Bunter Geburtstagstisch

Konstantina Hornek für #kkl27 „Loslassen, Weglassen, Unterlassen“




Bunter Geburtstagstisch

Regungslos liegt es auf der kratzigen Matte vor der schweren Tür, die einst weiß war. In einem dieser hässlichen gelben Kartons, in die man in letzter Minute und direkt an der Poststelle sein Zeug packen kann. Die anderen hast du uns auch so zugeschickt. Das Gelb gleicht dem der Warnschilder an Strommasten – Blitz, Achtung, Lebensgefahr! Scheinst dich richtig zu bemühen, uns sympathisch zu wirken. Wenigstens authentisch, muss man dir lassen. Die Box starrt mich an, grell und aufdringlich. Ohne näher hinzusehen, erkenne ich in der Blockbuchstaben-Aufschrift in schwarzem Permanentmarker deine Handschrift. Aufgehoben werden will die Box, hinein in die private Sphäre, von der du kein Teil mehr bist. So sehr ich mich wehre, zwingt sie mich dazu, Gedanken an dich zu verschwenden. Du versuchst es immer und immer wieder, das dritte Mal schon dieses Jahr. An Michas Geburtstag kam das erste Paket, am Dienstag nach Ostern das zweite. Dieses hier erwartete ich beinahe schon – mehr hätte ich mich darüber gefreut, wenn die kratzige Matte leer geblieben wäre. Nichts, was einpackbar ist, könnte die Distanz zwischen uns verringern. Die bedeutungslosen Dinge landen am Flohmarkt und dann in Zimmern von anderen Kindern, die nicht wissen, was für ein Mensch du warst. Bist. Obwohl ich mich manchmal frage, ob ich dich nach damals noch der menschlichen Gattung zuordnen würde.

Sechs Jahre ist es schon her, da hast du dich plötzlich einfach verpisst. Hast Mamas Auto und Geld genommen. Deine Frau alleine mit zwei Kindern gelassen und bist erst eine Woche später nur für ein paar Tage wiedergekommen. Mit blauem Auge und zerrissener Hose lagst du auf derselben Matte wie jetzt deine abscheuliche Schachtel. Es war der letzte Tag, an dem dich Mama hineinkommen ließ und wir dich sahen. Du rochst aus dem Mund und in den Haaren. Erst in ein paar Jahren würde ich den Geruch als den von Alkohol, Blut und Erbrochenem verstehen. Du beugtest dich über Michas und mein Bett, ich tat nur so als würde ich schon schlafen. In deinem Zustand nahmst du den Unterschied so und so nicht wahr. In deinem Gemurmel erkannte ich kaum die „Gute Nacht“-Wünsche. Mit dir aus dem Raum, waren bald mein Gesicht und Kissenüberzug feucht. Ich starrte die Leuchtsterne an der Decke an, während ich dich mit Mama hinter der Küchentür streiten hörte. Ob Micha etwas mitbekam, fragte ich ihn nie. Am frühen Morgen spähte ich durch den kleinen Spalt zwischen Tür und Rahmen hindurch in das Elternschlafzimmer. Mama lag alleine im Doppelbett. Eine Diele des abgenutzten Holzbodens knarrte ein wenig unter meinen Füßen. Laut genug, um Mama zu wecken. Sie winkte mich neben sich ins Bett, dankbar schmiegte ich mich an sie. In der Luft lag ein Hauch von dir.

Monate später dann dein fahles Gesicht im Wartebereich des Bezirksgerichts, wo wir einander gegenübersaßen: Du alleine auf der einen Seite, wir drei nebeneinander auf der anderen. Ich weiß noch wie kalt und hart sich die Metallbank unter mir anfühlte, sodass ich immer dringender aufs Klo musste. Ich hielt Mamas Hand, so lange sie es jedenfalls zuließ, denn die bekannte Oberfläche ihrer Haut und der gemischte Duft aus ihrem Parfum und Trockenshampoo beruhigten mich. Immer wieder begann ich zu zittern, die weißen Wände, endlosen Gänge und weißen Türen mit Gittern, verstand ich genauso wenig wie eure Erwachsenengespräche. Ein trauriger Blick aus Augen, die mir damals schon wie die eines Fremden erschienen.

Mama ist gerade dabei meinen Geburtstagstisch vorzubereiten. Bei uns ist das immer so, dass das Geburtstagskind dann nicht ins Wohnzimmer darf. Ob du das noch weißt? Auf Fotos von Micha und mir im Kleinkindalter sieht man dich selbst an den Geburtstagen selten. Jedenfalls ist es jedes Mal aufs Neue eine überraschende Bescherung, an dem Tag für einen ganz persönlich. Am Tisch bleibt dann kein Zentimeter frei, er ist voll beladen mit einem großen Kuchen – für mich gibt es immer Schokolade – und der genauen Anzahl an Kerzen und zu vielen Geschenken für das wenige Geld, das Mama alleine verdient. Heute werde ich schon dreizehn Kerzen zählen und auspusten können. Keine Sprühkerze in der Mitte wie bei anderen, davor fürchte ich mich, aber Mama kennt mich ja. Jedes Geschenk packt sie in ein anderes Papier ein, das ich meistens von letztem Jahr wiedererkenne. Beim Auspacken sollen wir also auch immer vorsichtig sein. Aus dem Wohnzimmer höre ich Mama mit Micha zum „Happy Birthday“ anstimmen, das ist unter uns das Zeichen, dass die Feier nun losgeht. Wie immer klingt der Gesang schief und ich lächle zufrieden. Mit dem Türknopf noch in der Hand rufe ich ein „Komme gleich!“ um die Ecke ins Wohnzimmer hinein und erhasche einen heimlichen Blick auf den bunt bedeckten Tisch. Deine schwammgelbe Pappe passt einfach nicht mehr hierher, entscheide ich. Noch einmal kurz betrachte ich die kratzige Matte unter ihr, auf der damals auch du so unbeweglich und doch erwartungsvoll dalagst. Nächstes Jahr zum Geburtstag wünsche ich mir eine neue Matte, eine weniger kratzige, wenn nicht sogar glatte. Und anders als Mama vor sechs Jahren, schließe ich die Tür und lasse dich liegen.




Konstantina Hornek ist Studentin an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und interessiert sich für die Schnittstelle Kunst / Kultur. Das Schreiben erlaubt ihr in eigene wie fremde Welten einzutauchen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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