Im Einklang mit den Gezeiten

Bernd Lange für #kkl29 „Zeit“




Im Einklang mit den Gezeiten

Manchmal braucht es einfach ein bisschen mehr an Zeit, um zu verstehen, dass du irgendwie angekommen bist. Wobei sich das Irgendwie daran festmachen lässt, dass es sehr viel intensiver ein Irgendwo ist. Irgendwie, irgendwo … entscheidend zeigt es sich im Irgendwann. Du wachst aus deinen Gedankengängen auf, die sich mit dem Augenblick vermischen. Und du spürst, jetzt ist für dich der Zeitpunkt gekommen, angekommen zu sein.

Du siehst es vor dir, dein Meer. Wenn der Wind deine Haare vermisst, wenn jede Welle ein Seufzer und jedes Sandkorn

ein Blick von dir ist. Auf der Wellenlänge eines Gedankensprunges fehlt der Erinnerung die Vorstellungskraft des Vergessens. Die Erinnerung geht mit dem Wind, mit den Wellen, mit den Sandkörnern auf Reise.

Später dann, wenn die ersten Sterne die Nacht einleuchten, gehört es dir, das Meer. Nicht ganz, es sind die Boote der Fischer weiter draußen, die Positionslichter blinzeln Zuversicht. Der Strand jedoch, dort, wo die Wellen jetzt

kräftiger am noch vom Tage aufgewärmten Sand lecken, bleibt dir allein. Blech und Horn der langsam steigenden Flut spielen dir die unendlich fließende Sinfonie sanfter Töne. Fisches Nachtgesang. Und als dann auf der Wasseroberfläche vor dir der Mond eine seiner zauberhaften Geschichten tanzen lässt, spürst du die Ruhe, die dein Meer dir lächelnd schenkt …

Links, in weiter Ferne, blinkt dir der Leuchtturm seinen Traum von fernen Meeren, denen er nie begegnen wird.

Rechts, ganz am anderen Ende des Strandes, erwähnen zahlreiche Lichter im vom Wind zerfetzten Worten das

Leben eines Fischerdorfes an den Felsen über der Bucht.

Heute, tagsüber, macht selbst das Meer Urlaub. Der Regen füllt seine Oberfläche mit lauter süßen Tropfen. Tropfen,

die aus unruhigen Wolken fallen. Aus tiefhängenden, vorbeifliegenden Wolken, die im Schlepptau stürmischer

Winde übers Meer und weiter über den Strand bis hin zu den Felsen landeinwärts ziehen. Grauglänzende Felsen, hier und da vom Ginster gelb bemalt, die ihnen, den regenschweren Wolken, so scheint es, grollend im Wege stehen.

Tropfen laufen über dein Gesicht, tränen in den Augen, schmecken salzig. Sie haben sich vermischt … die, die aus

den Wolken fallen, mit denen, die der Wind dir aus der Gischt ins Gesicht bläst.

Du bist dir sicher, dass es sich wundervoll anhören muss, wenn du schweigend am Saum des Meeres entlanggehst … wie dann sogar alle Gedanken verstummen, sich zärtlich berühren. Die Brandung schäumt bis zu deinen Füßen, spielt mit Holzstücken, Strandgut, das die Wellen über den gesamten Strand bis an den Fuß der Felsen spülen. Wenn das Wasser zurück ins Meer weicht, bevor es wieder von der nächsten Welle überrollt wird, strömen trotz der Grau-in-Grau-Stimmung Wunder von Farben und Zeichnungen zwischen deinen Füßen – Muschelreste, Seestern- und Seeigelstücke, Glassteinchen, zermahlene Kiesel, Algengrün, verfilzte Seegrasbällchen, Möwenfedern …

Das ewig bewegte Meer, es spielt mit dir und du spielst mit ihm. In dir steht still die Zeit.





Bernd Lange
       
http://www.schreiberei-b-lange.de

Was ich über mich schreibe:

_ geboren am 11. Juli 1949 in Berlin;

_ gewachsen in Köln;

_ gelebt in Stuttgart, Freiburg und wieder in Stuttgart;

_ geschäftlich bis 2018 als selbständiger Werbe- und PR- 

  Texter, Konzeptioner sowie Redakteur, Fachautor und Blog-

  Arbeiter unterwegs gewesen;

_ Dozent für Kommunikation und Werbliches Schreiben;

_ seit 2022 im “Unruhestand“ an der Uni Tübingen nochmals

  angefangen zu studieren: Literaturwissenschaft/Kreatives

  Schreiben und Klassische Archäologie.

Was andere über mich erzählen:

Vor meiner Schreibmaschine sitzt er, lebt er.

Freut sich über geglückte Worte, verflucht misslungene.

Wenn der Mond mit seinen Schatten Sujets camoufliert, ist er glücklich.

Und wenn dann die Sonne wieder mit ihrer Evidenz prahlt, geht sein Leben weiter.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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