Soziale Erwünschtheit vs. Verletzlichkeit

Lia Pipa für #kkl24 „Erlauben“




Soziale Erwünschtheit vs. Verletzlichkeit

Vor ein paar Jahren habe ich im Rahmen einer Fortbildung folgendes Kompliment erhalten: “Ich bewundere den Zugang, den du zu deinen Emotionen hast. Den hätte ich auch gerne.” Das fand ich spannend. Ein Gruppenmitglied erzählte damals eine tragische Geschichte. Ich ergänzte, dass ich mich in der Situation gewaltig überfordert gefühlt hätte, mich schämen würde und wahrscheinlich kurz vorm heulen wäre. Mehrere Augenpaare trafen mich. Stille. Es schien mir, als wäre mein Beitrag nicht sonderlich sinnvoll gewesen. Ich hatte damals nach meiner Depression gerade wieder Land gewonnen. Jeder Betroffene weiß, Depressionen sind scheiße. Trotzdem bieten die unangenehmsten Erfahrungen oft die größten learnings: Wenn es dir richtig schlecht geht, ist da plötzlich kein Platz mehr, um es irgendwem recht zu machen. Da ist kein Platz mehr, um sich zu verstellen, oder sozial erwünscht aufzutreten. Buchstäblich am Sand ist man dazu gezwungen sich mit sich selbst zu beschäftigen. Schattenarbeit at its best. Ein intensiver Prozess, bei dem man sich intensiv mit seiner Innenwelt auseinandersetzen darf. Einer der Gründe warum es mir schlecht ging, war, dass ich glaubte, ich müsse immer funktionieren und gut gelaunt sein. Schließlich, will man nicht schwächer, emotionsinstabiler oder weniger belastbar sein als “alle” anderen. Dabei sind Unsicherheiten, Scham, Traurigkeit, Wut, Neid, Überforderung und die ganze restliche Palette, die sich für uns unangenehm anfühlt, etwas das jeder kennt. Es spricht nur niemand darüber. Aus Angst davor dann nicht mehr für voll genommen zu werden. Als wäre Schwäche per se etwas Schlechtes. Im Herbst fallen die Blätter auch vom Baum damit im Frühling neue Triebe sprießen können. Niemand zeigt deshalb auf ein fallendes Blatt und schreit “Ha ha, du Loser!” In der Fortbildung wurde mir bewusst, dass Vulnerabilität Verbundenheit auf tieferer Ebene ermöglicht. Weil, innen drinnen sind wir alle verletzlich. Zu sehen, dass wir damit nicht alleine dastehen tut uns gut. Zu sehen, dass sich auch andere hin und wieder unsicher fühlen oder überfordert sind, zeigt uns, dass das okay ist. Zu sehen, dass wir alle manchmal eifersüchtig, schamgeplagt oder ängstlich sind, macht uns menschlich. Außerdem verbindet es uns mehr mit uns selbst. Wenn ich weiß, wer ich mit all meinen Stärken und Schwächen bin, kann mir das niemand mehr nehmen. Außerdem haut es mich nicht aus den Latschen, wenn mir jemand meine Schattenseiten vor den Latz knallt. Bewusste Aspekte meines Seins, die ich gut integriert habe, stören mich nicht. Somit bieten sie auch keine Angriffsfläche, die mich verletzen könnte. Nach der Stille-Pause in der Fortbildung haben sich übrigens tolle, echte und verletzliche Gespräche ergeben. Der Raum war plötzlich offen für Authentizität. Das hat uns unterm Strich vermutlich allen mehr gebracht, als die ewig gleichen sozial erwünschten Antworten, die eh schon jeder kennt.




Lia Pipa, Baujahr 1987, ledig, Salzburgerin. Ein bisschen Ronja, ein bisschen Pippi und ganz viel Sternenstaub. Das innere Kind zelebrierend, gehe ich mit offenem Herz durchs Leben. Mit einer gehörigen Portion Humor kreire ich unverblümt, ehrliche Bilder des alltäglichen Lebens. Immer auf der Suche nach der Stille in mir, lausche ich dem Universum und lasse mich dabei von Menschen, Erlebnissen und Geschichten inspirieren. Im Herzen durch und durch Idealistin liebe ich es zu philosophieren. Ich hänge Tagträumereien und Gedankenmalereien nach und versuche dabei Antworten für Großes im Kleinen zu finden. Ich habe schon als Kind gerne geschrieben.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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