Die Menschwerdung des Jakob Hausmann

Sebastian Fischer für #kkl29 „Zeit“




Die Menschwerdung des Jakob Hausmann

Am Sonntagmorgen wache ich auf. Meine Haut hat sich am ganzen Körper gelöst wie bei einer Schlange. Ich kann mich kaum bewegen und bin in mir selbst gefangen. Wenn ich mich zur Seite drehe, knistert es unter meiner Bettdecke wie Pergamentpapier.

Ich habe Angst meine abgestreifte Haut zu zerbrechen. Ich weiß, das klingt verrückt. Aber eine Schlange kriecht ja auch aus ihrer Haut raus und lebt weiter. Sie lässt ihr Ich in der Wüstensonne oder in der Steppe liegen. Dann fällt der schlappe Panzer in sich zusammen und ihr altes Ich vertrocknet in der sengenden Hitze des Lebens.

Hier regnet es und der Regen klatscht an meine Fensterscheibe. Der Regen lässt mich kalt. Ich denke an gestern Abend. Die Feier bei Tobi ist aus dem Ruder gelaufen. Ich kann mich nicht mehr erinnern: Filmriss, oder so. Ich drehe mich zur Seite und gucke neben mein Bett auf den Boden. Ich raschle dabei wie eine Chipstüte. Gott sei Dank, ich habe nicht gekotzt.

Meine Eltern sagten mir noch, nicht zu viel zu trinken. Mein Vater schüttelt den Kopf und meine Mutter ruft aus der Küche zu ihm ins Wohnzimmer: „Er ist doch erst fünfzehn.“ Ich ziehe die Tür hinter mir zu und freue mich, dass mein Vater nicht gemerkt hat, dass ich den Jägermeister habe mitgehen lassen.

Meine Brustwarzen schmerzen. Meine alte Haut hängt fest. Ich streife vom Zeigefinger meiner rechten Hand das lose Hautstück wie eine Wurstpelle ab. Dann drehe ich den Arm mit einem Knistern wie an Weihnachten nach oben an meine Brustwarze. Ich schiebe die Hand unter mein altes Ich und drücke die Brustwarze frei. Es fühlt sich an wie Pflaster abreißen. Da hilft nur schnell sein. Auch die linke Brustwarze kriege ich so frei. Ich atme schnell. Ein Pflaster von der Brustwarze zu ziehen ist echt fies. Ich streiche mir zur Beruhigung über meine Brust. Erschrocken ziehe ich die Hand zurück. Ich fühle überall Haare.

Mit dem Arm schlage ich die Bettdecke von mir runter. Ich liege wie unter einer schuppigen Wachsschicht aus dünner Haut. Oder wie nach einem Sonnenbrand. Erst bilden sich Hitzebläschen und dann kann man die Haut in großen Lappen abziehen. Nur hier ist schon alles abgezogen und wieder vertrocknet. Ich komme mir vor wie in einer Röhre.

Vorsichtig rieche ich an der alten Haut. Wie riecht etwas, was sich von einem gelöst hat und was man einmal war? Es riecht nach gar nichts. Ich weiß nicht, ob ich das beruhigend finden soll. Wenn alles was war nach nichts riecht, kann ich verstehen, warum alle Deo nehmen. Ich greife mir meinen alten Zeigefinger. Ich meine die Wurstpelle. Erst rieche ich vorsichtig, dann halte ich die Zungenspitze gegen den trockenen Trichter. Ich schließe die Augen und beiße ein kleines Stück von meinem alten Finger ab. Die Hautschuppen speicheln sich sofort ein und werden weich wie Kaugummi. Ich bilde mir ein, dass es salzig schmeckt. Ich will das Stück schnell wieder ausspucken, aber es hat sich am Schneidezahn festgeklebt. Ich werde irre. Ich will nicht in mir selber sein. Ich muss raus.

Ich drehe mich zu Seite. Jetzt nehme ich keine Rücksicht mehr auf meine alte Haut. Soll sie doch in Fetzen reißen. Ich richte mich auf und ziehe die Beine unter der Bettdecke hervor. Schnell drehe ich mich auf meinem Bett und setzte mich auf die Bettkante. Überall reißt die Haut ein und bricht in Stücken von mir ab. Vor meinem Bett liegen die Hautschuppen. Ich stürze ins Bad. Im Badezimmer reiße ich die restlichen Hautfetzen von mir runter und werfe sie ins Klo.

Erleichtert stelle ich mich vor die Kloschüssel. Ein langer Hautfetzen hängt an meinem Penis. Ich reiße mir den letzten kindlichen Rest vom Körper und kann wie befreit pinkeln.




Sebastian Fischer, Jahrgang 1967, lebt mit seiner Familie in Schleswig-Holstein. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler arbeitete zehn Jahre als Unternehmensberater, bevor er sich als Freier Berater selbständig machte. Er war Teilnehmer am Jahreskurs des Autorendocks bei Sven Amtsberg in Hamburg.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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