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Nora Seeger für #kkl23 „Leitsterne und Irrlichter“




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Also, ja. Ein paar Worte zu meinem Leben …

Im Augenblick bin ich mir gar nicht so sicher, ob es wirklich noch mein Leben ist. Als ich es das Letze Mal sah, vor etwa drei Stunden, wirkte es schon wie das einer anderen. Dasselbe Gefühl hatte ich bereits gestern Mittag. Warum, weiß ich nicht.

Ich fürchte, jemand hat mein Leben entwendet, es in einen Karton geworfen – höchstwahrscheinlich einen für Schuhe -, einen Deckel halb darübergestülpt und es verschleppt. Womöglich mithilfe eines grässlich zerknautschten Beutels. (Niemand bügelt Beutel.) Oder versteckt unter einem Herrenmantel in Übergröße, der nun mit seinem bärtigen Besitzer durch die Straßen irrt und von einer überfüllten U-Bahn in die nächste taumelt. Und überall knirscht es und riecht nach feuchtem Schirm.

Oder es ist weggehuscht, so flink wie kleine Tiere über nächtliche Straßen. Hinein ins Nirgendwo.

Das alles ist möglich. Genau weiß ich es nicht, denn ich war kurz eingenickt und habe nichts davon bemerkt. Vielleicht hatte ich sogar das Bewusstsein verloren. Das könnte ein Grund für die Gedächtnislücke sein. So etwas passiert häufiger als man denkt.

Was die Sache mit dem Deckel anbelangt, bin ich mir ziemlich sicher. Ich erkenne es am Licht, das vor drei Stunden noch anders war. Und erst gestern Mittag! Da war es heller, fast neongelb.

Die Wege, die Himmelsrichtungen, die Sterne, alles ist durcheinandergeraten. Jetzt sind die Wolken aus Pappe, so wie auch die Birke im Innenhof, deren Laub von den Ästen herabhängt wie feuchte Damenunterwäsche. Das Moos auf den Dächern gegenüber, regennass und schön, ein Bild aus einem Fotoband, den ich niemals kaufen würde. Ein Hund bellt und es klingt wie ein sehr kleines Motorrad, das nicht anspringt. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt, wer weiß.

Überall wallt Nebel und vor lauter Dunst erkenne ich nichts von dem, was noch nie da war. Ich versuche, über den Rand des Kartons zu linsen, doch es klappt nicht. Mein Fußbänkchen ist ebenfalls verschwunden. Auf und davon mit meinem Leben. Verdammt.

Aber ich lasse mir vorerst nichts anmerken und marschiere weiter drauflos, wie all die anderen, die auch nur so tun als ob. Vorbei an der weihnachtsblinkenden S-Bahn und den Jungs mit den Bierflaschen, die vermutlich das gleiche Problem haben wie ich. Zumindest versuche ich, hier wegzukommen und das wiederzufinden, was ich mir vorgestellt hatte. Damals, als es noch etwas gab, zu dem ich herüberschauen konnte.

Gern würde ich ein paar Knöpfe drücken, aber der Schuhkarton ist veraltet. Schade. Ich lasse die Arme sinken und sehe mich um.

Hier und da liegen verstaubte Teppiche auf den Lampenschirmen. Niemand scheint zu bemerken, dass ich keinen Tee trinke. Und dass nur, weil niemand anwesend ist, der es bemerken könnte. Alle Personen sind aus meinem geraubten Leben gepurzelt, wie die Figuren aus einem Brettspiel für angetrunkene Erwachsene. Jetzt lungern sie weiß Gott wo herum und hüllen sich in bockiges Schweigen. Ich verstehe sie vollkommen.

Alles ist so unübersichtlich.

Und trotzdem da.

Mein Leben ist widerborstig wie ein Stift aus Kautschuk, dessen Miene einknickt, sobald man ihn benutzen will. Es lebt und atmet und hat ein irrsinnig weiches Fell. Manchmal beißt es. (Ich hoffe, es zerfleischt seine Entführer!) Zufällige Finder sollten sich nur mit größter Vorsicht nähern.

Ob ich es suchen sollte?

Vielleicht taucht es ja eines Tages von allein wieder auf? Schließlich liebt niemand mein Leben so wie ich.

Bestimmt kehrt es zu mir zurück.

Ich kann warten.




Nora Seeger ist eine im Geheimen wirkende, nicht rauchende sowie hartnäckig Kuh- durch Hafermilch substituierende Autorin, die laut inoffizieller Dokumente irgendwann im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts in der lößbedeckten Hügellandschaft Ostdeutschlands geboren wurde. Aus unerfindlichen Gründen lebt sie seit vielen Jahren in Berlin, einer Stadt, die das Ranking jener Orte anführt, an denen die Menschen häufig zugleich arm, mies gelaunt und inadäquat gekleidet sind. Aller widrigen Umstände zum Trotz erfreut sich Nora Seeger dort bester Gesellschaft.





Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Suchanzeige

  1. Liebe Nora,
    Welch genialer Text, der mir regelrechte Freude bereitet. Deine Lyrischen Bilder, hintergründig und auch humoresk, wenn ich so sagen darf..wirklich ein Spaß, am heutigen 4ten Advent….einen herzlich Gruß vom Chemiestandort Leverkusen..
    Eine gesunde und friedliche Weihnacht..wünscht
    Ann Kristin Bartke

    Gefällt 1 Person

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