Martin A. Völker für #kkl29 „Zeit“
Zeitverlorener Selbstgenuss
Wer denkt schon im Frühsommer an Weihnachten? Das Jahresende liegt in weiter Ferne und damit jene Beschleunigung, die spätestens in der Adventszeit alles und jede:n erfasst. Keine Spur davon in sommerlicher Wärme. Wie ein weiches und schützendes Tuch liegt sie über den Dingen. Wir fühlen uns umkost, nicht wie sonst vom bewegungsreichen Sturm umtost. Je wärmer es wird, desto geringer die Bewegung, bis alles stillsteht. Siesta. Schaue dir dazu das Gemälde von Gustave Courbet an, die junge Frau, die in einer Hängematte Siesta hält. Sich hängen lassen: Wann ist das mit gutem Gewissen möglich? Wenn es dir möglich erscheint, hörst du sofort die innere, die verinnerlichte Stimme, dass du dich nicht hängen lassen sollst. Und manchmal fühlst du dich, als würdest du durchhängen. Aber ist das wirklich dein eigenes Gefühl, welches dich so empfinden lässt? Oder greifst du dem Eindruck vor, den du bei anderen erwecken könntest? Wenn du tatsächlich einen Durchhänger hättest, wäre es nicht höchste Zeit, dir einen Ort, eine Umgebung zum Ab- und Durchhängen zu suchen? Eine Hängematte, eingeschlossen vom Duftgrün der Bäume, die im leichten Wind sanft schaukelt, aber nicht in der Zeit? Mit einem guten Gewissen und ganz bewusst durchhängen außerhalb der Zeit, das ist es, wonach wir uns sehnen. Der Sommer gibt uns dieses Gefühl. Hast du es einmal probiert, dir dieses Gefühl zu erhalten, wenn der Sommer vorübergeht? Alles, was dir Licht, Wärme, Farben, wohlige wie erinnerungsreiche Düfte und ein tiefes Atmen schenkt, trägt dazu bei. Fehlen diese Elemente, treten Herbst und Winter durch die Jahrestür. Die Tür zu deinem Inneren bleibe ihnen jedoch verschlossen. Eigentlich ist es grundfalsch, die Sommerzeit Ende März beginnen zu lassen. Ende Oktober, wenn sie endet, wäre der rechte Augenblick, um die Sommerzeit im Inneren auszurufen. Nur mit dem Sommer im Herzen lassen sich der nasse Herbst und der kristallkalte Winter ertragen. Obwohl Sommer und Zeit sich widersprechen, weil der Sommer die Zeit gefühlsmäßig aussetzt. Wir wollen dennoch nicht zu schlecht über den Springlauf der Zeit reden. Ja, die Zeit setzt uns unter Erledigungsdruck, in einer gewissen Zeitspanne müssen wir etwas leisten und haben doch keine Zeit. Wer soll da gesund bleiben? Ganz abgesehen von den vielen Zeiträubern, die uns am Tageswegrand auflauern. Allerdings gibt es da diesen einen Moment, der dir den rauschenden, verrauschenden Zeitenlauf bewusst macht, der dir die Vergänglichkeit und das Altern vor Augen führt und trotzdem schönste Gefühle auslöst: Im Keller steht sie, die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck. Vor dem ersten Advent wirst du sie nach oben in die Wohnung tragen, und es wird dir vorkommen, als hättest du sie eben erst nach unten gebracht. Millisekunden, in denen dich Erinnerungen durchfluten: Der tränende Blick auf den ersten geschmückten Tannenbaum, das letzte Weihnachtsfest mit deinen Eltern, das erste mit deinen Kindern, die geliebten Geschenke und die verhassten und weitergewichtelten. Ein gefühliger Zeitensturm wirbelt dein Inneres kräftig durch, bevor du in erschöpfter Beseeltheit deine innere Mitte, die Sommerzeit in dir, die keine Zeit kennt, wiederfindest. Freue dich im Sommer auf diesen anderen Sommer, den ewigen Sommer, mit dem du dich selbst beschenkst.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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