Warum erlaube ich mir nicht einfach zu Leben?

Eileen K für #kkl24 „Erlauben“




Warum erlaube ich mir nicht einfach zu Leben?

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Artikel 1,
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte *

Jeder Mensch hat das Recht auf Nahrung – so steht es doch in den Menschenrechten oder?

„Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung (…)“ Artikel 25 *

Jeder hat das Recht auf Nahrung – Jeder außer mir.

Jeder hat ein Recht darauf zu Leben – so steht es doch in den Menschenrechten oder?

„Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Artikel 3 *

Jeder hat ein Recht zu Leben – jeder außer mir.

Ich bin zu viel. Ich muss mich isolieren. Ich muss weniger werden. Ich muss verschwinden.
Ich darf nicht essen. Ich darf nicht leben. Ich darf keinen Raum einnehmen.
Warum erlaube ich mir nicht einmal die Menschenrechte? Warum erlaube ich mir nicht einfach zu Leben?

Ich schade meinem Umfeld. Ich bin zu viel. Ich nehme zu viel Raum ein.
Ich bin ein Monster.

Mein Alltag wird von zahlreichen ungeschriebenen Regeln und Verboten bestimmt. Schritte die ich erreichen muss. Kalorien, die ich nicht überschreiten darf. Kompensationsmechanismen, die ich ergreifen muss, falls ich die vorherigen Regeln nicht einhalte. Ich bin streng mit mir, erlaube mir wenig – und warum? Warum schaffe ich es nicht mir meine menschlichen Grundbedürfnisse einzugestehen? Was unterscheidet mich von meinen Mitmenschen? Was macht mich zu dem Monster, als welches ich mich selber im Spiegel wahrnehme?

Ich verdiene es nicht einen Therapieplatz zu haben; ich verdiene es nicht in einer Klinik behandelt zu werden; ich verdiene es nicht Hilfe zu bekommen.
Doch ist dies wirklich meine Entscheidung? Unterstelle ich auf diese Weise nicht indirekt meinem Gegenüber, er könne nicht beurteilen, ob ich die Behandlung benötige?

Ich bin wohl einfach manipulativ. Sie sehen eine bessere Version von mir; sie glauben einfach an das Gute in anderen Menschen.
Ich bin das Problem. Ich bin das Monster. Ich erlaube mir nicht die Hilfe anzunehmen.

Aber warum? Was macht mich so schrecklich? Warum erlaube ich mir nicht zu Leben?

Ich darf niemanden verletzen. Ich darf niemanden belasten. Beerdigungen sind teuer- ich darf nicht sterben. Ich darf nicht leben. Also überlebe ich. Ich isoliere mich. Ich ziehe mich zurück. Ich existiere in meiner eigenen Blase vor mich hin. Aber ich erlaube mir nicht diese zu verlassen.

Aber warum?
Warum?
Ich weiß es nicht.

„Du bist empathisch. Du bist unterhaltend. Du bist offen. Irgendwie fällt es mir leicht mit dir darüber zu reden. Du bist gut darin zuzuhören. Es ist inspirierend, wie offen du diese Tabus brichst.“

All dies sagen sie zu mir. Lügen sie mich an? Warum sollten sie mich anlügen? Warum habe ich auch jetzt das Gefühl, dass ich sie sicherlich irgendwie manipuliert haben muss? Vielleicht wollen sie auch einfach nur höflich sein?
Ich bin das Problem. Ich bin das Monster. Sie sind alle ohne mich besser dran.

Doch es obliegt nicht meiner Verantwortung zu entscheiden, wie mein Gegenüber mich wahrnimmt. Ich kann nicht verhindern, dass sie mich vermissen.
Wenn ich mir das Leben verbiete, verbiete ich gleichzeitig dem kleinen Kind, welches ich einmal war eine Zukunft zu haben. Ich nehme der Tochter meiner Eltern ihre Träume. Ich nehme der Enkeln meiner Großeltern die Chance darauf die Welt zu erkunden. Ich nehme der Freundin meiner Freunde die Möglichkeit eine Vertrauensperson für sie zu sein.

Es liegt außerhalb meiner Macht zu entscheiden, wie mich mein Umfeld wahrnimmt. Ich kann mein Verhalten beeinflussen, aber ich kann nicht beeinflussen, welch eine Bedeutung ich in ihrem Leben habe. Ich kann mich so viel isolieren, wie ich möchte, aber ich kann meine Existenz nicht einfach rückgängig machen. Ich kann ihre Erinnerung und die damit verbundenen Verknüpfungen nicht aus ihren Gehirn löschen.
Warum erlaube ich ihrer Tochter, Freundin, Enkelin oder Schwester nicht am Leben teilzunehmen? Warum erlaube ich ihr nicht neue Erfahrungen zu sammeln? Warum erlaube ich ihr nicht die Rechte, welche ich jedem anderen Menschen auf diesem Planeten (und außerhalb) zugestehe? Warum erlaube ich es ihr nicht, wenn ich nicht einmal genau sagen kann, warum sie weniger wert ist?

Warum?

Warum erlaube ich mir nicht einfach zu Leben?



* https://de.m.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte




Eileen K. ist im Jahr 2000 geboren und studiert aktuell Philosophie und Bildungswissenschaften. Seit über sechs Jahren kämpft sie mit schweren Depressionen,  Essstörungen und einer sozialen Phobie. Aufgrund ihrer Erkrankungen hat sie bereits zwei längere stationäre Aufenthalte hinter sich.
Ihre Erfahrungen mit diesen Erkrankungen verarbeitet sie seit ihrer Schulzeit in Form von kreativen Texten. Hier hat sie eine Möglichkeit gefunden unangenehme Gefühle und Gedanken in künstlerischer Form auszudrücken.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Warum erlaube ich mir nicht einfach zu Leben?

  1. Wie mutig, dich so offen mit deinen Verletzungen zu zeigen. Mein tiefes Mitgefühl und Verständnis. Wenn du an ehrlichen, ganz persönlichen Antworten interessiert bist, dann hätte ich hier einen Tipp für dich: google mal: Die Heilbegleiter in Krempe. Eine Alternative/Ergänzung zur Therapie. Ich spreche und schreibe aus Erfahrung. Alles Liebe

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