Die sechs Schwestern

Cornelia Koepsell für #kkl24 „Erlauben“




Die sechs Schwestern

Ein kleiner Junge namens Bodo lebte allein unter sechs Schwestern. Er musste abwaschen, putzen, Kartoffeln schälen, Unkraut jäten, kochen, schrubben, Staubsaugen, Betten machen, Wäsche waschen und bügeln. Er arbeitete von früh bis spät. Seine sechs Schwestern hingegen verbrachten den lieben langen Tag im Freien, schaukelten, schlugen Purzelbäume, fuhren mit dem Fahrrad herum, spielten fangen und Sackhüpfen. Jeden Tag fiel ihnen etwas Neues ein.

Der kleine Junge schaute sehnsüchtig aus dem Fenster, das er erst gestern geputzt hatte, die Hände in der Seifenlauge, der Abwasch türmte sich vor ihm auf.

„Wenn ich fertig bin, darf ich dann hinaus zum Spielen?“ fragte er seinen Papa, der eine geblümte Kittelschürze trug und gerade Marmelade einkochte.

„Na gut, eine halbe Stunde“, sagte der. „Aber danach musst du wieder herein kommen und die Marmelade abfüllen. Ich habe keine Zeit, weil ich den Vortrag von der Mama abtippen muss.“

Bodos Herz vollführte einen zittrigen Sprung vor Freude. Er beeilte sich mit dem Abspülen, damit mehr Zeit zum Spielen blieb. Danach lief er so schnell er konnte zu seinen Schwestern. Sie spielten Räuberin und Gendarmin.

„Das ist nichts für kleine Jungen“, sagten sie, als er wenigstens ein einziges Mal ein Räuber oder ein Gendarm sein wollte. „Dafür bist du zu schwach und zu zart.“

Vielleicht, wenn er mehr Zeit gehabt hätte, dann hätten sie ihn mit spielen lassen, denn auch eine Räuberin braucht einen Mann, der ihr den Haushalt führt und den Rücken freihält.

Papa rief: „Bodo – komm rein.“

Es war Zeit zum Marmelade abfüllen. Papa hatte schlechte Laune, denn Mama hatte mit ihm geschimpft, weil er sich zwei Tippfehler geleistet hatte. Das ließ er an Bodo aus.

„Kannst du nicht aufpassen“, schrie er, als etwas Marmelade danebenging.

Still weinte Bodo vor sich hin und murmelte:

„Das ist kein Leben. So kann es nicht weiter gehen.“

Papa hatte spitze Ohren. Ihm entging nichts.

„Was beklagst du dich? Dir geht es doch gut. Wie kann ein kleiner Junge nur so undankbar sein?“

„Ich will ja nur spielen wie meine Schwestern. Warum dürfen sie den ganzen Tag toben und ich nicht. Das ist ungerecht.“

Jetzt wurde Papa fuchsteufelswild.

„Mit der Einstellung bekommst du nie eine Frau“, brüllte er. „So ist es nun mal. Dir wird schon noch eine die Ohren langziehen und dir solche Flausen austreiben.“

„Ich will ja gar keine Frau. Ich will spielen“, brüllte Bodo zurück.

Der Lärm lockte Mama in die Küche.

„Kann man in diesem Haus nicht in Ruhe arbeiten?“ fragte sie traurig.

„Er will nicht arbeiten. Er will nicht gehorchen. So kriegt er nie eine Frau“, schrie Papa.

„Mein Sohn, auch du wirst es lernen“, erklärte die Mama voll Güte. „Der Sinn des Lebens liegt im Dienen. Nur so wirst du dein Glück finden.“

Vereint standen die Eltern vor Bodo und blickten auf ihn herab. Er packte den halbvollen Topf mit Marmelade und kippte ihn den beiden vor die Füße.

„Das ist der Sinn des Lebens“, erklärte Bodo. „Marmelade“.

Er rannte hinaus zu den Schwestern. Diesmal ließen sie  ihn mitspielen.

Bodo wurde größer. Seine männlichen Attribute entwickelten sich.

„So kriegst du  nie eine Frau“, hatte ihm sein Papa wieder und wieder prophezeit, wenn er widerspenstig war, sich weigerte, abzuspülen, Kartoffeln zu schälen, Marmelade einzukochen. Dabei war es so wichtig eine Frau zu finden.

Hätte der Papa die Mama nicht bekommen und mit ihr zusammen sieben Kinder in die Welt gestoßen, dann wäre er sicher von der höchsten Klippe gesprungen, um sein sinnloses Leben zu beenden.

Auf keinen Fall wollte Bodo so werden wie sein Papa. Das war ja widerlich, so von einer Frau abhängig zu sein. Selbst ein Furz von der Mama erschien dem Papa wie das Wort Gottes persönlich.

Nein – er – Bodo würde sich nicht ein Leben lang danach sehnen und trachten, einer Frau Honig um den Busen zu schmieren, nur damit sie ihn nimmt, ihm ihren Namen gibt, ihm einen Platz in der Welt verschafft. War er – Bodo – nicht ein Mann, der auch ohne eine Frau etwas darstellte? So richtig war er nicht davon überzeugt.

„Ich will gar keine Frau. Ich will spielen“, so hatte er als kleiner Junge seinen Papa angeschrien und sich geweigert, weiter Marmelade abzufüllen.

In Wirklichkeit – das würde er Papa gegenüber niemals eingestehen – sehnte auch er sich nach einer Frau. Vielleicht wäre es sogar schön, wenn er für seine Geliebte Marmelade einkochte und sie ihn morgens beim Frühstück für seine Künste lobte.

„Ach ja“, seufzte Bodo, während er sich die liebliche Szene ausmalte. „Aber das darf ich niemals laut sagen“.

Schließlich lebte er in einem anderen Zeitalter als der Papa. Damals, als der Vater jung war, hatte das Marmelade einkochen noch gereicht, damit eine Frau ihre schützende Hand über einen Mann hielt.

Heute wurde anderes erwartet. Es war die Zeit der sexuellen Revolution.

Eduarda Kolle erklärte jedem Wissbegierigen im örtlichen Kino, was von einem befreiten Mann zu erwarten war. Er hatte die Pille zu nehmen und immer bereit zu sein.

Denn „wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment“.

Die wenigsten Frauen von heute wollten zum Establishment gehören. Danach hatten sich die Männer zu richten. Es sei denn, sie waren frustrierte Gockel.

Auch Bodos sechs Schwestern redeten dem Brüderchen gut zu, die falsche Prüderie abzulegen und sich der Befreiung, der Lust hinzugeben.

Bodo blieb im Grunde seines Herzens altmodisch und sehnte sich nach einer Frau, die nur für ihn da war, für ihn sorgte und auf ihn aufpasste. Er mochte es nicht, wenn immer wieder andere Frauen an seinen empfindlichsten Stellen herum grapschten.

Leider musste er mit der Zeit gehen. Er hasste es als frustrierter Gockel verspottet zu werden. Er musste sich sexuell befreien, ob er wollte oder nicht.

Da hatte es sein Papa verhältnismäßig einfach gehabt. Der musste nur einer Frau gefallen. Darauf konnte man sich im Laufe der Zeit einstellen.

Da Bodo auf keinen Fall so werden wollte wie der Papa, versuchte er allen Frauen zu gefallen, nicht nur seinen sechs Schwestern, sondern auch deren Freundinnen. Das war ungeheuer anstrengend.




Cornelia Koepsell

Jahrgang 1955

literarisches Schreiben seit 2002

über 100 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

Auszeichnungen: 3. Preis des Schwäbischen Literaturpreises 2011

3. Preis Frauen Literaturpreis 2014

3. Preis Berner Bücherwochen 2015

3. Preis Frauen Literaturpreis 2016 (Theaterstück)

1. Preis Kunsthaus Lisa 2021

Publikationsliste

Debütroman „Das Buch Emma“ , September 2013

Geest Verlag, ISBN 978-3-86685-409-3

Roman „Lauf weg wenn du kannst“ Juli 2017, Geest Verlag ISBN 978-3-86685-6097

Interview mit Cornelia Koepsell HIER






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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