Der rote Stern

Anja Stürzer für #kkl23 „Leitsterne und Irrlichter“




Der rote Stern

Vier Tage, höchstens fünf, hatte der Mann mit der Maske gesagt. Immer geradeaus auf die Berge zu. Die Passhöhe kannst du nicht verfehlen, alle Spuren laufen darauf zu. Dahinter ist das Camp. Genug Wasser mitnehmen, damit du durch die Wüste kommst. Und eine Jacke für die kalten Nächte. Siehst du den roten Stern dort, knapp über dem Horizont? Das ist dein Orientierungspunkt.

Wenn du einen Jeep hörst, verschwinde von der Straße.

Inzwischen war es Tag sieben, und der Wasserkanister war leer. Die schroffen Felswände rechts und links warfen scharfe Schatten. Nachts war der Stern nicht mehr zu sehen. Es gab ohnehin nur den einen Weg, dem er folgte, Serpentine um Serpentine, immer höher hinauf in das Gebirge. Vier Mal hatte er sich abseits der Schotterpiste flach auf den Boden geworfen, als sich ein Geländewagen näherte.

Einmal hatte er in der Ferne Schüsse gehört.

Der Durst war mittlerweile kaum noch zu ertragen. Längst hatte er die Baumgrenze hinter sich gelassen. In den Steilwänden schimmerten schmutzige Schneefelder. Er hatte versucht, hinaufzuklettern, doch im Geröll riss er sich die bloßen Füße auf. Tief unter den Steinen hörte er unerreichbar Wasser rieseln. Das war schlimmer als die Folter. Es hatte kein Fenster gegeben in dem Raum, in dem er eingepfercht gewesen war. Keine Sonne am Tag und keinen Stern in der Nacht.

Nur eine Zeit der Angst und eine Zeit des Schmerzes, die sich abwechselten.

Spät abends erreichte er die Passhöhe mit dem Schlagbaum. Vor ihm lag ausgebreitet die Freiheit. Ein kalter Wind fegte über die Felsen und fuhr ihm unter die Kleider. In weiter Ferne glitzerten unten im Tal winzige Lichter. Das war das Camp. Darüber glühte rot der Stern, der ihm den Weg wies. Als er den ersten Schritt machte, stolperte er und fiel der Länge nach hin. Seine aufgeschürften Hände brannten. Er richtete sich wieder auf, konzentrierte sich auf den dunklen Weg und machte sich an den Abstieg.

Schritt für Schritt wuchs in ihm die Hoffnung.

Im Morgengrauen sangen die Vögel. Er kniete am Ufer des Flusses und schlürfte gierig Wasser aus den zu einem Becher geformten Händen. Der ausgetretene Pfad führte durch dichtes Gestrüpp. Irgendwo vor ihm musste es eine Furt geben oder vielleicht eine Brücke. Der Mann mit der Maske hatte den Fluss nicht erwähnt, aber die Spuren waren eindeutig. Viele Menschen waren schon hier entlang gelaufen. Am jenseitigen Ufer, dort, wo das Camp lag, hörte er laute Rufe. Er richtete sich auf und blickte erwartungsvoll über den Fluss.

Den Schuss, der ihn traf, hörte er nicht mehr.





Anja Stürzer studierte Englische und Italienische Literaturwissenschaft, war Journalistin und Filmkritikerin und veröffentlichte u.a. das Sachbuch Shakespeare – Einführung sowie das mehrfach ausgezeichnete Kinderbuch Somniavero. Sie arbeitet wissenschaftlich zum Thema Fantasy, schreibt phantastische Kurzgeschichten und lebt mit Familie, Hunden und Katzen in einem Öko-Haus in Hamburg.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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