Kann man Lyrik nach Auschwitz noch erlauben?

Luzie Neu-Zuber für #kkl24 „Erlauben“




“Lyrik nach Auschwitz ist nicht möglich”. Dies behauptete der Philosoph und Pädagoge Theodor W. Adorno.

Aber wie soll Lyrik nach Auschwitz nicht möglich sein? Solange es Dichter gibt, die dichten und denen wir auch erlauben dies zu tun, wird Lyrik möglich sein. Und wenn Adorno behauptet, dass man Lyrik nicht mehr erlauben könne, weil sie zu heiter sei, und man mit ihr die Brutalität und Grausamkeit des Holocaust nicht wiedergeben kann, dann kann man darauf nur antworten, dass Lyrik nicht immer heiter sein muss. Denn es gibt noch andere Epochen in der Literatur als die Romantik, in welcher Dinge eher verharmlost wurden. Lyrik und allgemein Sprache sind an keinerlei Regeln gebunden, selbst Rechtschreibung und Grammatik können außer Acht gelassen werden, denn es gibt die sogenannte “poetische Freiheit”. Das ist der Grund, warum Lyrik nicht immer Eichendorff sein muss, was ebenfalls durch viele Lyriker, wie z.B. Paul Celan und Nelly Sachs, bewiesen wurde. Diese schilderten ihre Erinnerungen an den Holocaust eindringlich in ihren Gedichten, und zwar keinesfalls auf romantische Art und Weise. Wenn Adorno meint, dass Sprache an sich schön sei, dann hat er damit recht. Aber Kunst ist auch schön. Müsste man dann nicht auch sagen, dass man Kunst nicht mehr erlauben könne? Und wohin würde das führen, wenn wir diese Gedanken weiterführten und ins Praktische übertragen würden? Dann würden wir unweigerlich wieder bei der “Entarteten Kunst” und den Bücherverbrennungen landen.

Wir leben in einem demokratischen Land, in dem jeder schreiben, malen und sagen darf, was er möchte, sofern es nicht die Würde eines anderen verletzt. Wie kämen wir denn dazu eine “Sprachpolizei” einzuführen, die es verbietet, Lyrik über den Holocaust zu verfassen und zu veröffentlichen, denn auch diese ist Lyrik nach Auschwitz.

Wir müssen auch einmal aus einer anderen Perspektive schauen als nur der, der Nachfahren der Täter. In unserem Gefühl der Schuld, die wir durch die Generationen hinweg weitertragen, sagen wir uns, dass Sprache bzw. Lyrik im Besonderen zu schön sei, um die Barbarei dieser Zeit gerecht wiederzugeben und zu vermitteln. Aber diese Gedichte sind nicht nur dazu da, dass wir uns in unserem schlechten Gewissen baden können! Sie stellen auch eine Form der Befreiung dar oder Therapie für die Überlebenden des Holocaust. So ähnlich formulierte es auch Erich Maria Remarque in einem Interview über sein Buch “Im Westen nichts Neues”. Er hatte dort seine traumatisierenden Erlebnisse als junger Soldat im Ersten Weltkrieg geschildert: “Die Erkenntnis einer Lage ist das beste Mittel, sich aus ihr zu befreien. Das fand ich auch in den vielen Zuschriften von Menschen meines Alters nachher bestätigt. Sie alle empfanden das Buch nicht als pessimistisch, sondern als befreiend, die Dinge, unter denen sie gelitten hatten, solange sie ihnen unbewusst waren, hatten die Gewalt über sie verloren, weil sie hier klar ausgesprochen waren.”

Zwar ging es dabei um den Ersten Weltkrieg – und ich möchte diesen und den Holocaust keinesfalls auf eine Stufe stellen – doch empfehlen viele Psychotherapeuten ihren Patienten ihre Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, wenn sie noch nicht darüber reden können. Der Umgang mit einem Trauma ist bei jedem individuell. Man hätte Remarque nicht zwingen können seine Erlebnisse in einem Gedicht zu verarbeiten, und umgekehrt hätte man Celan nicht vorschreiben können, dass er seine Erlebnisse in Romanform wiedergeben soll. Denn Dichter dichten, Schriftsteller schreiben und Künstler malen. Und das ist auch ihr gutes Recht!

Würde man ihnen dieses Recht nehmen, käme dies einer erneuten Demütigung gleich. Haben doch die Nationalsozialisten ihre Opfer, unter anderem, mit Sprache gedemütigt, so können wir doch diese Demütigung nicht durch das Verbot bzw. die Einschränkung von Sprache fortsetzen, indem wir ihnen verbieten zu reden. Denn der Spruch “Arbeit macht frei”, der über dem Tor des KZs Auschwitz hing, war als Demütigung gedacht. An sich erscheint er positiv, da man frei wird. Doch ist das Wort “macht” höher positioniert, als die Anderen und wird dadurch hervorgehoben. Dies soll anscheinend eine Anspielung auf die Macht des NS-Regimes sein. Man könnte zwar meinen, dass die KZ-Insassen wieder frei werden, nachdem sie sich totgearbeitet hatten, aber wenn man bedenkt, dass dieser Spruch von den Nationalsozialisten dort aufgehängt wurde, scheint diese Deutung doch recht fragwürdig. Daher bleibt nur noch die zynische Deutung, nämlich, dass sich die Gesellschaft auf diese Art von ihnen “befreit“ hätte. Dass das NS-Regime die Sprache für ihre Zwecke missbraucht hat, bedeutet nicht, dass sie nur für Lügen und Demütigungen benutzt werden kann, noch, dass sie durch diese Arten von Gebrauch zu “befleckt” wäre, als dass man sie nicht weiter verwenden könnte. Besonders, da besagter Spruch – wie vieles andere auch – nicht von den Nationalsozialisten erfunden worden war, sondern auch vorher schon existierte, nur mit einer anderen Bedeutung.

Aber zurück zur Lyrik. Lyrik soll den Anspruch haben die absolute Wahrheit wiederzugeben und dies sei bei Auschwitz nicht möglich. Dabei ist es nie möglich die absolute Wahrheit wiederzugeben. Selbst, wenn man uns mit einer Zeitmaschine in diese Zeit zurückschicken würde, so könnten wir immer nur einen Teil der Wahrheit erfahren. Nämlich den, den wir durch unsere perspektivische, subjektive Sicht erkennen können. Deshalb ist es unmöglich eine absolute Wahrheit zu erfahren. Selbst Lyrik ist dazu nicht im Stande. Wir können uns lediglich der Wahrheit annähern, indem wir unterschiedliche Formen der Berichterstattung nutzen. Und Lyrik ist dabei eine sehr wichtige Form, denn dadurch, dass sie nicht immer ganz eindeutig zu verstehen ist kommt man mit anderen Menschen darüber ins Gespräch und kann sich über die verschiedenen Interpretationen austauschen. Außerdem überdauert Lyrik viele Generationen. Während Zeitzeugen sterben, kann man selbst nach über hundert Jahren über Lyrik noch nachvollziehen, wie die Menschen damals gedacht haben müssen.

Daher kann man nicht einfach sagen, dass man Lyrik nicht mehr erlauben kann, da sie zu schön ist, um nach einer Barbarei wie Auschwitz noch verwendet werden zu können. Nur, weil grausame Dinge in der Welt passieren, kann man nicht sagen, dass sich niemand mehr freuen darf. Menschen brauchen Schönheit, ohne sie kann man nicht überleben. Denn, wenn das Leben zu grausam wird, greifen die Abwehrmechanismen in unserem Gehirn und wir fangen an jegliche Schuld von uns zu weisen. So wie in der Nachkriegszeit die Heimatfilme populär wurden, die den Menschen eine heile Welt vorgegaukelt haben, würde man sich auch heute an alles Schöne klammern, wenn wir dauerhaft ein schlechtes Gewissen haben sollten.

Lyrik und Sprache im Allgemeinen sind notwendig für unser Zusammenleben. Und zwar in einer unzensierten Form, sonst sind wir nicht besser als jedes x-beliebige Terrorregime.




Luzie Neu-Zuber






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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