Das Puppenhaus

Salia Jansen für #kkl22 „Bewusstheit“




Das Puppenhaus

Hin und wieder, wenn ich auf meinem Küchenstuhl sitze, sehe ich beide gleichzeitig in meinen Augenwinkeln. Ich sitze in der Mitte, an dem länglich rechteckigen Tisch aus Holz, der schon einige Macken hat. Wir sind ja oft hier. Und Mama und Papa sitzen immer an derselben Stelle. Sie haben beide leicht ihre Unterarme auf die Tischplatte gelegt, sie berühren diese kaum. Mit meinem Rücken sitze ich fast an die dünne Wand gepresst, einfach so aufstehen kann ich nicht. Doch es gibt mir halt und ich falle nicht vom Stuhl. Und vor mir ganz nah beim Tisch befindet sich die Küchenzeile, die mit vielen Schränken an der Wand geschmückt ist. Mir gegenüber ist ein kleines schönes Fenster. Es ist Sommer und ganz hell.

Unser Haus ist schön ausgestattet, alles wird gerne benutzt. Das kann man sehen, denn bei zwei Hochschränken fehlt schon ein Griff und die Platte auf dem Tisch hat einige Kratzer. An der Wand hinter mit splittert die Farbe sogar schon teilweise ab. All das gehört zu meinem Zuhause. Hier spielt das Leben hin und wieder.

Es ist ganz ruhig im Haus. Ich lausche gerne, darin bin ich geübt und nehme mir viel Zeit dafür, einmal mit dem einen Ohr, und dann noch mit dem anderen. Im ganzen Haus entgeht mir nichts. Neben unserer Küche liegt mein Kinderzimmer, und auf der anderen Seite das Bad. Hinter mir schlafen meine Eltern in dem Zimmer. Unser Haus ist klein, da bekommt man alles mit.

Doch es ist ruhig hier jetzt. Warme Sonnenstrahlen scheinen durch das kleine Fenster. Sie fallen sanft auf die Hände von Mama und Papa. Ich höre, wie ein kleiner Vogel von irgendwo sein Lied zwitschert und mir scheint, als sei der Himmel ohne Wolken. Irgendwo tickt laut eine große Uhr und erinnert, dass die Zeit vergeht. Es ist so friedlich grade.

Wenn ich groß bin, dann möchte ich Ärztin werden, oder Anwältin, vielleicht auch Lehrerin, aber wahrscheinlich eher Sängerin. Ganz egal, ich werde großartig sein. Die Leute werden mich lieben. Ich werde mich gut um sie kümmern und sie werden es mir mit viel Liebe danken. Meine Zukunft ist rosig, denn ich bin sehr fleißig in der Schule, wie man mir oft sagt. Ich bin ein gutes Kind, dass immer alles richtig macht und mit dem man sich nur allzu gern beschäftigt. Darauf bin ich stolz. So sitz ich hier ganz brav, wie es sich für Mädchen gehört, die große Träume haben.

Doch dann, ganz plötzlich – das Knarzen reißt mich ganz heraus aus meiner Zukunft, es wirbelt mein Herz wild durch die Luft. Ich kenne das Geräusch, ich kenne es ganz genau! Und ich hasse es, denn ich höre es immer zur selben Zeit an ganz bestimmten Tagen. Und ich weiß genau, was jetzt schon wieder passiert.

Plötzlich tut sich die Decke auf. Von dort, von wo die Sonne wärmt, wird das Dach hinfort gerissen. Meine Augen sind geblendet durch das viele Licht, doch im Nebel der harten Strahlen erkenne ich die hässliche Hand, die mich so oft ergreift. Sie packt mich fest um den Torso, und sie ist kalt wie Stein. Ich werde in die Luft gehoben, hinfort von meinen Eltern. Wie kannst du mich aus diesem Bild entfernen? Hier gehör ich hin, zu meiner Familie, welche immer kleiner wird. Sie hält mich fest im Griff, die fremde Hand, und schiebt mich teilnahmslos durch Raum und Zeit. Sie trägt mich weg, ohne meine Zustimmung stellt sie mich in mein Kinderzimmer, wo sie endlich von mir ablässt. Schockiert und übermannt stehe ich ganz alleine da. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich es weiß. Es folgt, wovor mir immer graut.

Ich will die Augen kneifen, doch es gelingt mir nicht. Sie zwingen mich dabei zuzusehen. Meine Lider bleiben steif und die Luft mir fern. Es folgt die zweite raue Hand vom selben Stamm, die mir das schöne weiße Kleid aufknöpft. Das trage ich schon lange. Mir wird heiß und ich möchte schreien, doch die fahlen kahlen Finger haben mich geschickt im Griff. Keinen Ton bring ich heraus und lasse leblos alles über mich ergehen. Ich schäme mich so sehr. Fast liebevoll und sanft werde ich nackt auf das kleine Bett gelegt. Dort liege ich ganz starr und kann nichts denken. Ich bin tot und doch schlägt meine Brust in mir so hart wie nie. Ich kann jetzt keine Regung zeigen.

Es dauert eine Weile, wahrscheinlich ist es nur kurz. Dann endlich werd ich angezogen, wenn auch grob. Mit aller Kraft wird mir das rote Kleid ruckhaft über den Kopf gezerrt. Es liegt viel zu eng und mir gefällt es nicht, aber ich muss. So stehe ich kurz erneut vor dem Bett wie ein kahler Baum in der Wüste, kein Wasser, keine Tränen. Trotz meines Kleides fühle ich mich immer noch entblößt. Erneut werde ich in die Luft gehoben und sehe schon von oben meine Eltern unter mir sitzen. Was werden sie wohl sagen? Wie soll ich mich erklären?

Ich komme wieder unten an und werde unbeholfen tief in meinen Stuhl an den Tisch gezwängt. So sitze ich wieder da und stiere auf das kleine Fenster über der Küchenzeile mir gegenüber. Endlich werd ich losgelassen. Der Tisch quetscht mich tief in meinen harten hölzernen Stuhl, ich atme nicht und bleibe starr. Die Decke schließt erneut und besiegelt das Geschehene.

Erst jetzt kehre ich langsam zurück in mich selbst. Mein Herz rast immer noch. Wie konnte das passieren? Ich kann beide wieder sehen an meiner Seite, doch mir scheint, als haben sie meine Abwesenheit gar nicht bemerkt. Erschüttert muss ich sehen, wie regungslos sie da sitzen, genauso wie zuvor, ganz unbekümmert, als sei nichts geschehen. Ich bin sprachlos und erschüttert. Wie könnt ihr nichts sagen? Ihr habt es doch gesehen? Oder nicht?

Doch beide blicken starr geradeaus in ihrer beider Gesichter, völlig ohne Regung. Mir war vorher nie aufgefallen, wie eng alles hier bei einander steht, und doch sitzen wir so weit weg voneinander. Unsere Hände auf dem Tisch berühren sich nie. Die Kleider der beiden sitzen gerade und glatt auf den dürren Knochen, wie zerbrechliches hartes Papier. Sie grinsen grotesk mit ihren Wachsgesichtern ineinander, und ekeln mich jetzt an. Wer sind diese Menschen? Ich will sie nicht kennen.

Die Strahlen der Sonne brennen auf mich wie ein Feuer und mir scheint, als würde ich in einen Nebel aus Ohnmacht fallen und darin ersaufen. Hier möchte ich nicht bleiben, doch ich kann nicht fort, denn ich sitze fest auf dem Stuhl an die Wand gepresst. Selbst die Sonne kann nicht weiter zusehen, lässt mich ebenso im Stich und verschwindet lautlos unter dem Fenster. Eine kühle Dunkelheit macht sich breit, im Schein des Mondes sehe ich noch kalt die Gesichter von beiden glitzern, sie sind immer noch still. Ich kann nicht fort. Mir bleibt die Luft im Halse stecken. Dieses Haus ist eine Farce, geschmiedet aus der Hand des Teufels, der größte Betrug meines Lebens und ich kann es niemals hinter mir lassen. Ich verliere mich in meinem Gedankenspiel der Flucht und bin schon weit hinfort gerannt in meinem schweren Kopf. Ich kann meine Augen nicht schließen, meine Fassungslosigkeit schwindet weiter, ich beruhige mich in der Nacht, hier fühl ich mich jetzt wohl, in der Dunkelheit. Ich träume ja nur.

Da knallt irgendwo eine Tür und reißt mich aus dem Schlaf, zurück in die Wachsamkeit. Ein herrlicher Morgen. Ich sitze am Küchentisch und es ist Sommer, ein wunderschöner Tag. Irgendwas war, es hat mich aufgewühlt, aber ich habe es wohl vergessen, das weiß ich noch. Dieses Mal ist es stärker als sonst, doch es ist schnell in die Dunkelheit gerutscht. Mit meinen Gedanken suche ich nach Halt – da fällt mein Blick auf die beiden an meiner Seite.

Hin und wieder, wenn ich auf meinem Küchenstuhl sitze, sehe ich beide gleichzeitig in meinen Augenwinkeln.




„Kurz zu mir: Ich heiße Salia Jansen, bin 33 Jahre alt und seit meinem 2.Lebensjahr im SOS Kinderdorf Pfalz in Eisenberg (RLP) aufgewachsen, denn mit Gewalt und Vernachlässigung war ich leider schon in meinen ersten Lebensjahren konfrontiert. Ich bin heute gelernte Gymnasiallehrerin und arbeite im sozialen Bereich. 

Schon seit meiner Kindheit verfasse ich eigene Texte, da ich mich hier besser ausdrücken und meinen Gefühlen ein Gesicht verleihen kann. Als ich vor einigen Jahren eine mittelschwere Depression diagnostiziert bekam, hat mir das Schreiben auch sehr geholfen. Viele meiner Erfahrungen habe ich in Texten verarbeitet.“

Bisherige Veröffentlichungen:

Gedichte:

Dichter in der Anthologie der Frankfurter Bibliothek der Brentano Gesellschaft, 2017.

Vater & Sohn beim 4.Bubenreuther Literaturwettbewerb, Tredition Verlag, 2018

Jester & King in der Online Zeitschrift AlfaCafe, 2018

Sturmgewitter im Lyrischen Lorbeer, 2021

Kurzgeschichte Krieg dem Sekretär in der Experimenta






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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