Mein Freund Albert

Camilla Grüner für #kkl 28 „Dahinter“




Mein Freund Albert

Mein Freund Albert ist ein echter Spaßvogel.
     Eines Tages, ich muss ungefähr sechs gewesen sein, baumelte ich kopfüber vom Klettergerüst – nicht etwa aus Jux und Dollerei, sondern weil mich die anderen Kinder an meinen Schnürsenkeln dort aufgehängt hatten. Sie wollten wissen, ob mein Kopf tatsächlich anschwillt und platzt, wenn zu viel Blut reinströmt. Da erschien plötzlich Albert und riet ihnen freundlich aber bestimmt, mich loszubinden, denn da mein Gehirn viel größer als ihres sei, könne man bei ihnen bestimmt viel besser das Blut plätschern hören. So banden sie mich los und wiederholten ihr Experiment. Leider erfolglos. Zugegeben, dies war eine Lüge. Oder die Wahrheit mit mächtigen Dehnungsstreifen. Aber genützt hat es und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.
     Auch heute ist er das Erste, was ich an diesem kalten Weihnachtsmorgen neben mir im Bett sehe, während meine Frau Regine mit ins Kissen gedrücktem Gesicht selig vor sich hin schnarcht. Wir lächeln einander an. Da dreht sich Regine zur Seite und streckt, nach wie vor im Tiefschlaf, ihren linken Arm aus, sodass sie fortan in Albert liegt.
     Das mag er gar nicht.
     „Liebling“, flöte ich, woraufhin Regine ein unzufriedenes Grunzen ausstößt. „Du liegst schon wieder in Albert.“
     „Solange er sich nicht persönlich bei mir beschwert“, murmelt sie, dreht uns den Rücken zu und beginnt, sich langsam aus dem Bett zu schälen. Das freut mich, denn die morgendlichen Stunden, in denen Albert und ich nebeneinander im Bett liegen, sind mir die liebsten. Und so tut meine Frau mir auch den Gefallen und steigt in ihre Hausschlappen mit dazu passendem scheußlich-pinken Morgenmantel und wankt mit trägen Schritten in Richtung Küche. Die Haare ein einziges Vogelnest ohne Vogel – und leider auch ohne Eier. „Wir müssen reden“, sagt sie, als ich eine halbe Stunde später die Küche betrete. Albert und ich verdrehen gleichzeitig die Augen. Sie hat schon wieder sein Besteck vergessen und so hole ich das Ergebnis ihrer Nachlässigkeit nach. Jetzt verdreht sie die Augen. „Das geht so nicht weiter.“
     „Ich weiß“, erwidere ich, „du ignorierst ihn schon viel zu lange … das muss ein Ende haben“, und stelle seinen Teller vor den dritten Stuhl. Mit mühsamer Beherrschung erwidert sie:
     „Eine Therapie ist die einzige Lösung.“
     „Für dich?“
     „Für dich, natürlich!“, schreit sie mich unvermittelt an. Ich stutze.
     „Aber es war doch seine grausame Schlagfertigkeit, die dich in meinen Bann gezogen hat“, wende ich nach kurzem Überlegen ein.
     „Deine oder Alberts? Welcher Neununddreißigjährige erhält sich denn seinen imaginären Freund aus Kindertagen? Damals dachte ich, das sei ein Scherz. Exzentrik statt Wahnsinn – das ist ein Unterschied.“ Aggressiv kaut sie ihre Cornflakes. „Da wusste ich auch noch nicht, dass dies eine Ehe zu dritt wird! Herrgott nochmal, ich musste mich im Nachhinein auf unserer Hochzeit bei sämtlichen meiner Verwandten für deine stellvertretende Tischrede entschuldigen! Am Ende der Trauung sagte mein Vater nur: ‚Richard ist intelligent, gutaussehend und seine Familie hat Geld. Warum zur Hölle musstest du Jakob heiraten?!‘ Er hatte recht.“
     „Schade, dass diese Erkenntnis dich so reichlich spät erreicht hat“, bemerke ich und zwinkere Albert neben mir einmal zu. „Stell ihn dir einfach als eine Art Blindenhund vor, der mich mittels seiner Schlagfertigkeit durch das grausame Leben schleift.“
     „Das geht nicht.“ Sie schüttelt aufgeregt den Kopf. „Er ist bösartig. Oder vielleicht bist das auch nur du, der eine Ausrede braucht, um gemein zu sein, und mir so seit mehr als einem Jahrzehnt einen Bären aufbindet.“
     „Albert verachtet jede Form der Ungerechtigkeit – es sei denn, es ist für einen guten Zweck“, erwidere ich und schenke ihr mein unschuldigstes Lächeln, das sie so sehr liebt. Daraufhin steht sie auf und geht weg. „Oder siehst du das anders?“, rufe ich ihr hinterher.
     „Frag doch Albert“, schallt es aus dem Badezimmer zu mir herüber, dann wird die Tür zugeknallt. Resigniert schüttle ich den Kopf, da erinnert mich Albert an Regines letzte Kur, welche damit endete, dass sie nur noch: „Stress! Ich brauche Stress! Wo ist mein Stress?!“, schrie. Als ich bei dem Gedanken laut auflache, stürmt sie plötzlich aus dem Badezimmer, ein Handtuch umgebunden, und mit einer Duschfrisur, die an nichts weniger als einen geltungssüchtigen Kakadu erinnert. Mit hochrotem Kopf, die lange Massagebürste in der einen und einen tropfenden Schwamm in der anderen Hand, brüllt sie:                 „Na gut, dann bleibt mir wohl keine andere Wahl: Ich verlasse dich!“ Für einen Moment schweigen wir – Regine, Albert und ich – einander an. Dann sage ich:
     „Liebling … bitte nicht schon wieder …“
     „Nein! Nein! Mein Entschluss ist endgültig! Dieses Mal sind es keine leeren Worte!“, schießt sie mir entgegen und fuchtelt mit dem Schwamm rum, sodass Wölkchen aus Schaum auf meinem Toast landen. Ich seufze.
     „Hör mal, Albert ist der Meinung –“
     „Verdammt, er existiert nur in deinem Kopf!“ Alberts und mein linkes Auge beginnt zu zucken. Da entfährt ihr plötzlich: „Weißt du was?“ Ich schüttle den Kopf. „Du hast vollkommen recht! Albert existiert nicht nur in deinem Kopf! Wenn ich darüber nachdenke, hat er eines Abends vor mir gestanden und mir die schönste Liebeserklärung gemacht, die ich jemals gehört habe. Dazu sieht er auch noch unverschämt gut aus, eben ganz so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.“ Auf ihrem Gesicht macht sich ein gemeines Grinsen breit. „Sei mir also nicht allzu böse, schließlich folge ich nur meinem Herzen, und das müsstest du ja verstehen – sofern du eins besitzt, denn da bin ich mir nicht sicher. So oder so: Ich verlasse dich für Albert.“
     Nach einer schwungvollen Drehung verschwindet sie wieder im Bad, aus dem ich kurz darauf einen schrägen Singsang vernehme. Schweigend sitze ich am Frühstückstisch und lausche dem Ticken der Kuckucksuhr im Flur.
     Jetzt, da mir meine Frau nicht mehr in den Ohren und Albert mir nicht mehr im Verstand liegen, ist es für einen Moment ziemlich still um mich geworden. Angst kommt bei dem Gedanken in mir auf, dass Albert mich tatsächlich für meine Frau verlassen haben könnte, da höre ich ein leises Lachen in den Tiefen meines Verstandes.
     Und da weiß ich, dass alles gut bleibt.




Camilla Grüner wurde 1991 geboren und lebt in Köln. Während ihrer akademischen Laufbahn an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn erlangte sie einen Bachelorabschluss in den Fächern Philosophie (Hauptfach) sowie Psychologie (Nebenfach) und schloss diese mit einem Masterabschluss im Fach Philosophie ab. Dazu geht sie einem vollwertigen Studium der Psychologie nach. Sie arbeitet als freischaffende Künstlerin der abstrakten Malerei und widmet sich der Schriftstellerei in Form von Romanen und Kurzgeschichten, von denen bereits mehrere in Anthologien veröffentlicht wurden. BibliographieMilla taucht unter. In: Sterne angeln. Schlüsselfeld: Sperling-Verlag, 2020.Schluss mit Geschenken. In: Aumer, Romina; Kirchner, Sebastian; Zach, Florian (Hrsg.): Der Baum ist schon wieder schief – Erzählungen. Berlin: Dein-Lieblingsbuch Atelier & Verlag, 2020.Herz aus Eis. In: Marburger Verein für Phantastik e.V. (Hrsg.): Monster wider Willen!. Limitierter Sonderband. Offenbach: Verlag Lindemann, 2021.Wintersonne. In: … jetzt bräuchten wir nen Pflegedienst. Hamburg: Verlag Rückenwind Pflegedienst, 2022.Apartment 44C. In: Ickelsheimer-Förster, Bettina (Hrsg.): Rätselhafte Orte. Ruhefeld: Shadodex – Verlag der Schatten, 2022.Der Gerechtigkeit schnellster Pfeil. In: Epische Helden! Chaospony Verlag. Voraussichtlicher Erscheinungstermin: Herbst 2023.Herz aus Eis. In: Bollhöfener, Klaus (Hrsg.), phantastisch! 90. Erscheinungstermin: April 2023.Like. In: Literaturzeitschrift Veilchen. Erscheinungstermin: April 2023.NominierungVincent-Preis 2023: Anthologie Rätselhafte Orte. Ickelsheimer-Förster, Bettina (Hrsg.). Ruhefeld: Shadodex – Verlag der Schatten, 2022.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin und ZeitenGeist Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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