Der Tischgrill           

Falk Andreas Funke für #kkl26 „Säen und Ernten“




Der Tischgrill                                                                                                                    

Er kann nicht widerstehen, sein Herz pumpt aufgeregt, er atmet kürzer, weil er weiß, dass er kaufen muss, diesen Tischgrill, mein Gott, bei den Konditionen. Der Baumarkt wirft ihm das Ding doch geradezu hinterher! Ein fünfundsiebzigprozentiger Preisnachlass! Weil sein Arbeitgeber die Differenz schon bezahlt habe. Der Verkäufer nickt heftig und schaut ihn an wie jemanden, dem man eine unglaubliche Wahrheit verkündet: einen Lottogewinn, eine Erbschaft oder drei Jahre Ferien.

An der Kasse hat sich eine Schlange gebildet, Kunde für Kunde, jeder mit einem Tischgrill unterm Arm. Ein leichtes Befremden fliegt ihn an. Also, denkt Karl Salz, haben sich auch noch andere Arbeitgeber auf diese Aktion eingelassen, was ja zu erwarten war. Warum sollte der Baumarkt exklusiv nur mit der Bundesbehörde, für die er arbeitet, derartige Sonder-konditionen vereinbaren? Das röche doch nach – ja wonach eigentlich?  – nun, auf jeden Fall hätte es ein Geschmäckle.

Vor dem Baumarkt packt einer, der es wohl nicht erwarten kann, seinen Tischgrill gleich auf dem Parkplatz aus. Aufgeregt geschieht das: wie ein ungeduldiges Kind die Verpackung eines Weihnachtsgeschenkes herunterreißt. Und der Karl Salz kann ihn verstehen, diesen leicht behäbigen Mann mit Bauchansatz, dem das kindliche Herunterreißen etwas merkwürdig ansteht. Er, Karl Salz, würde ja auch am liebsten sogleich an Ort und Stelle seinen Tischgrill in Augenschein nehmen. Und mit den Händen über die Oberflächen streichen. Aber ja!

Mit einem aus der Hosentasche hervorgezauberten Inbus-Schlüssel öffnet der Mann ein in den Parkplatzasphalt eingelassenes Deckelchen, so eine rechteckige, geriffelt-rostige Abdeckung, von der sich Karl Salz schon öfters gefragt hat, welchem Zweck sie dient. Und siehe: der Zweck ist ein Stromanschluss. Salz öffnet den Mund zu einem lautlosen Aha. Der Mann schaut zu ihm auf mit leicht trotzigen Augen und sagt, er sei Angestellter der örtlichen Stadtwerke – also dürfe er das! Diesen Strom zu nutzen sei eine Sondervergünstigung, die er genieße und er könne es nicht erwarten, er wolle den Grill ausprobieren: gleich jetzt und hier.

Mit vor Interesse gehobenen Augenbrauen beobachtet Karl Salz, wie der Stadtwerkemann den Tischgrillstecker mit der freigelegten Parkplatzsteckdose verbindet, den Einschalter betätigt und wie sich die Spiralringe des Grills mit Hitze aufladen: erst rot, dann orange und schließlich in glühendem Weiß.

Salz nickt anerkennend. Er muss sich ein bisschen überwinden, um fragen zu können, ob er sein Gerät vielleicht auch ausprobieren könnte. So auf die Schnelle, fügt er hinzu, um anzudeuten wie gering der dafür zu betreibende Aufwand sei. Einfach nassforsch zu fragen: darf ich auch mal ran?, nein, so eine Art liegt ihm nicht. Ja, dann komm` se ma` her mit dem Stecker, sagt der immer noch vor ihm kniende Mann in einem Ton wohlgefälliger Jovialität. Und winkt Karl Salz heran. Dem gefällt dieser Tonfall eigentlich nicht. Der ist so typisch für diese dumpfbackig-selbstzufriedenen Stadtwerkeleute. Aber gut. Man hat ja hier auch etwas Verbindendes: einen Tischgrill.

Diesmal ist er, Karl Salz, der erste in einer neuen Schlange von frischen Tischgrillbesitzern. Die Schlange hat sich hinter ihm gebildet – wie er bei einem Blick über die Schulter mit Erstaunen bemerkt. Da kann es wohl keiner erwarten, sein Gerät glühen zu sehen. So wie jetzt sein Tischgrill erglüht: rot, orange und schließlich in weiß wie Milchschaum.

Er muss sich ein bisschen beeilen, weil seine Mittagspause zu Ende geht. Er hastet vom Baumarkt zurück ins Büro: auch wenn sein Arbeitgeber eine Behörde ist, ist er ein ungeduldiger Arbeitgeber. Pausenüberziehung kann registriert werden, könnte registriert werden, man weiß nicht was registriert wird, alles oder nichts. Ob vielleicht aus dem Bildschirm, auf den man blickt, ein unsichtbares Auge zurückblickt? Und registriert? Und feststellt, ob man da ist?

Eine E-Mail mit Ausrufungszeichen in Form eines roten Fähnchens. Das soll einen anschreien, das schreit einen an. Absender: die oberste Heeresleitung – so nennt er, was seit neuestem der Vorsitzende des Vorstands heißt: Direktor, diese Bezeichnung ist abgeschafft; die Behörde schämt sich ihrer selbst und möchte den Anschein einer Aktiengesellschaft erwecken.

Man habe Kenntnis erhalten, dass ein Diensttischgrill an einem nicht zu behördeninternen Zwecken bestimmten Ort angeschlossen worden sei: unter Fremdstromzufuhr. Aufgefallen sei dieser Sachverhalt bei einem Datenabgleich mit dem örtlichen Energieversorger. Von diesem sei nun ein Regress bezüglich der Verbrauchskostendeckung zu erwarten. Der noch unbekannte, für die Diensttischgrillfremdverwendung verantwortliche Mitarbeiter dieses Hauses werde zurzeit ermittelt. Die Einleitung eines Amtshaftungsverfahrens gegen diese Person sei unabdingbar. Auch würden disziplinarische Maßnahmen zu prüfen sein, allein schon um den hohen Stellenwert der geltenden Anti-Korruptionsbestimmungen zu unterstreichen.

Salz sackt zusammen. Das Gefühl von Schlagartigkeit. Von Kälte. Von Hitze. Die Gewissheit, dass von nun an nichts mehr so bleiben wird wie es war. Wegen eines Tischgrills! Nur das kann der Grund sein, warum drei schwarze Limousinen vor dem Haupteingang halten. Drei Fahrzeuge, an denen nichts darauf hinweist, dass es Polizeifahrzeuge sind. Und doch ist jedem klar: die kommen von höchster Stelle. Die wurden losgeschickt ohne Blaulicht und ohne Kennzeichen polizeilicher Macht. Mit abgetönten Fensterscheiben, hinter denen nicht einmal die Schatten der Menschen zu sehen sind, die gleich aussteigen werden. Vermutlich Herren in dunklen Anzügen, durch nichts auffällig, als durch ihre Unauffälligkeit.




Falk Andreas Funke, Autor aus Wuppertal, Jahrgang 1965. Brotberuflich seit 1982 in der Arbeitsverwaltung tätig. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Seit 2001 Mitarbeiter des Satiremagazins ITALIEN, Wuppertal.

Bücher: Tier und Tor, 2004; Ballsaal für die Seele, 2010 (Gedichte, Turmhutverlag, Mellrichstadt), Krause, der Tod und das Irre Lachen, 2012 (kleine Geschichten, Verlag Thomas Tonn), Lausägefisch – Maritime Seelen 2022 (Gedichte, gemeinsam mit Jule Steinbach, Holzschnitte, Kunstbuch-Eigenverlag).

Eugen-Wolff-Literaturpreis der Fachschaft Deutsch, Christian-Albrechts-Universität Kiel, 2004. Erster Platz beim Bad Godesberger Literaturpreis, 2017.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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