Abschied ohne ein Wort

Aimée Goepfert für #kkl25 „Raum“




Abschied ohne ein Wort

Die ersten drei Wochen waren die härtesten. „Wenn ich die drei Monate danach geschafft habe, dann habe ich es wirklich geschafft von ihm loszukommen“ dachte ich damals.

Ich habe wirklich gelitten in der Zeit nachdem ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Doch dann kam der Tag an dem es besser wurde. Es war Tag 15, nachdem ich den Ort verlassen hatte, der mir einst so am Herzen lag. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich an diesen Platz nie wieder zurückkehren werde, hätte ich ihm das nie geglaubt. – Nie.

Aber jetzt sind es schon fast zwei Monate – eine gefühlte Ewigkeit.

Gestern war auch noch Valentinstag und er hat immer noch nicht locker gelassen. Zwei Mal rief er an und sprach mir auf die Mailbox. Ich solle mich doch endlich bei ihm melden. Er war liebevoll, bis auf diesen subtilen Unterton und dann wurde er wieder vorwurfsvoll und beleidigend meiner Person gegenüber.

Nach drei Wochen meiner letzten Abreise meldete er sich zum ersten Mal, was mir wie eines seiner Machtspielchen vorkam. Um es ganz in der Hand zu haben, wie oft wir miteinander Kontakt haben. „Ich habe dich wirklich gern und du bist wirklich ein wertvoller Mensch. Und ich verbringe gerne Zeit mit dir.“ waren einige seiner Worte. Und dann kam das: „Aber die richtige Dosis muss es zwischen uns haben, damit so etwas wie heute nicht noch mal passiert.“ sagte er abends zu mir, als ich aus der Notaufnahme aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Was soll es denn für eine Dosis geben für gesunden Kontakt innerhalb einer „zwischenmenschlichen Beziehung“? Eine feste Beziehung mit mir wollte er nicht, gab er mir immer wieder in regelmäßigen Abständen zu verstehen. Er will sich nicht festlegen, sich offen halten auch noch etwas mit anderen Frauen zu haben.

Er warf mir hingegen vor, dass ich eine feste Beziehung mit ihm wolle, drehte mir die Worte regelrecht im Munde um. Das kam immer häufiger vor, bis ich irgendwann dachte, dass er Recht hat und ich falsch bin. Das Wort „feste Beziehung“ hätte ich mir im Leben nicht getraut vor ihm in den Mund zu nehmen.

Es wurde ein Leidenskreislauf zwischen Nähe und Distanz und ich wusste nicht, wie ich daraus kommen kann. Ich merkte mit den Wochen, dass es mir immer wieder nicht gut ging mit ihm, aber da war es schon zu spät. Ich kam nicht von ihm los. Ich war mittendrin in der Hölle.

Ich wäre immer wieder zu ihm zurückgekehrt. Es gab nur eine Möglichkeit, um mir selbst Raum zu geben, um mir gesunde Luft zum Atmen zu schenken.

Ich musste es radikal mit ihm beenden. Ich durfte nie wieder zurückkehren. Ich litt und doch wollte ich ihn so sehr. Das macht es so schwer, weil es auch so viele schöne Momente mit ihm gibt.

Wenn ich glücklich sein will, darf ich definitiv nie wieder in seinen Raum zurückkehren. Das sagte mir meine innere Stimme so klar und deutlich, bis ich anfing auf sie zu hören.

Es gab kein Zurück mehr.

Er würde es an meinem Verhalten erkennen, dass ich eine feste Beziehung will, beteuerte er. Also war ich Schuld an unseren Reibereien für ihn.

Ich war noch schwach auf den Beinen und klopfte an seiner Zimmertür. Es war schon fast 21:00 Uhr. Und tatsächlich öffnete er mir in seinem sexy olivfarbenen T-Shirt und schwarzer Boxershorts die Tür. Er sah atemberaubend aus, frisch geduscht, zog er mich förmlich in seinen Sog hinein.

Ich wollte ihn sofort berühren und mit ihm Eins sein. Ich war süchtig nach seiner Nähe.

Mit ein paar von den anderen Volontären hatte ich vorher noch im Speisesaal gesessen und einen „Welcome – Back Tee“ getrunken. Als ich am Hintereingang aus dem Auto ausgestiegen war, sagte Elisabeth noch zu mir: „Pass auf dich auf, emotional. Und schlaf dich endlich mal aus.“

Ich bedankte mich aus tiefstem Herzen bei ihr, dass sie mich abgeholt hat. Sie war unglaublich fürsorglich, hat mir sogar ein Käsebrot mitgebracht, damit ich gleich im Auto etwas essen konnte. Hungrig, ausgelaugt schätzte sie mich ein. Das Abendessen hatte ich schließlich verpasst und mein Teller vom Mittagessen stünde auch nicht mehr am Platz auf dem Tisch.

Ich stehe im Türrahmen vom Speisesaal und stocke innerlich, den Raum zu betreten, da wo es vor geraumen acht Stunden passierte – eine halbe Ewigkeit, als ob ich eine Fremde hier sei, so fühlt es sich an.

Ich schaue auf den Boden und sehe mich förmlich selbst zusammengekauert, zitternd, krampfend, schluchzend vor mir liegen, nachdem ich den letzten Schrei von mir gegeben habe. Nicht zu wissen, ob ich meinen nächsten Atemzug noch bewusst erleben werde, zitterte ich vor mir hin. Seinen Namen soll ich geschrien habe, bevor ich umgefallen bin. Es muss wie ein Hilfeschrei gewesen sein – nach Nähe – nach Aufmerksamkeit – nach Liebe.

Mein Ziel war es noch, bis zur Toilette zu kommen, um mich dort auszuheulen. Aber dafür zogen genau hier meine Füße mir den Boden weg und kurze Zeit später weinte ich krampfend nur noch und der Atem stockte in mir. Ich sah sie beide vor meinem inneren Auge – es war Schwarz.

Die Augen konnte ich beim besten Willen nicht öffnen und ich war kurz vorm Wegdösen, als die Rettung eintraf.

Sie hatten mich alle ausgefragt, ob mir so etwas schon Mal passiert sei und dann wollten sie noch wissen, an was ich mich davor noch erinnern kann. Das wollten sie regelrecht aus mir herausquetschen. Es kam mir wie ein Verhör vor und am Ende wird es gegen dich verwendet. Und genau so war es auch. Meine Augen konnte ich immer noch nicht öffnen.

Da erzählte ich so tief aus mir heraus, dass ich meine eigene Stimme kaum erkannte und würgte dabei: „Die letzten Nächte habe ich kaum geschlafen, die letzte überhaupt nicht.“

Ich hatte Panik, dass es vorbei ist mit ihm.

„Ich habe die letzte Zeit ziemlich viel Stress gehabt.“ sagte ich noch.

Ich wollte nicht die ganze Wahrheit sagen. Ich wollte nicht, dass er wegen mir Probleme kriegt. Von denen hatte er schon genug, also Probleme, aber anderweitig, nicht wegen mir.

Auf die Frage, ob ich heute schon etwas getrunken und gegessen habe, sagte ich nur: „Ein bisschen, habe nicht wirklich Hunger gehabt.“

Dann fielen mir plötzlich Mellys Worte am Mittagstisch ein. „Und geht es dir schon besser?“ Ich sagte intuitiv „Ja.“, lenkte dann aber noch mal ein, dass ich heute Nacht nicht geschlafen habe.

Was geht sie das an, denke ich, als ich gerade weit weg in meiner Küche aus dem Fenster schaue.

Außerdem habe ich mit ihr die letzten Tage davor nicht gesprochen. Woher soll sie wissen, wie es mir geht.

„Du siehst auf jeden Fall schon besser aus als die letzten Tage.“ sagte sie mit ihrem kühlen fast emotionslosen Gesichtsausdruck. Und schaute ihn danach lächelnd an.

Ich habe mich mit meinem Tablett nach dem Buffetdienst neben Melly an die Tischkante gequetscht. Ich saß dabei neben ihr und sie ihm gegenüber. Ich wollte mich damit konfrontieren – mit ihrem Bild.

Ich versuchte seinen Blick zu erhaschen, die letzten zwei Tage hat er mich kaum angesehen. Doch hingegen schaute er immer wieder sie an und zwinkerte ihr dabei mit seinen schwarzen Augen zu. Ich kenne dieses zaghafte Lächeln seiner Mundwinkel dabei.

Es erinnert mich an damals, an die ersten Tage und Wochen als wir uns im Speisesaal beim Essen kennenlernten und er mir den Dienstplan erklärte. Er bekam nicht genug von meiner Nähe, so fühlt es sich an.

Als er Melly weiter ohne Worte in die Augen schaute und ich mir das hautnah angucken musste, kullerte an mir die erste Träne herunter und ich wusste, es wird gleich ein ganzes Bächlein aus mir herausfließen.

Ich ließ meine Gabel auf meinen noch vollen Teller fallen, wollte gerade ohne Worte durch den Türrahmen verschwinden und da ist es passiert:

Zusammengesackt lag ich auf dem Steinboden wie ein hilfloses Etwas, kämpfend um das eigene Leben. Nach kurzer Zeit zerrten mich ein paar von den Helfern und Volontären in die Küche, um mich aus der Schusslinie zu bekommen. Das war bestimmt ein beängstigender Anblick für die Gäste, die Frau, von der sie gerade das Essen noch am Buffet gereicht bekommen haben, lächelnd einen „Guten Appetit!“ gewünscht bekommen haben, kurze Zeit später nun mit einem Kollaps an der Belastungsgrenze am Boden zu sehen.

Erstaunlich viele müssen um mich herum versammelt gewesen sein. Ich erkannte sie an ihren Stimmen, bis meine Chefin kam und sie wegschickte.

„Und wir reden später!“ sagte sie noch mit ihrem strengen, bestimmten Ton zu ihm. Wenige Minuten später lag ich auf der Trage im Rettungswagen. Ich wollte nur noch schlafen, das war alles was ich wollte.

Bevor ich an seiner Zimmertür klopfte, wollte ich eigentlich endlich ins Bett gehen, kam aber irgendwie nicht an ihr vorbei. Ich musste ihm einfach sagen, dass ich wieder da bin, in der Hoffnung er freut sich darüber.

Wir schliefen miteinander, küssen wollte er mich nicht wirklich, nachdem ich ihn fragte. Nichts war so wie am Anfang. Ich kam mir in seinem Bett wie ein erlegtes Reh vor.

Ein Tag später, zwei Tage vor meiner Abreise hatten wir zusammen Frei und ich habe ihn zum Abschied zum Essen eingeladen. Wir wollten den Tag zusammen verbringen.

„Das hast du dir selbst eingebrockt. Du hättest dir echt eine Menge Stress ersparen können, wenn du gleich mit mir gesprochen hättest.“ waren eine seiner ersten Worte, nachdem er die letzten beiden Tage kein Wort mit mir gewechselt hat.




Aimée Goepfert
Die in Potsdam lebende deutsche Künstlerin spielte seit 2002 in zahlreichen Theater-, Film- und Fernsehproduktionen mit. Seit 2020 produziert sie vor wie hinter der Kamera eigene experimentelle Filme und zwei ihrer Kurzfilme liefen bereits auf internationalen Festivals. Des Weiteren widmet sie sich in ihrem Leben leidenschaftlich dem kreativen Schreiben und findet mit ihrem Monologtext „Ungeschminkt über den Wolken“ in der Anthologie „Queeres entdecken“ bei tredition ihre erste Veröffentlichung.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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