Caipirinha

Lilli Borst für #kkl27 „Loslassen, Weglassen, Unterlassen“




Caipirinha


Tausende von Menschen drängten sich durch die Straßen. Mariana streckte ihre Hand nach meiner aus. Ich ergriff sie, während ich mir mit der anderen Hand den Schweiß von der Stirn wischte. Die Hitze lag wie eine Decke auf der Stadt. Dazu kamen die schier unendlichen Menschenmengen. Aber schließlich war Karneval, und der war fast schon heilig für das brasilianische Volk. Unzählige Eindrücke prasselten auf mich ein. Tanzende, lachende Menschen, mit Bierdosen in der Hand. Sie alle trugen winzige, bunte Kostüme, die meist mehr sehen ließen, als sie verdeckten. Viele Menschen trugen lustige Hüte und Perücken, bunte Tüllröcke oder glitzernde Accessoires. Einige hielten sogar Schilder aus Pappe hoch. Vor uns zwängte sich ein dürrer Junge – er konnte kaum älter als 14 sein – zwischen zwei Leuten hindurch. Vor sich trug er eine Kühlbox, aus der er immer wieder Kaltgetränke beförderte. Inmitten der Menschenmenge fuhr im Schritttempo ein Truck, vor dem Musiker herliefen. Das war die Banda de Ipanema, eine der vielen Straßenbands, die an Karneval spielten. Das hier war, wie uns erzählt worden war, der eigentliche Karneval für die Einwohner von Rio de Janeiro. Straßenpartys – sogenannte Blocos. Viele davon waren Wanderblocos, die durch  Rios berühmteste Viertel zogen – immer der Straßenband folgend. Der Bloco der Banda de Ipanema fand auf der Straße statt, die am Strand von Ipanema entlangführte. Links von uns lag also der weltberühmte, kilometerlange Strand. Rechts von der Straße reihten sich Geschäfte, Bars und Restaurants aneinander. Im Hintergrund, am Ende des Strandes, ragten die charakteristischen Hügel Morro Dois Irmãos in den Himmel. Die Morros, kegelförmige Granitfelsen, säumten die Küste von Rio und unterteilten die Stadt in mehrere Buchten.

Zusammen mit Nico bahnten Mariana und ich uns unseren Weg durch die Menge zu dem Truck. Getroffen hatten wir uns erst vor wenigen Tagen, in einem Hostel, in der Nacht, in der ich angekommen war. Wir alle waren Alleinreisende und so waren wir heute zusammen hier gelandet, ohne uns wirklich zu kennen. Nach ein paar Minuten waren wir bei dem Truck angekommen. Die Stimmung war mitreißend. Für einen Moment erlaubte ich mir, die Eindrücke aufzusaugen. Nicht einmal drei Sekunden hatte ich die Augen geschlossen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. Ein lachendes Gesicht schwebte vor meinem. „Can I kiss you?“, fragte der junge Mann vor mir freundlich. Er hatte blitzende, fast schwarze Augen und sein dunkles Haar fiel ihm wie beiläufig ins Gesicht. Als Kostüm trug er eine überdimensionale, blaue Schleife auf dem Kopf und einen kurzen rosa Tüllrock. Für einen Moment war ich wie erstarrt, dann zuckte ich zurück. Er war mir viel zu nah; nur wenige Zentimeter trennten sein Gesicht von meinem. „No!“, rief ich abwehrend und schob ihn unsanft von mir weg. Ein merkwürdiger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Er sah aus, als wollte er etwas sagen, aber die Menge trug ihn weg von mir, bevor die Worte aus seinem Mund kamen. Mein Herz klopfte schneller, als es sollte. Vielleicht lag es daran, dass mir schon lange niemand mehr so nahe gekommen war. „Bier?“ Marianas Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Freudestrahlend drückte sie mir eine Dose in die Hand, die sie soeben bei einem alten Mann erstanden hatte. „Wahnsinn, oder?“ Staunend schüttelte sie den Kopf, während ich meinen Blick schweifen ließ. Mir fiel auf, dass sich viele Menschen küssten, nur um Sekunden später in verschiedene Richtungen weiterzugehen. Es schien, als würde das dazugehören. Kein Wunder, dass mich der Junge vorhin so unverblümt nach einem Kuss gefragt hatte. Woher hätte er auch wissen sollen, dass ich vor Kurzem eine Trennung durchgemacht hatte? Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Wie lange es wohl dauern würde, bis ich nicht mehr jeden Tag an diese Nacht zurückdenken musste?

Mit einem Schlag war ich zurück in jener Nacht. Damals hatte ich mit Leander, zusammengewohnt. Acht Jahre waren wir zusammen gewesen. In den Monaten vor jener Nacht hatte ich ihn öfter distanziert erlebt. Doch das hatte mir keine Sorgen gemacht. Immerhin waren wir Olivia und Leander. Wir gehörten zusammen, das wussten alle. Deshalb hatte ich mir auch keine Gedanken gemacht, als Leander mit seinem besten Freund feiern gehen wollte. Auch als ich Leander sich nachts vorsichtig neben mich legte, ahnte ich nichts Böses. Als ich die Augen öffnete und mich aufsetzte, sah ich, dass er an seinem Handy hing. Neugierig spähte ich zu ihm herüber. Da ploppte die Nachricht auf. „Ich hoffe, sie merkt nichts. Liebe dich.“ Leander, der noch nicht bemerkt hatte, dass ich wach war, lächelte leise vor sich hin. Noch bevor ich den Inhalt der Nachricht ganz verarbeitet hatte, sah ich den dazugehörigen Namen. Sanne. Eine meiner engsten Freundinnen. Alles, was danach passiert war, verschwamm wie in einem einzigen Schleier aus Tränen. Streit, Versöhnung, Lügen, Vorwürfe und schließlich die Wahrheit. Dass Sanne und Leander sich auf einem Festival nähergekommen waren. Ein Festival, auf das ich wegen einem stressigen Projekt auf der Arbeit nicht hatte mitfahren können. Dass sie sich seit Wochen immer wieder heimlich trafen. Das Schlimmste war der Doppelverrat. Auf einen Schlag hatte ich zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren. Wie hatte ich nur so dumm sein können? Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, hatte ich noch drei Monate mit Leander zusammenwohnen müssen. Ich hatte meinen Job in Berlin direkt am Tag nach der Trennung gekündigt, aber hatte noch bis zum Ende vor Ort arbeiten müssen. Drei Monate voller Schweigen und stummer Vorwürfe. Nach drei Monaten hatte ich endlich ausziehen können und war wieder zu meinen Eltern nach Bayern gezogen. Ohne Job. Besser war dadurch nichts geworden. Obwohl meine Eltern die besten Absichten hatten, ging es mir tierisch auf die Nerven, von allen Seiten bemitleidet zu werden. Deshalb hatte ich vor zwei Wochen kurzerhand einen Flug nach Brasilien gebucht. Allein.

„Was ist los?“ Nico stupste mich in die Seite. „Du machst ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.“ Da hatte er natürlich Recht. Ich straffte meine Schultern, setzte mein breitestes Lächeln auf und begann, mich zu den stampfenden Samba-Beats zu bewegen. Nico lächelte zufrieden, trank seine Bierdose in einem Zug leer und fing ebenfalls an zu tanzen. Irgendwann beschlossen wir, uns bei einem Imbiss am Straßenrand etwas zu essen zu holen. Als wir gerade dort angelangt waren, rempelte mich plötzlich jemand heftig an. Gleichzeitig spürte ich ein ruckartiges Ziehen an meiner Schulter. Sofort tastete ich nach meiner Handasche. Sie war weg! Jemand hatte sie mir weggerissen! Hektisch sah ich mich um, um den Dieb zu entdecken, aber es waren viel zu viele Menschen unterwegs. Doch! Da. Ich sah eine überdimensionale blaue Schleife vor mir in der Menge verschwinden. Das war doch der Junge von vorhin!

Wutentbrannt und ohne lange nachzudenken, folgte ich ihm. Das war gar nicht so einfach. Immer wieder schoben sich tanzende, betrunkene Leute zwischen mich und ihn. Immerhin war die Schleife so auffällig, dass es nicht allzu schwierig sein würde, dem Jungen zu folgen. „Olivia!“, hörte ich Marianas Stimme, doch ich dachte nicht daran, anzuhalten. Ich spürte eine brodelnde Wut in mir aufsteigen. Ich hatte NICHTS mehr, keine Wohnung, keine Beziehung und jetzt nicht mal mehr meine Wertsachen. Und nur, weil ich ihn nicht hatte küssen wollen? Ich war inzwischen so sauer, dass ich kaum atmen konnte. Ungefähr zehn Meter vor mir sah ich die blaue Schleife, die sich in Richtung U-Bahn bewegte. Aufschließen konnte ich nicht, weil zu viele Menschen zwischen uns waren, doch ich beschloss, ihm zu folgen. Die lärmende Masse zog die Treppen hinunter in den U-Bahn-Schacht. Als die Bahn einfuhr, drängten sich die Leute gewaltsam hinein, sodass die Bahn im Nu gerammelt voll war. Durch das Fenster sah ich den Jungen, der mit dem Rücken an die Scheibe gepresst dastand. Verdammt! Hastig drängte ich mich vor zu der Tür, die mir am nächsten war. Mit ein wenig Schwung versuchte ich, mich dazu zu quetschen. Dafür erntete ich von allen Seiten lautstarke Proteste, doch das war mir egal. Zwar hatte ich den Ellenbogen einer kleinen Frau im Rücken und stand auf dem Fuß eines griesgrämig dreinblickenden Mannes, aber ich war drinnen. Als sich die Türen der Bahn schlossen und sie langsam los zuckelte, stellte ich mich kurz auf die Zehenspitzen. Ja, da war die Schleife. Sie schien nur einen Waggon weiter zu sein. Innerlich kochte ich. All das, was ich die letzten Monate heruntergeschluckt hatte, kam mit einem Mal an die Oberfläche. Diesem Typen würde ich es zeigen! Vielleicht würde ich ihn anschreien. Jedenfalls wollte ich meinem Ärger Luft machen. Der Typ fuhr zwei Stationen und stieg dann aus. Ich folgte ihm, wobei uns immer noch große Menschenmassen voneinander trennten. Langsam bewegte sich der Junge hinaus auf die Straße. Nach einem Block bog er von der großen Straße in eine kleinere ein. Noch immer trennten uns knappe 200 Meter, aber immerhin zerstreuten sich hier die Massen nun langsam. Ich bemühte mich, zu dem Jungen aufzuschließen, aber er rannte fast schon. Wie beide ließen den Strand hinter uns. Mittlerweile waren nur noch wenige Partygänger unterwegs. Alle Menschen, die ich sah, schienen Einheimische zu sein. Das Meer zu meiner Linken wich Maschendrahtzäunen und vollgeschmierten Felswänden. Zwischendurch musste ich mich immer wieder vornüberbeugen, weil ich Seitenstechen bekam. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze machten mir zu schaffen. Endlich, endlich, nach zehn Minuten Fußmarsch verlangsamte sich der Schritt des Jungen und er hielt auf ein kleines Plätzchen zu.

 Dort standen ein paar gelangweilte Jugendliche, die neben ihren verbeulten Motorrädern rauchten. Der Junge ging zu einem der Typen. Das musste ein Moto-Taxi sein. Ohne lange zu fackeln, hastete ich über die Straße. „Ich muss dem Typen folgen.“, sagte ich keuchend auf Englisch, doch ich blickte in verständnislose Gesichter. Mit ausladenden Gesten versuchte ich, ihnen mein Anliegen klarzumachen und deutete auf den Jungen, der jetzt drauf und dran war, weg zu düsen. Und endlich schienen sie zu verstehen. Einer der Jugendlichen schnippte seine Zigarette weg und bedeutete mir, mitzukommen. Er zeigte mir fünf Finger. Fünf Reais. Schnell fummelte ich einen Schein aus der Hosentasche. Ein Glück, dass ich den noch hatte. Ich schwang mich hinter dem Jugendlichen auf das Motorrad. Und zack – ging es los. Wir fuhren kurz die Straße entlang, bevor wir scharf abbogen. Die Straße neigte sich auf einmal steil nach oben und verengte sich schlagartig. Kleine, zum Teil eingefallene Häuser drängten sich an den Straßenrand, wild über- und nebeneinander gebaut. Am Straßenrand saßen einige Leute in Plastikstühlen und musterten uns mit neugierigen Blicken. Auf einmal dämmerte es mir. Das hier musste eine Favela sein. Die Rezeptionistin des Hostels hatte uns erklärt, dass sie auf den Hügeln rund um Rio angesiedelt waren. Und hier ging es steil nach oben – wie auf einem Hügel. Was hatte ich getan? Ich saß allein in Brasilien auf dem Motorrad und fuhr durch eine Favela. Ich ärgerte mich wahnsinnig über mich selbst. Wieso hatte ich dem Jungen so kopflos folgen müssen? Doch allzu viel Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht. Quietschend klammerte ich mich an den Fahrer, während er durch die Haarnadelkurven auf der schlecht gepflasterten Straße raste. Wir schlängelten uns zwischen anderen Moto-Taxis, Fußgängern und Autos durch, die die Straße verstopften. Wenn man mal außen vor ließ, dass das Ganze sehr gefährlich war, machte es schon fast Spaß, auf dem Motorrad hinauf durch die Favela zu schießen. Dann stoppten wir plötzlich. Wir schienen ganz oben angekommen zu sein. Mit steifen Beinen stieg ich von dem Motorrad. Noch bevor ich etwas sagen konnte, wendete mein Fahrer und fuhr davon.

Und jetzt? Unschlüssig trat ich von einem Bein auf das andere. Es waren weit und breit keine weiteren Moto-Taxis zu sehen. Wie würde ich hier wieder herunterkommen? Trotz der schwülen Sommernacht fröstelte ich mit einem Mal. Die Häuser sahen jetzt noch krummer und schiefer aus und es schien mir, als würden sich mir von allen Seiten Schatten nähern. Mein Hals war mit einem Mal wie zugeschnürt. Mit einem mulmigen Gefühl beschloss ich, mich mal umzusehen. Vom Ende der Straße her drang Stimmengewirr an mein Ohr. Dort schien eine Bar zu sein. Vielleicht ein guter Anlaufpunkt. Immerhin würde ich ein Taxi bestellen müssen. Kurzerhand entschied ich, der Bar einen Besuch abzustatten. Sie bestand fast ausschließlich aus einer riesigen Terrasse. Von dort aus bot sich ein atemberaubender Blick auf die Buchten von Rio de Janeiro. Links von der Bar lagen die Berge, eingehüllt von Wolken mit ausgefransten Rändern. Davor das Meer mit einigen kleinen Inseln darin. Die Dämmerung überzog die ganze Szene mit einem diffusen Licht. Auf der Terrasse tummelten sich ein paar Menschen und eine Band spielte Sambamusik. Mein unwohles Gefühl schwand so plötzlich, wie es gekommen war. Neugierig betrachtete ich die tanzende Masse, als mir eine riesige, blaue Schleife ins Auge stach.

Mit wenigen Schritten war ich bei dem Jungen. „Hey! Gib mir sofort meine Handtasche zurück!“, blaffte ich ihn an. Sein Mund klappte auf. Ein paar Sekunden sah er mich an, als wäre ich verrückt geworden, dann erwiderte er auf flüssigem Englisch: „Wieso sollte ich die haben?“ Wie zur Bestätigung streckte er seine leeren Hände vor mir aus. Wie durch ein Ventil entwich all die aufgestaute Wut aus mir. Er hatte Recht. Er hatte meine Handtasche nicht und hatte sie wahrscheinlich auch nie gehabt. Wenn ich so nachdachte, hatte ich sie auch nicht gesehen, als ich ihm gefolgt war. Die ganze Zeit über war ich so wütend gewesen, dass ich nicht darauf geachtet hatte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, wandte ich mich ab. Also hatte meine nächtliche Expedition nicht einmal etwas gebracht. „Was ist los?“, fragte der Junge hinter mir. „Nichts.“, antwortete ich lahm. „Komm schon. Wieso dachtest du, dass ich deine Handtasche habe?“ Ich seufzte und erzählte ihm, dass mich jemand bestohlen hatte und dass ich seine Schleife wiedererkannt hatte. Er lachte ein helles Lachen. „Und da dachtest du, dieser brasilianische Junge beklaut mich, weil ich ihm keinen Kuss geben wollte? So rachsüchtig bin ich nicht.“ Ich schämte mich. Seine lockere Reaktion machte es noch schlimmer, dass ich ihn zu Unrecht verdächtigt hatte. Er stupste mich an. „Immerhin bist du in Vidigal gelandet.“ Lustlos zuckte ich die Achseln, doch er ließ nicht locker. „Wie heißt du?“, fragte er. „Olivia. Du?“, fragte ich höflichkeitshalber zurück. „João.“ – „João.“, wiederholte ich und ließ mir den Klang seines Namens auf der Zunge zergehen. „Hast du Lust, einen Caipirinha zu trinken?“, fragte er. Ich nickte widerstrebend. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und verschwand. Eigentlich hatte ich keine Lust, etwas mit diesem João zu trinken, aber immerhin hatte ich ihn vor gerade eben noch des Diebstahls bezichtigt. Vielleicht war es eine angemessene Wiedergutmachung.

Nach wenigen Minuten tauchte João mit zwei Gläsern Caipirinha in der Hand auf und zog mich in Richtung Geländer, sodass wir den Ausblick genießen konnten. „Schmeckt’s?“, fragte er. Ich nickte abwesend und sog an meinem Strohhalm. „Aber jetzt sag mal: Wieso hast du mich allein bis hierher verfolgt? Bist du allein in Brasilien?“ – „Ja.“, erwiderte ich mechanisch, ohne genauer auf seine erste Frage einzugehen. Er war mir viel zu neugierig. Ich war nach Brasilien geflogen, um mich abzulenken, nicht, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. „Und wieso bist du allein hier?“ Ich zuckte wieder die Achseln. „Geht’s dir gut?“ Ruckartig drehte ich meinen Kopf, sodass ich João direkt ansah. Auf seinem Gesicht lag ein besorgter Ausdruck. „Ja. Bin wohl müde.“, antwortete ich, wenngleich meine Stimme wenig überzeugend klang. Doch João schien es zu reichen. „Na komm, dann tanzen wir ein bisschen Samba. Das macht dich bestimmt wach.“ Ich wollte protestieren, doch João ließ keine Widerrede zu und zog mich auf die Tanzfläche. Dort tummelten sich einige Menschen, die gemeinsam oder allein die Hüften schwangen. „Ich kann das doch nicht!“, rief ich, doch João grinste nur und sagte: „Ich bring‘ es dir bei.“ Innerhalb von wenigen Minuten wurden wir zur Hauptattraktion der Tanzfläche. Viele Menschen, die zuvor getanzt hatten, scharten sich um mich und versuchten, mir Anweisungen zu geben. Als ihnen klar wurde, dass ich kein Portugiesisch verstand, wurden mir die Schritte demonstriert, untermalt von schnellem Geplapper. Im ersten Moment war mir die ganze Aufmerksamkeit peinlich, doch nach einer Weile lachte ich mit den Menschen, auch wenn meine Interpretation des Sambas mehr unkoordiniertem Gestolper als einem schnellen Tanz ähnelte.

Nach einer Weile nahm João mich an den Händen. „So, und jetzt zu zweit.“, meinte er herausfordernd. „Niemals.“, erwiderte ich schwach, doch ich ließ mich von ihm in die Mitte der Tanzfläche führen. Ich versuchte, die bohrenden Blicke der anderen Menschen auszublenden und mich fallen zu lassen. Es funktionierte. Solange wir uns Arm in Arm auf der Tanzfläche bewegten, konnte ich Joãos Schritten einigermaßen folgen, doch immer, wenn er mich in eine Drehung befördern wollte, kam ich aus dem Takt. Nach einer Weile gaben wir auf und wiegten uns einfach im Kreis. Es fühlte sich gut an, leicht irgendwie. Nach einer halben Stunde – oder länger? – ließen wir uns außer Atem auf zwei Stühle fallen. Die Buchten und Hügel von Rio waren jetzt kaum mehr zu erkennen. Stattdessen zogen sich glitzernde Bänder aus Lichtern über das hügelige Land. „Wie schön.“, flüsterte ich und war seltsam berührt. João schwieg. „Wie kommst du eigentlich hierher?“, fragte ich, auf einmal doch interessiert an seiner Geschichte.  „Ich bin hier aufgewachsen.“ Und dann begann er zu erzählen.

João Costa Silveira war in Vidigal geboren. Damals war Vidigal eine der gefährlichsten Favelas von Rio gewesen. Favelas, so erzählte er mir, waren mit dem Ende der Sklaverei entstanden, als die Menschen nach Rio gekommen waren, um dort Geld zu verdienen. Weil der Wohnraum knapp gewesen war, waren einfache Siedlungen an den Berghängen entstanden, wo die Menschen bis heute oft unter widrigen Bedingungen lebten. João hatte gemeinsam mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in einem der winzigen Häuser gelebt. Seine Kindheit und Jugend waren von Gewalt und Drogen geprägt gewesen. So war sein Vater ums Leben gekommen, als er gerade mal fünf Jahre alt gewesen war. Zu den Geräuschen von Schüssen aufzuwachen, war für ihn ganz normal gewesen, genau wie die ständigen Razzien der Polizei. Und dazu kam die Armut. Wie viele andere Bewohner der Favela war Joãos Familie arm gewesen, besonders nach dem Tod des Vaters. Nicht einmal fließendes Wasser hatten sie gehabt. Die Regierung hätte sich um die Jugend in den Favelas kaum gekümmert. Ein Hilfsprojekt war seine Rettung gewesen, erzählte er. Dort habe er angefangen, Englisch zu lernen. Und auf dem staubigen Fußballplatz der Hilfsorganisation hatte er seiner Wut auf das Leben Luft gemacht. João hatte jeden Morgen den Bus genommen, um in die Schule nach Ipanema gefahren. Das war laut ihm die Chance auf eine bessere Zukunft. Dafür hatte sich seine Mutter aber auch jeden Cent vom Mund abgespart. Ein paar Jahre später war er fortgegangen und hatte Ingenieurswesen studiert. Seit einigen Jahren war er fertig und konnte seiner Mutter regelmäßig Geld schicken. 

Während Joãos Erzählungen war ich aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Als er geschlossen hatte, schwiegen wir einige Minuten. Seine Erzählungen waren gleichzeitig so schön und so grausam – und vor allem so weit weg von meiner Lebensrealität. In mir machte sich das schlechte Gewissen breit. Seit fünf Monaten trauerte ich um meine Beziehung mit Leander, während die Leute hier ganz andere Probleme hatten. Sanft legte João mir eine Hand auf den Arm. Ich zog ihn nicht weg. „Danke, dass du mir das erzählt hast.“ Meine Stimme klang merkwürdig belegt. „Normalerweise ist das keine Geschichte, die ich Touristen erzähle. Aber du hast so traurig gewirkt, da dachte ich, vielleicht lenkt sie dich etwas ab.“, erklärte João. Ich nickte. „Und ich mache mir Sorgen wegen einer Handtasche.“, sagte ich lakonisch. João lachte leise. „Da wo du herkommst, sind die Probleme eben andere. Ich mache dir keinen Vorwurf. Aber glaub mir, es gibt wichtigere Dinge.“ Er ließ seinen Blick schweifen und deutete unbestimmt in Richtung Tanzfläche. „Ich komme gerne hierher, weißt du. Es ist ein ganz anderes Lebensgefühl. Die Leute haben so wenig, aber hast du jemals so viel Lebensfreude auf einem Haufen gesehen? Ich meine, klar, ihnen bleibt nichts anderes übrig, als die Sorgen wegzulachen. Aber trotzdem…“

Ich war noch in Gedanken versunken, als ich plötzlich einen Tropfen auf dem Arm spürte. Wenige Sekunden später brach der Himmel auf und riesige Wassermengen stürzten herab. Es regnete in Strömen. João bugsierte mich in dem ausbrechenden Chaos unter den überdachten Teil der Bar. „Es ist Regenzeit.“, erklärte er mir, „Hier in der Favela sind wir dadurch vom Rest der Stadt abgeschnitten. Bei den Wassermengen kann nichts die steilen Straßen rauf und runter fahren. Das heißt aber, wir können bis zum Sonnenaufgang Samba tanzen.“ Ich lachte und zu meiner Überraschung war mein Lachen echt. Aber der Regen wollte und wollte nicht aufhören. João und ich tanzten bestimmt noch zwei Stunden lang Samba. Die Drehungen klappten zwar immer noch nicht, aber dafür kam ich sonst kaum mehr aus dem Takt. Nur waren wir langsam zu erschöpft, um weiterzumachen. Ein Blick auf Joãos Display verriet mir, dass es fast zwei Uhr war. Unglaublich. Ich war seit über fünf Stunden hier, aber die Zeit war wie im Flug vergangen. Es störte es mich auch nicht, dass die Moto-Taxis immer noch nicht fuhren. Im Gegenteil, ich war fast schon froh, noch ein bisschen bleiben zu können.

João lenkte mich zum Rand der Tanzfläche. „So, und jetzt erzähl du.“, sagte er ernst. „Puh, das ist nicht besonders spannend…“, erwiderte ich zweifelnd. „Ich will es hören.“, meinte João schlicht. Sollte ich ihm wirklich alles erzählen? Immerhin hatte er mir seine Lebensgeschichte erzählt. Er war ein fast fremder Brasilianer, den ich vermutlich nie wieder sehen würde. Was gab es für eine bessere Gelegenheit, sich das Ganze ein für alle Mal von der Seele zu reden? Also gab ich mir einen Ruck. Am Anfang fiel es mir schwer. Es schmerzte, von den Anfängen zu berichten. Wie wir uns mit 17 im Tennisverein kennengelernt hatten. Was wir alles gemeinsam überstanden hatten: Ein Auslandssemester, Fernbeziehung, den Tod von Leanders Mutter. Doch als ich von der schwierigen Phase zu berichten begann, sprudelten die Worte nur so aus mir heraus. Es war fast schon zu einfach, alles zu erzählen. Wie dumm ich mich gefühlt hatte, wie verraten. Wie einsam ich gewesen war. Ich redete und redete und merkte, wie der Schmerz mit jedem Wort aus mir herausfloss. Als ich meine Erzählung beendete, war nur noch ein kleiner Rest übrig. Ich hatte nicht bemerkt, dass mir während der Erzählung Tränen über die Wangen geströmt waren. João blickte mich unverwandt an und fragte dann leise: „Darf ich dich umarmen?“ Zögerlich nickte ich und er schlang die Arme um mich. Vorsichtig strichen seine Hände über meinen Rücken. Mir wurde klar, dass es das erste Mal gewesen war, dass ich jemandem die ganze Geschichte erzählt hatte. Alles. Die ungeschönte Wahrheit.

„Jetzt verstehe ich auch, warum du so reagiert hast, als ich dich küssen wollte.“, sagte João, mehr zu sich selbst. „Ja.“, gab ich zurück, „Ich schätze, ich war einfach überrumpelt.“ Ich löste mich von ihm und versuchte ein schiefes Lächeln, das kläglich misslang. João deutete in Richtung Stadt. „Schau mal, der Regen hat aufgehört.“ Tatsächlich. So plötzlich wie der Regen gekommen war, so plötzlich war er auch wieder verschwunden. Rasch begann die Party, sich aufzulösen. João und ich standen unschlüssig in der Bar und sahen uns an. „Und was machen wir?“ Es war merkwürdig. Noch vor ein paar Stunden hatte ich keinerlei Lust verspürt, hier zu sein, und schon gar nicht mit João, aber jetzt wollte ich aus unerfindlichen Gründen nicht heim. Das Blut pulsierte in meinen Adern und ich fühlte mich seltsam lebendig. Als wäre etwas in mir erwacht, das lange Zeit geschlummert hatte. João schien das zu spüren, und schlug vor, bis zum Sonnenaufgang hier zu bleiben. Und so saßen wir nebeneinander auf den Plastikstühlen, dicht aneinander gedrängt, und flüsterten, um die andächtige Stimmung nicht zu zerstören.

Als die Dunkelheit langsam, aber sicher, dem blassen Licht der Morgendämmerung wich, wurde mir klar, warum dies ein touristischer Ort war. Die sanft ans Ufer plätschernden Wellen wurden von der aufgehenden Sonne in zartrosa Licht getaucht. Hinter den Hügeln hingen dicke Wolken wie Zuckerwatte. „Ich glaube, ich habe noch nie etwas so Schönes gesehen.“, wisperte ich. João, der versonnen lächelte, wandte seinen Blick nicht von dem herrlichen Naturschauspiel ab. Langsam stahl sich die Sonne hinter den Wolken hervor und nahm den Schleier von der Szene. Der Tag brach langsam über Rio de Janeiro herein. Über die wunderbare Stadt, die cidade maravilhosa. „Du bist der Erste, dem ich die ganze Geschichte mit Leander und Sanne erzählt habe.“, sagte ich in die Stille hinein. Nun drehte João seinen Kopf. Er schien überrascht. „Wow. Es freut mich, dass ich dir ein Freund sein konnte.“ Ein Freund. Das Wort löste ein kurzes, aber heftiges Ziehen in meiner Brust aus. Was hatte das zu bedeuten? Verwirrt versuchte ich, das Gefühl beiseite zu wischen. „Was ist los?“, fragte João. Er musste mir die Verwirrung angesehen haben. „Oh… Nichts.“, stammelte ich. Ein leichter Windstoß fuhr über den Gipfel und ich fröstelte. Nachdenklich starrte ich auf Rio, wie es da unter mir lag. Ein Ausblick, der mir jetzt nur noch halb so schön vorkam. Eine Weile lang sagten wir nichts. Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Konnte es sein, dass ich nach nur einer Nacht verschossen in einen wildfremden Brasilianer war? Oder war es nur der Drang, endlich, nach fünf Monaten, mal wieder etwas anderes zu spüren als Schmerz? Unauffällig schielte ich zur Seite. João blickte ebenfalls nach vorne, sodass ich nur sein Profil sehen konnte. Die schwarzen Locken, die ihm in die Stirn fielen, die dunklen Augen, eingerahmt von langen Wimpern und die leicht nach oben geschwungene Nase. Verdammt. Er hatte meinen Blick bemerkt. „Was ist?“ Ich konnte nichts erwidern, so sehr klopfte mir das Herz bis zum Hals. Ich beschloss, einen Versuch zu wagen. Was hatte ich schon zu verlieren? Zitternd hob ich meine Hand und legte sie auf seine. Mit dem Daumen streichelte ich sanft seinen Handrücken und hoffte, dass er den Hinweis verstand. Nervös sah ich ihn an. Und tatsächlich. Joãos Augenbrauen hoben sich in Erstaunen und endlich, endlich, schien er zu begreifen. Er drehte den Kopf und war mir plötzlich ganz nah. Für einen Moment erinnerte ich mich auf die Sekunden auf der Straße zurück, in denen er mir genauso nah gewesen war. Aber dieses Mal wich ich nicht zurück. „Ich dachte, du willst nicht…?“, fragte er ganz leise. Wie zur Antwort legte ich eine Hand in seinen Nacken, lehnte mich ein wenig nach vorne und küsste ihn. Die ganze Welt schien um uns herum zu verschwimmen. Mein gesamter Körper sandte elektrische Impulse aus und meine Hände und Füße begannen zu kribbeln. Jede von Joãos Berührungen jagte mir einen kleinen Schauer über den Rücken. Nach ein paar Minuten ließ er von mir ab und rückte ein Stück weg. Er lächelte mich an. „Du hast so schöne Augen. Wie das Meer.“ Er gab mir einen Kuss auf die Nasenspitze und setzte sich auf. „Komm, gehen wir. Die ersten Touristen kommen bestimmt bald.“ Widerwillig erhob ich mich. Aber João sollte Recht behalten. Kurz später traf eine schnatternde Wandergruppe ein, die sich auf den Weg zum Morro Dois Irmãos machte. Ich hatte keine Lust, das zarte Band, das in der vergangenen Nacht zwischen João und mir gesponnen worden war, von den aufgeregten Gesprächen zerstören zu lassen. João schien es ähnlich zu gehen und so verließen wir Hand in Hand die Bar.

Ich fühlte mich leicht, als könnte ich jeden Moment vom Boden abheben. Es war merkwürdig. Mir war klar, dass João und ich uns vielleicht nie wieder sahen. Vielleicht war es auch nur ein Abenteuer. Aber selbst wenn… Tief in mir drin wusste ich, dass ich begonnen hatte, zu heilen. Ein Teil von mir war auf der Straßenparty in Ipanema zurückgeblieben und dieser Teil würde nie wieder zurückkommen. Auch wenn ich João nie wiedersah, so würde ich ihm dafür immer dankbar sein. Ich begann, leise vor mich hin zu summen. Wir liefen zu der Stelle, wo mich das Moto-Taxi am Tag davor abgesetzt hatte. Jetzt standen auch hier ein paar gelangweilte Jungs neben Motorrädern herum. João drückte mir fünf Reais in die Hand. „Weil du doch deinen Geldbeutel nicht mehr hast…“, meinte er, fast ein wenig schüchtern. Er blickte mich aus seinen dunklen, blitzenden Augen an. Kurz nahm er meine Hand und drückte seine Lippen sanft auf meine. „João…“, murmelte ich. Ich mochte den Klang seines Namens. João drückte noch einmal kurz meine Hand und ging davon, ohne sich umzusehen. Nachdenklich blickte ich ihm hinterher und öffnete dann meine Finger. Auf meiner Handfläche lag ein Zettel. Seine Handynummer stand darauf. Fest verschloss ich meine Finger über dem kleinen Zettel. Dann schwang ich mich hinter einem der Fahrer aufs Motorrad und wir fuhren die steile Hauptstraße der Favela Vidigal hinunter. Rein in eine ungewisse Zukunft. Und seltsamerweise machte mir das kein bisschen Angst. Weil ich die Vergangenheit heute endlich hatte loslassen können.




„Ich bin Lilli, 27 Jahre alt und wohne in München. Ich habe während meiner Kindheit sehr viel geschrieben (Fortsetzungen von Harry Potter, aber auch viele eigene Geschichten). Nach meinem Abitur habe ich das Schreiben dann erst mal aus den Augen verloren, aber nach meinem Masterabschluss letztes Jahr habe ich es wieder für mich entdeckt. Es ist der perfekte Ausgleich neben meinem eher zahlenintensiven Job als Datenanalystin. Seitdem habe ich schon erfolgreich an ein paar Ausschreibungen teilgenommen.“







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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