Blaue Füchse sind erlaubt

Sophie Feige für #kkl24 „Erlauben“




Blaue Füchse sind erlaubt

Es war einer dieser wenigen Nachmittage, an denen ich früher nach Hause kam. Mit leicht zittriger Hand sperrte ich die Haustür auf und hielt kurz inne. Das staccatoartige Kläffen unseres Terriers ebbte kurz ab. Nur um bei meinem Eintreten wieder anzuschwellen.

„Ich bin zuhause“, verkündete ich. In Wahrheit war es kaum mehr als ein heiseres Krächzen.  Der Arbeitstag hatte mich geschafft, sodass ich nur geistesabwesend den Hundekopf tätschelte. Dazu musste ich mich bücken, was mich beinahe das Gleichgewicht kostete. Haiko war kaum zu halten. Unbändige Wiedersehensfreude und Erregung prallten in seinem knuffigen Hundegesicht aufeinander. Ich musste mich zuerst abstützen.

Eigentlich war es sinnlos, sich anzukündigen. Immerhin hatten wir eine vierbeinige Alarmanlage. Aber ich hatte es mir angewöhnt, um die Kindermädchen nicht zu verschrecken. Ich legte den Kopf in den Nacken und dachte nach. Heute war Mon… nein Dienstag! Leonore war also hier.

In der Tat hatten wir zwei Nannnys für ihre Tochter, die abwechselnd einsprangen. Leo erst seit kurzem. Eine engagierte Dreißigjährige, die sich neu orientieren wollte. Mir hatte es gefallen, dass die hübsche Brünette, ihren Job als Sekretärin gekündigt hatte, um mit Kindern zu arbeiten. Sie strahlte etwas Sympathisches aus. Nur Anna, meine Tochter hatte Schwierigkeiten.

Der Geruch nach buttrigen Pfannkuchen schlug mir entgegen, als ich das Wohnzimmer betrat. Haiko wuselte zwischen meinen Beinen herum, was mich fast ins Stolpern brachte.

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Schon war Leonore da. Ihre tiefblauen Augen weiteten sich besorgt, sodass fast nur die dunkle Pupille zu sehen war. Müde winkte ich ab. Aber da hatte ihre Angestellte schon kehrtgemacht. Mit einem randvollen Wasserglas, das beinahe überschwappte, kehrte sie sogleich zurück. Ihr Wohnzimmer, das Herzstück des Hauses war dank der riesigen Fensterfront lichtgeflutet. Einzig eine Gestalt saß am Esstisch. Da sie von hinten angestrahlt wurde, konnte ich Annas Gesichtszüge kaum erkennen. Eine tiefe Zornesfalte schien sich auf ihrer Stirn gebildet zu haben. Dazu passten die Fäuste, die sie trotzig geballt hatte. Der kleine Kobold schien kaum eine Notiz von mir zu nehmen. Selbst als ich die Hände austreckte, blieb meine fünfjährige Tochter sitzen.

„Sind wir nicht gut drauf?“

„Wir haben einen kleinen Disput.“

Leos und meine Sätze überkreuzten sich in der Luft. Heraus kam ein seltsames Gewirr, das kaum zu verstehen war. Trotzdem war das letzte Wort zu hören. Ich legte den Kopf schief. Das Wort Disput kam mir seltsam im Zusammenhang mit einem Kind vor. Oder hatte Leonore es nur benutzt, damit die Kleine sie nicht verstand. Zerstreut fuhr ich mir durchs Haar. Wirre Strähnen hatten sich aus meinem strengen Knoten gelöst, der mir den ganzen Tag Kopfschmerzen bereitete. Es ging mir nicht gut und …  ja Pfannkuchen mit Ahornsirup wären die Lösung gewesen.

Wie-kann-ich-helfen schien mein Blick zu sagen. Etwas blitzte in Leos Augen auf, dass ich nicht zuordnen konnte. Oder wollte. Frustration? Gut Anni konnte ein bisschen …

„Wääh, ich esse das nicht!“

„Schätzchen, wollen wir –“

„Nein!“

Kompromissbereit wie immer. So war meine Tochter. Inzwischen hatte ich mich an den Tisch gesetzt. Plumpsen lassen, traf es eher. Eine beginnende Migräne ließ meine Bewegungen abgehackt wirken. Sanft streckte ich meine Hand aus. Anna ergriff sie nicht. Aber sie schlug auch nicht danach. Ein Fortschritt? Wir würden sehen.

Mit einem liebenswürdigen Lächeln im Gesicht gesellte sich Leo zu uns. Es wäre mir noch lieber gewesen, wenn sie mir einen Teller mit Resten gebracht hätte. Aber das war wohl zu viel verlangt.

„Die sehen doch köstlich aus“, versuchte ich das miesgelaunte Monster, das meine Tochter war, aufzuheitern. Mit bloßen Fingern langte ich nach ihrem Teller. Sie zog ihn weg. Mist. Dabei hatte ich Hunger.

„Was ist denn passiert?“ War das meine schleppende Stimme? Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, brach mein Mädchen in Tränen aus. Annabelles Krokodiltränen kannte ich bereits. Aber das hier waren keine. Ihr Schluchzen war nicht gespielt.

„Leo sagt, ich lüge! Aber ich lüge nicht. Das stimmt … der Fuchs ist da. Genau da!“

Herzzerreißende Laute zerschnitten die Luft. Die Mama in mir wollte sofort zu ihr eilen. Anni in den Arm nehmen und nie wieder loslassen. Aber es hatte sich gezeigt, dass sie sich noch mehr hineinsteigerte. Neben mir stand Leo. Noch immer hatte sie sich nicht hingesetzt, was mich nervös machte. Ihr sprühfeuchter Atem kitzelte meinen Nacken.

„Annabelle behauptet im Garten wären wilde Tiere …“ Weiter kam sie nicht. Erbostes Geschrei beendete ihren Satz. „Sie sind da! Der Fuchs ist da!“

Annis rundes Gesicht war vor Zorn zerknautscht, als sie aufstand. Heulend warf sie sich in meine Arme.

„Schhhhh, alles ist gut“, beruhigte ich sie und tätschelte ihren Kopf. Aus den Augenwinkeln erkannte ich, wie das Kindermädchen die Schultern straffte. Den missbilligenden Zug um ihren Mund bildete ich mir nicht ein. Auf meine Aufforderung hin, setzte sie sich mir gegenüber.

Ich stöhnte innerlich. Eigentlich hatte ich angenommen zuhause abschalten zu können. Aber das ging nicht. Zumindest konnte ich diese Diskussion schnell beenden.

„Ach so, das ist Blue. Ihr Kuschelfuchs, den sie mit nach draußen nimmt.“ Streit geschlichtet. Zumindest fast.

„Sie erlauben ihrem Kind, dass es Plüschtiere in den Garten trägt?“ Da war es. Einer dieser Sätze, die vorn ein `Sie erlauben´ und hinten eine verbale Spitze hatten. Allgemein schien das Thema Erlauben in der Kindererziehung eine solche Haarspalterei zu sein, dass regelmäßig Internetfeeds geschlossen und Mütter getrennt werden mussten, um Schlimmeres zu vermeiden. Ich seufzte. Schon wieder.

„Ja, das tue ich.“

Meine Antwort schien Leo zu überraschen. Ihre Schultern sackten nach vorne.

„Mama, du siehst ihn doch auch. Jetzt steht er bei der Schaukel.“ Annas Zeigefinger wackelte aufgeregt hin und her.

„Ja, das tue ich. Blue ist heute aber wild.“

„Und wie er schaukelt … immer höher“, quietschte Anna vergnügt. Hellauf begeistert, dass ich auf ihre Geschichte einging, klatschte sie in die Hände. Leonore unterbrach unser euphorisches Spiel.

„Das können Sie nicht ernst meinen?“ Da war dieser Unterton. Ich hoffte, dass mein Gesicht immer noch ein Lächeln zeigte. Sicher war ich mir nicht mehr.

„Doch das tue ich. Auf keinen Fall schränke ich die Fantasie meiner Tochter ein.“ Kurze Pause. „Das sollten Sie auch nicht tun.“ Der erste verbale Pfeil war abgeschossen. Innerlich wappnete ich mich auf die Retour. Die kam prompt.

„Meine Kinder würden nie so einen Blödsinn erzählen dürfen!“

„Sie haben aber keine.“ Das hatte gesessen.

Um meine Aussage abzumildern, fügte ich hinzu. „Es geht doch nur um einen blauen Fuchs.“

„Es geht nicht um den verdammten Fuchs!“ Sowohl ihre Stimme als auch Leo selbst schossen in die Höhe.

„Es geht darum, was Sie ihrer Tochter erlauben.“

„Eben. Was ICH ihr erlaube.“ Jetzt war der Punkt überschritten. Nun gab es kein Zurück mehr. Anni wandte sich aus meiner Umarmung, aber ich hielt sie fest. Etwas zu fest.

„Da mache ich nicht mit!“, keifte Leo.

„Wie Sie wollen.“ Die Aussicht frische Pfannkuchen serviert zu bekommen, sanken damit gegen null. Trotzdem umspielte ein Lächeln mein Gesicht. Leos Miene schien schockgefroren.

„Wie können Sie diesen kindischen Blödsinn unterstützen?“

„Kindlichen Blödsinn“, korrigierte ich sie. „Ganz einfach, weil Anna ein Kind ist. Ein Kind mit viel Fantasie.“

„Eher mit Schizophrenie“, murmelte die Angestellte leise, aber nicht leise genug.

„Was erlauben Sie sich?!“, brach es aus mir heraus.

„Nein, was erlauben Sie ihr!“, schoss Leo zurück.

„Mami, erlaubst du mir einen Schokopudding?“, plapperte mein Mädchen dazwischen.




Spray-Painting Sophie Feige 2022




Dr. med. univ. Sophie Feige, Jahrgang 1997, wurde in Bayern geboren. Sie studierte Humanmedizin in Wien, wo sie bis heute lebt. Nebenbei widmete sie sich Schreibwettbewerben und veröffentlichte zwei Manuskripte im Traum3 Verlag. Ihre Texte sind reich an medizinischem Wissen und spannend gestaltet.

Instagram-Account: autorin_sophie_feige_






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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