaupt kann die Literatur eine große Hilfe auf dem Weg der Selbstfindung sein. In seinem Buch „Der Autor als Sprachwanderer“ sagt Michael Stavarič, „…die Literatur muss eine Geste ins Nichts sein, in der Hoffnung, dass jemand die ausgestreckte Hand ergreift.“


Publiziert in der Nummer 30 des Feuilletonmagazin „Schreibkraft“, Graz 2016, Seite 44 ff. (http://schreibkraft.adm.at/ausgaben/30-walzen)







Franziska Bauer, geb. 1951, Studium der Russistik und Anglistik in Wien, wohnhaft im Burgenland, pensionierte Gymnasiallehrerin, Schulbuchautorin, schreibt Lyrik, Essays und Kurzgeschichten für Zeitschriften und Anthologien, zwei Lyrikbände beim Apollon Tempel Verlag, Gewinnerin des 10. Bad Godesberger Literaturpreises

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Max Mustermann und Lieschen Müller
, heitere Verse mit Illustrationen von Elisabeth Denner, Apollon Tempel Verlag, München 2018, ISBN-13: 978-3981876840
Auf des Windes Schwingen, zweisprachiger deutsch-russischer Lyrikband
mit Originalen und Übersetzungen von Franziska Bauer und Mary Nikolska, Illustrationen von Elisabeth Denner, Apollon Tempel Verlag, München 2019,
ISBN-13: 978-3981876888
Wiedersehen mit Max und Liese, zweisprachiger deutsch-russischer Lyrikband
mit Originalen von Franziska Bauer und Übersetzungen von Mary Nikolska, Leobersdorf 2021, © 2021 Franziska Bauer, ISBN 978-3-85253-691-0

Deutsch-russischer Poesiekalender 2022 mit Originalen und Übersetzungen von Franziska Bauer und Mary Nikolska und mit Illustrationen von Anna Freudenthaler,
Leobersdorf 2021, © 2021 Franziska Bauer, ISBN 978-3-85253-698-9
Durch Jahr und Tag, mit Originalen und Übersetzungen Franziska Bauer und Mary Nikolska,
Großebersdorf 2022, Vertrieb: E.Weber-Verlag, © 2021 Franziska Bauer, ISBN 978-3-85253-717-7
Für Aug‘ und Ohr,
Märchen und Erzählungen zum Schmökern und Vortragen, Großebersdorf 2022, Vertrieb: E.Weber-Verlag, © 2021 Franziska Bauer, ISBN-978-3-85253-773-3






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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